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4.2 Wirtschaftliche Bedeutung

Mangelnde Konzentration und Unaufmerksamkeit führen in der heutigen Arbeitswelt, in der viele Arbeitnehmer durch automatisierte Arbeitsprozesse eine monetär zunehmend größere Verantwortung tragen, zu einem erhöhten wirtschaftlichen Risiko für Unternehmen. [1] Fehlbeanspruchungen und deren Folgen für die Mitarbeiter und die Unternehmen selbst, müssen daher immer stärker in den Fokus der Unternehmensleitung rücken und die Vermeidung dieser, ein definiertes Ziel sein.

Neben den Kosten die durch Fehler produziert werden, sind die Kosten die durch Krankheit oder körperliche und geistige Beeinträchtigung von Mitarbeitern entstehen, eine relevante finanzielle Größe für deutsche Unternehmen, Krankenkassen, Sozialversicherungsträger und die gesamte Volkswirtschaft.

Nach Schätzungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin belaufen sich die in 2011 durch Arbeitsunfähigkeit entstandenen volkswirtschaftlichen Produktionsausfälle (Lohnkosten) in Deutschland auf insgesamt 46 Mrd. Euro und der Ausfall an Bruttowertschöpfung (Verlust an Arbeitsproduktivität) auf insgesamt 80 Mrd. Euro. [2] Eine Studie von Behner et al. beziffert die Produktivitätsverluste aufgrund chronischer Erkrankungen in Deutschland 2010 auf 38 75 Milliarden Euro, was rund 1 2 % des Bruttoinlandsproduktes ausmacht. Hiervon entfallen ca. 10 21 Milliarden auf das Krankheitsfeld „Depression“. Pro depressiven Patienten entstehen demzufolge durchschnittlich ca. 4.000 8.000 Euro an Produktivitätsverlust. [3]

Diese Summen werden als Präventionspotenzial für die Volkswirtschaft bzw. als Nutzenpotenzial für Präventionsmaßnahmen beschrieben. Zu beachten ist bei den Zahlen zudem, dass nur die mit einer ärztlichen Krankschreibung gemeldeten Arbeitsausfälle berücksichtigt sind und nicht die KurzzeitArbeitsunfähigkeiten. [2] Die genannten Beträge der volkswirtschaftlichen Verluste sind folglich noch deutlich höher.

Arbeitsausfälle, die durch die Diagnose „Psychische und Verhaltensstörungen“ verursacht werden, nehmen mit insgesamt 59,2 Mio. Arbeitsunfähigkeitstagen den dritten Rang innerhalb der häufigsten Ausfallursachen ein. Insgesamt führte dieses Krankheitsfeld zu 5,9 Mrd. Euro Produktionsausfall für die deutsche Volkswirtschaft. [5]

Die langfristigen Folgen von Fehlbeanspruchung und Stress können psychische Störungen oder auch psychovegetative Beschwerden sein. Unter psychovegetativen Beschwerden, wie z.B. allgemeiner Müdigkeit oder Niedergeschlagenheit, litten 2012 in Deutschland rund 57 % der abhängig Beschäftigten. Von körperlicher und emotionaler Erschöpfung berichteten insgesamt 17 % der Befragten. Bei beiden Beanspruchungsfolgen zeigten Frauen insgesamt höhere Beschwerdewerte. [6]

Ein weiterer Aspekt mit wirtschaftlicher Bedeutung für Unternehmen ist, neben dem Produktivitätsausfall durch Arbeitsunfähigkeit (Absentismus), das Erscheinen von kranken Arbeitnehmern am Arbeitsplatz (Präsentismus). Durch die verringerte Leistungsfähigkeit, vermehrte Fehler, verschleppte Krankheiten oder angesteckte Kollegen kann es ebenfalls zu Produktivitätsverlusten für Unternehmen kommen. Genaue Zahlen zum Präsentismus sind meist nicht zu erhalten, da sie nicht genau erfasst werden bzw. erfasst werden können. Studien aus dem US-Amerikanischen Raum zeigen jedoch, dass Präsentismus ähnlich hohe Produktivitätsverluste verursacht wie Absentismus. [7]

Es ist davon auszugehen, dass gerade Arbeitnehmer mit psychischen Erkrankungen, zu einem großen Teil weiterhin zur Arbeit gehen, da diese Erkrankungen oft für Außenstehende nicht so offensichtlich sind und vom Arbeitnehmer (bewusst oder unbewusst) leichter versteckt werden können. Zudem haben psychische Erkrankungen in der Regel einen schleichenden Beginn. Dadurch ist es meist der Fall, dass Arbeitnehmer bei denen eine psychische Erkrankung diagnostiziert wird, im Vorfeld schon eine gewisse Zeit mit der Erkrankung gearbeitet haben und dies mit verminderter oder abnehmender Leistungsfähigkeit.

Der Forschungsansatz dieser Arbeit bezieht sich schwerpunktmäßig auf Arbeitnehmer, die an einem computerunterstützen Arbeitsplatz tätig sind. Viele dieser Arbeitsplätze sind im Dienstleistungsbereich angesiedelt.

