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4.1 Prävention als Herausforderung für Unternehmen

Die Folgen von Stress, Multitasking und anderen arbeitsbedingten Belastungssituationen wurden im Kapitel 2 bereits ausführlich dargelegt. Der Forschungsansatz und die zu entwickelnden Aufmerksamkeitsprofile sollen nachhaltig einen Beitrag zur Reduzierung von arbeitsbedingten Belastungssituationen, insbesondere der kognitiven Überbelastung, leisten.

Die Grundannahme lautet dabei, dass jeder Arbeitnehmer eine individuelle Belastungskonstitution hat, die von seiner persönlichen, psychischen wie physischen Situation abhängig ist. Diese Konstitution ist in einem gewissen Maße von Tag zu Tag unterschiedlich und abhängig von der schon geleisteten und der aktuell zu bewältigenden Aufgabe. Belastende Einflüsse wirken unterschiedlich stark auf den individuellen Mitarbeiter und führen zu unterschiedlich großen Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit, Konzentrationsfähigkeit und den Erschöpfungszustand. In der modernen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft sind diese drei Zustände insbesondere mit der Konstitution des Gehirns des individuellen Arbeitnehmers in Verbindung zu bringen.

Auch wenn Muskel-Skelett-Erkrankungen die häufigste Ursache für Arbeitsausfälle in deutschen Unternehmen darstellen, [1] so ist es doch überwiegend die mentale Belastung und nicht die körperliche Anstrengung, die Arbeitnehmer an Computerarbeitsplätzen erschöpft und eine Regeneration der Leistungsfähigkeit nötig macht.

Die Bedeutung von Erholungsphasen beschreiben u.a. auch Meijman und Mulder anhand des „effort-recovery model“. Dies geht davon aus, dass arbeitsbedingte Beanspruchung zu einer psychologischen Belastung führt, die prinzipiell wieder ausgeglichen werden kann, das heißt innerhalb einer bestimmten Zeit wieder auf ein bestimmtes Basislevel gebracht werden kann. Dieses Basislevel wird grundsätzlich als das Level betrachtet, dass vorherrscht, wenn keine speziellen (Arbeits-) Anforderungen an den Arbeitnehmer gestellt werden. [2] Zur Erholung ist es dabei notwendig, dass keine Funktionssysteme beansprucht werden, die durch die Arbeitstätigkeit gefordert werden. Dies bedeutet aber auch, dass der Arbeitnehmer nicht notwendigerweise vollständiger Ruhe ausgesetzt werden muss, solange andere Funktionssysteme beansprucht werden, zum Beispiel durch sportliche Aktivitäten bei vorheriger geistiger Beanspruchung. [3]

Weiterhin folgt die Forschungsintention dieser Arbeit der These, dass der optimale Zeitpunkt und der lohnendste Zeitraum für eine Erholungsphase bei jedem Arbeitnehmer individuell unterschiedlich ausfallen. Beide Faktoren sind wiederum abhängig von der persönlichen Konstitution und der arbeitsbedingten Beanspruchung.

Die Erstellung von Aufmerksamkeitsprofilen soll Arbeitnehmern eine Möglichkeit bieten, im Rahmen einer Eingangsdiagnostik ihre individuelle Konstitution und ihre Verhaltensweise bei Belastungssituationen kennenzulernen und einordnen zu können. Hierbei soll vor allem beurteilt werden, wie variabel die kognitive Leistungsfähigkeit ist und in welchem Grundzustand sich die neuronalen Aktivitäten bei typischen Belastungssituationen befinden. Arbeitnehmern soll es langfristig ermöglicht werden, sich individuell einzuschätzen zu können und für eine kognitive Überbelastung zu sensibilisieren. Dies könnte mithilfe einer einmaligen (bzw. mehrmaligen) EEG-Untersuchung der Mitarbeiter, also nicht einer dauerhaften Messung, erfolgen und als Ergebnis dem Mitarbeiter eine Übersicht der individuellen Konstitution liefern. In Verbindung mit einer Anleitung zum „hirngerechten“ Umgang mit diesem Wissen, kann ein Ansatz geliefert werden, der ebenfalls präventiv auf eine nachhaltige kognitive Fehlbelastung einwirkt.

Im Mittelpunkt dieses Forschungsansatzes steht dabei der Mitarbeiter, den es seitens der Unternehmung zu schützen gilt. Das Gesundheitsmanagement von Unternehmen steht als Zielgruppe bei der Verbreitung von aussagekräftigen und belegbaren Forschungsergebnissen im Mittelpunkt. Aber auch der arbeitnehmerinitiierte Wunsch nach Ermittlung des eigenen Aufmerksamkeitsprofils wäre denkbar. Langfristig soll so neben der Vermeidung von Stress und den u.a. hieraus folgenden Krankheiten, die nachhaltige Effektivität der Arbeitnehmer gesteigert werden.

Durch das Bewusstsein über das Aufmerksamkeitsprofil eines Einzelnen, könnten nachhaltigere (bezogen auf die wirtschaftliche und soziale Wirkung) Arbeitsplätze gestaltet werden. Arbeitnehmer könnten gemäß ihrer optimalen Leistungsfähigkeit eingesetzt werden. Auch die Zusammensetzung von Teams, könnte durch das bewusste Zusammenstellen nach Aufmerksamkeitsprofilen optimiert werden. Denkbar ist hierbei die Zusammenarbeit von Mitarbeitern ausschließlich eines Aufmerksamkeitsprofils, wenn ein von mehreren Mitarbeitern gemeinsam ausgeführter Arbeitsprozess, ein logisches Ende hat. Alternativ wäre aber auch die bewusste Durchmischung von Mitarbeitern bestimmter Aufmerksamkeitsprofile denkbar, wenn der Arbeitsprozess bewusst kontinuierlich fortgesetzt werden soll und somit die unterschiedliche Inanspruchnahme von Pausenzeiten der Mitarbeiter für den Arbeitsprozess vorteilhaft wäre.

Die Erkenntnisse aus den Forschungsarbeiten sollen zu einer nachhaltigeren Mitarbeiterführung und gesundheitsbewussteren Arbeitsbedingungen führen. Daher werden in den Ausarbeitungen bewusst die möglichen Vorteile und Chancen beschrieben, die aus dem Bewusstsein von differenzierten Aufmerksamkeitsprofilen bei Arbeitnehmern entstehen können. Jede Aufzeichnung von Mitarbeiterdaten kann natürlich auch zur Kontrolle der Beschäftigten oder gegen einen Angestellten verwendet werden. Auf diese missbräuchliche Anwendung, im Zusammenhang mit Aufmerksamkeitsprofilen, wird im Folgenden schwerpunktmäßig jedoch nicht eingegangen. Weitere Aspekte die vor einer praktischen Einführung oder Erprobung in einem Unternehmen zu berücksichtigen wären, werden in Kapitel 7 angesprochen.

  • [1] Vgl. DAK-Gesundheit, Gesundheitsreport 2013, S. 16f.
  • [2] Vgl. Meijman, T./Mulder, G., Psychological Aspects of Workload, in Drenth et al.: Work Psychology, 1998, S. 8f.
  • [3] Vgl. Fritz, C., Sonnentag, S., Urlaubsmanagement – Die Rolle von Erholung im betrieblichen Gesundheitsmanagement, in Meifert/Kesting: Gesundheitsmanagement im Unternehmen, 2004, S. 123.
 
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