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6.4 Studienergebnisse

Die Auswertungen der EEG-Messergebnisse haben gezeigt, dass bei den Probanden während der Aufgabenbearbeitung insgesamt hohe Alpha-Werte im Bereich von 8 bis 12 Hertz festzustellen waren. Dies deutet auf eine entspannte Aufmerksamkeit während der Aufgabenbearbeitung hin. Eine stark fokussierte oder sogar angespannte Aufmerksamkeit konnte während der Durchführung der Aufgaben nicht nachgewiesen werden.

Die Auswertung der Ergebnisse der kognitiven Aufgaben hat gezeigt, dass die Bearbeitung der verhältnismäßig einfachen Aufgaben erhebliche Fehler aufwiesen. Die Rechenaufgabe wurde lediglich von rund 46% der Probanden korrekt gelöst, die Frage zur Leseaufgabe (Gründungsjahr der Hochschule) konnte nur von rund 60% der Teilnehmer richtig beantwortet werden.

Da davon auszugehen ist, dass die Probanden grundsätzlich alle in der Lage gewesen wären, die Aufgaben richtig zu lösen, kann behauptet werden, dass eine stärkere Aktiviertheit der Probanden sicherlich zu genaueren Ergebnissen geführt hätte. Die niedrige Aktiviertheit wurde vermutlich durch den geringen Anreiz oder die geringe persönliche Bedeutung für die Probanden zur ausreichenden Aufmerksamkeit bedingt. Zudem ließ das Studiendesign eine Überprüfung der korrekten Aufgabenbearbeitung (z.B. durch das Abfragen von Zwischenständen bei der Rechenaufgabe) während der Messung nicht zu, da dies zu höheren Artefakten geführt hätte.

Beim Vergleich der Frequenzwerte zwischen der Gruppe 0 (falsche Antwort) und der Gruppe 1 (richtige Antwort) während der Bedingung 3 „Rechnen“, konnte festgestellt werden, dass die Probanden der Gruppe 1 insgesamt über alle Frequenzbereiche ein höheres Leistungsspektrum zeigten. Dies liefert einen Erklärungsansatz für die besseren Ergebnisse.

Lässt man wenige Ausreißer unberücksichtigt, so konnte bei den untersuchten Personen gerade bei der kognitiven Aufgabe „Rechnen“ keine deutliche Variabilität der Frequenzbereiche festgestellt werden. Auch zwischen den Bedingungen konnten keine nennenswerten Aufmerksamkeitsunterschiede bestätigt werden. Ausnahme war hierbei die Bedingung „Closed-Eyes“, die durch den physiologischen Effekt der geschlossenen Augen (Berger-Effekt) einen trennschärferen Unterschied (höhere Alpha-Werte) gegenüber den weiteren Bedingungen zeigte.

Da die kognitiven Aufgaben bei der Auswertung der EEG-Daten diese deutlichen Ergebnisse nicht liefern konnten, ist eine allgemeingültige Aussage zur kognitiven Leistungsfähigkeit der Probanden wissenschaftlich nicht möglich (Widerlegung der 3. Hypothese). Hierfür müsste bei einer weiteren Studie ein Kontrollmechanismus eingearbeitet werden, der eine Kontrolle der vorgeschriebenen und konstanten Aufgabenbearbeitung möglich macht. Zudem müssten die Aufgabenanforderungen deutlich gesteigert und der Anreiz zur Leistungsfähigkeit erhöht werden. Erst hierdurch wäre eine differenzierte Bewertung der Probanden möglich. Diese Aufgaben könnten des Weiteren in verschiedene Schwierigkeitsstufen eingeteilt werden, um die Variabilität der Aufmerksamkeit der einzelnen Probanden zu überprüfen.

Die Studienergebnisse bestätigen die theoretischen, neurowissenschaftlichen Grundlagen über einen aufmerksameren Zustand der Probanden bei konstanter Beanspruchung (wie z.B. beim Lesen) und einer reduzierten Aufmerksamkeit beim Abrufen von erlerntem Wissen (z.B. beim Rechnen).