Der Ausfall an Bruttowertschöpfung pro Arbeitsunfähigkeitstag beträgt im Bereich der Dienstleistungen durchschnittlich zwischen 112 und 238 Euro. Insgesamt entstanden 2011 Bruttowertschöpfungsausfälle im Dienstleistungsbereich in Höhe von rund 32 Milliarden Euro. Auf die Diagnosegruppe „Psychische und Verhaltensstörungen“ entfallen hiervon 3,87 Milliarden Euro in Jahr 2011 bei rund 28,1 Millionen Arbeitsunfähigkeitstagen. [8]

Bei einer konkreten Betrachtung der Entwicklung des Anteils von psychischen Erkrankungen an den gesamten Arbeitsunfähigkeitstagen wird deutlich, welche Bedeutung gerade diese Diagnosegruppe für die deutsche Wirtschaft hat. Insgesamt wurden im Jahr 2010 durchschnittlich rund 12,2 % aller Fehltage durch psychische Erkrankungen verursacht. [9]

Auch angesichts der demografischen Entwicklung in Deutschland ist es notwendig, dass präventiv bezüglich der Anzahl der Langzeit-AU-Fälle und dem frühzeitigen Ausscheiden von Mitarbeitern aus dem Arbeitsleben gehandelt werden muss.

Die deutsche Bevölkerung und somit auch die Arbeitnehmer in Deutschland werden im Durchschnitt immer älter. [10] Bei einer zunehmenden Anzahl an AUTagen bei steigendem Alter der Arbeitnehmer[11] ist davon auszugehen, dass krankheitsbedingte Arbeitsausfalltage insgesamt in Zukunft zunehmen werden. Dies führt ebenso zu einem erhöhten Ausfall an Bruttowertschöpfung, wie die Probleme im Zusammenhang mit einem steigenden Fachkräftemangel.

Psychische Erkrankungen haben auch bei den Gründen für eine Frühberentung eine erhebliche Bedeutung. 24,5 % der Männer und 35,5 % der Frauen in Deutschland scheiden aufgrund einer psychischen Erkrankung vor dem planmäßigen Renteneintrittsalter aus dem Berufsleben aus. [12]

Das kurzfristige (Krankschreibung) und das langfristige (Frühberentung) Ausscheiden von Mitarbeitern aus den Unternehmen hat wie dargestellt einen negativen wirtschaftlichen Einfluss auf deutsche Unternehmen und die volkswirtschaftliche Bruttowertschöpfung. Neben den sozialen Aspekten gibt es folglich auch die wirtschaftliche Notwendigkeit, psychischen Erkrankungen präventiv entgegenzuwirken.

Unterstellt man den deutschen Arbeitgebern, dass ihnen an einer nachhaltigen Unternehmensführung gelegen ist, so sollten Maßnahmen zur psychischen Entlastung ihrer Arbeitnehmer eine zunehmend stärkere Bedeutung im Rahmen des Gesundheitsmanagements der Unternehmen erlangen. Dies ist als gesellschaftliche sowie unternehmerische Herausforderung zu betrachten.

  • [1] Vgl. Hacker, W., Allgemeine Arbeitspsychologie, 2005, S. 33.
  • [2] Vgl. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Volkswirtschaftliche Kosten durch Arbeitsunfähigkeit 2011, Juni 2013, S. 1, baua.de/de/Informationen-fuer-diePraxis/Statistiken/Arbeitsunfaehigkeit/Kosten.html
  • [3] Vgl. Behner, P. et al., Effekte einer gesteigerten Therapietreue: Bessere Gesundheit und höhere Arbeitsproduktivität durch nachhaltige Änderung des Patientenverhaltens, Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit Booz & Company Inc., 2012.
  • [4] Vgl. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Volkswirtschaftliche Kosten durch Arbeitsunfähigkeit 2011, Juni 2013, S. 1, baua.de/de/Informationen-fuer-diePraxis/Statistiken/Arbeitsunfaehigkeit/Kosten.html
  • [5] Vgl. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Volkswirtschaftliche Kosten durch Arbeitsunfähigkeit 2011, Juni 2013, S. 2, baua.de/de/Informationen-fuer-diePraxis/Statistiken/Arbeitsunfaehigkeit/Kosten.html
  • [6] Vgl. Lohmann-Haislah, A., Stressreport Deutschland 2012, S. 93ff.
  • [7] Vgl. Oldenburg, C., Präsentismus – die zweite Seite der Gesundheitsmünze, Stressreport Deutschland 2012, S. 134f.
  • [8] Vgl. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Volkswirtschaftliche Kosten durch Arbeitsunfähigkeit 2011, Juni 2013, S. 3ff, baua.de/de/Informationen-fuer-diePraxis/Statistiken/Arbeitsunfaehigkeit/Kosten.html
  • [9] Vgl. Bundespsychotherapeutenkammer, BPtK-Studie zur Arbeitsunfähigkeit Psychische Erkrankungen und Burnout, 2012, S. 16f.
  • [10] Vgl. BKK Bundesverband, BKK Gesundheitsreport 2012, S. 14.
  • [11] Vgl. ebenda, S. 91.
  • [12] Vgl. Rehfeld, U.G., Gesundheitsbedingte Frühberentung, Gesundheitsbericht des Bundes, Robert Koch-Institut, 2006, S. 14f.
 
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