Für den betriebswirtschaftlichen Einsatz lässt sich durch die vorliegenden EEGDaten zunächst einmal festhalten, dass geschlossene Augen schon innerhalb von zwei Minuten bei allen Probanden zu erhöhten Alpha-Werten und somit einem Zustand erhöhter wachsamer Entspannung geführten haben. Dies spricht für die Theorie der Effektivität von häufigen Kurzpausen.

Das zweiminütige Schließen der Augen am Arbeitsplatz führt somit grundsätzlich (da physiologisch bedingt) zu einer erhöhten Reduzierung der physiologischen Beanspruchung des Hirns und hierdurch zur physiologisch-geistigen Entspannung.

Die Steigerung des Alpha-Bereiches konnte bei den im Rahmen der Studie getesteten Probanden innerhalb des zweiminütigen Intervalls mit geschlossenen Augen durchgängig festgestellt werden. Dies muss bei der Untersuchung einer anderen Gruppe (z.B. Arbeitnehmer eines Unternehmens) nicht immer der Fall sein. Zudem wurde der Zeitpunkt des Alpha-Anstiegs nicht ausgewertet. Aus den Erfahrungen des Studienleiters, die durch die Beobachtung während der Aufzeichnung gemacht wurden, ist jedoch festzustellen, dass dieser Anstieg sehr unterschiedlich bezüglich des Zeitpunktes und der Stärke ausfiel.

Bei Arbeitnehmern deren Alpha-Werte bei geschlossenen Augen nicht deutlich ansteigen oder der Anstieg über einen deutlich längeren Zeitraum geschieht, kann ein gezieltes Alpha-Training zu effektiveren Erholungsphasen führen. Dies kann folglich zu betriebswirtschaftlichen Vorteilen führen. Gerade in Zeiten in denen wenige Pausen genommen werden können, ist es wichtig, dass diese effektiv durchgeführt werden.

Für Aussagen zur Gestaltung von „hirngerechten“ Arbeitsplatzsituationen in Unternehmen, müssten die Studienbedingungen und Aufgabenanforderungen während der EEG-Messungen einer der Realität näher kommenden Arbeitssituation angepasst werden. Mit „hirngerecht“ ist in diesem Fall gemeint, dass ein Arbeitnehmer abhängig von seinem situativen Leistungszustand eine angepasste Arbeitsaufgabe erledigen kann. Bei einem hohen Alpha2-Wert wäre der Arbeitnehmer dann beispielsweise in einer guten Konstitution für kognitiv anstrengende Aufgaben.

Die Hüllkurven-Darstellungen verschaffen einen verständlichen Überblick über den dominanten Frequenzbereich von verschiedenen Aufmerksamkeitstypen (Bestätigung der 2. Hypothese). Die Messergebnisse lassen eine signifikante Hüllkurven-Erstellung nur für die Bedingung „Closed-Eyes“ zu. Innerhalb dieser Bedingung sind drei deutlich voneinander unterscheidbare Hüllkurven entstanden.

Im Rahmen von weiteren Studien könnten Tests zur Überprüfung differenzierter Fähigkeiten zur Aufmerksamkeit und Entspannung innerhalb dieser drei Aufmerksamkeitsgruppen durchgeführt werden.

Das Ergebnis der Studie sind drei differenzierte Aufmerksamkeitstypen (Abbildung 35), die sich bei geschlossenen Augen, bezogen auf den dominanten Frequenzbereich, deutlich voneinander unterscheiden (Bestätigung der 1. Hypothese). Auf Grundlage dieser Hüllkurven und aus den Schlussfolgerungen der weiteren Studienerkenntnisse bezüglich der Aufgabensituation (Überprüfbarkeit der korrekten Durchführung, Motivation der Probanden) können Folgestudien praxisbezogener gestaltet werden.

Abbildung 35: Hüllkurven-Darstellung der drei ermittelten typischen Aufmerksamkeitstypen

Quelle: Eigene Darstellung

 
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