Storytelling

Historische Hintergründe

Beim Geschichtenerzählen handelt es sich um ein Phänomen, das uralt und elementar für alle Nationen, Kulturen und Gesellschaften ist. Erzählungen besitzen die Fähigkeit, die Kultur-, Geschlechter- und Altersgrenzen zu transzendieren. Geschichten sind überall zu finden; ob im Film, im Comic, in der Zeitung oder in Alltagsge-sprächen, als Mythos, als Legende oder als Novelle. Es gibt sie in unterschiedlichen Formen und in allen Kulturen. Geschichten scheinen so alt zu sein wie die Sprache selbst. Alte Kulturen konnten nicht lesen oder schreiben. Daher brauchten sie eine effiziente Möglichkeit, ihre kulturellen Werte und Handlungen zu überliefern; diese Funktion erfüllten Geschichten. Dabei waren einige Geschichten von so großer Bedeutung, dass es nur wenigen Personen vorbehalten war, diese zu erzählen. Die ersten Zeugnisse von Geschichten liefern Höhlenbilder, die vor ca. 30.000 Jahren entstanden sind: Steinzeitgravuren erzählen Lebens- und Jagdgeschichten. Spätere Überlieferungen sind Göttergeschichten in der altgriechischen Mythologie, die für die Kultur unter anderem religiöse, rechtliche oder ethische Bedeutung hatten. Sie erzeugten Bindungen zwischen den Menschen und ordneten das Zusammenleben in der Gesellschaft. Aus dem Mythos entwickelten sich – vor allem aus der griechisch-römischen Kultur – Wissenschaft und Religion als eigenständige Disziplinen. Diese Differenzierung ist in der heutigen Zeit so stark fortgeschritten, dass Geschichten teilweise als leere Hülle der Vorzeit angesehen werden, und ihnen lediglich in der Unterhaltungsindustrie eine Rolle zugeschrieben wird.

Dennoch ist das Geschichtenerzählen auch heute noch fester Bestandteil einer Kultur zur zwischenmenschlichen Kommunikation, die jeder Mensch kennt und erfahren hat, z.B. in der Erziehung. In den letzten 20-30 Jahren findet eine Neuentdeckung des Erzählens von Geschichten in Unternehmen statt, insbesondere um Wissen zu bewahren oder Informationen weiterzugeben. Lag der Fokus Ende des

20. Jahrhunderts auf Geschichten, die vom Unternehmen erzählt wurden, zeichnet sich eine Entwicklung ab, dass Geschichten der jeweiligen Bezugsgruppen über das Unternehmen oder seine Dienstleistungen bzw. Produkte in den Vordergrund rücken.

Merkmale von Geschichten

Laut GABRIEL sind Geschichten „narratives with plots and characters, generating emotion in narrator and audience, through a poetic elaboration of symbolic material.” Dieses Material kann dabei entweder ein Produkt der Fantasie oder der Erfahrung sein. In Geschichten findet eine Transformation von einem Ausgangszu einem Endzustand statt. Es wird jedoch erst von einer Geschichte gesprochen, wenn (a) die Ereignisse logisch, chronologisch zu Handlungsfolgen aneinandergereiht werden und (b) die beteiligten Charaktere und Handlungen integriert werden. Zu den vier Grundelementen einer Geschichte zählen laut FOG et. al. eine Botschaft, ein Konflikt, verschieden Charaktere und ein Plot.

Die Botschaft beinhaltet die Kernaussage und ist zugleich das wichtigste Element einer Geschichte. Der Konflikt erzeugt Dynamik und macht eine Geschichte spannend. Die Bewältigung dessen stellt eine Herausforderung dar und signalisiert einen Wendepunkt in der Geschichte. Die Charaktere, die jeweils eine bestimmte Funktion bzw. Rolle einnehmen, stehen miteinander in Verbindung. Der Handlungsverlauf (Plot) setzt die einzelnen Handlungsabläufe zeitlich sowie örtlich zu einem einheit-lichen Bild zusammen. Weit verbreitet ist, die Botschaften nach einer bestimmten Dramaturgie aufzubereiten. In diesem Zusammenhang hat sich CAMPBELLs Dramaturgie der sogenannten Heldenreise etabliert. Abgekürzt dargestellt, besteht eine Heldenreise aus den folgenden Phasen: der Ruf des Abenteuers, der Aufbruch des Helden ins Unbekannte, der Weg der Prüfungen, der Schatz, die Rückkehr des Helden (Abbildung 8).

Abbildung 8: Vereinfachter Zyklus der Heldenreise nach CAMPB

Die Besetzung der einzelnen Rollen basiert meistens auf dem Rollenmodell nach GREIMAS, der die Rollen mit den Protagonisten des klassischen Märchens besetzt: Held (Ritter), Gegner (Bösewicht/Zauberer), Wunschobjekt (Prinzessin), Auftraggeber (König), Helfer (Weggefährte) und Nutznießer.

Im Gegensatz zum argumentativen Denken, das theoretische Überlegungen und Fakten zum Ausgangspunkt nimmt, erzählt eine Geschichte von Personen in einem ganz bestimmten Umfeld mit ganz bestimmten Handlungen. Mit dem argumenta-tiven Denken erfassen Menschen die Fakten und allgemeine Regeln sowie Gesetze, mit dem narrativen Denken hingegen werden Zusammenhänge, Sinn, Orientierung und Visionen erschaffen. Die vorliegende Arbeit folgt der üblichen Verwendung der Begriffe „Geschichte“ und „Erzählung“ und gebraucht sie synonym zum Begriff „Narration“.

In der Literatur findet sich eine Vielzahl an Typisierungsmöglichkeiten von Geschichten. Eine Darstellung würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Für die vorliegende Arbeit relevant sind insbesondere folgende Formen bzw. Geschichtsarten: REINMANN-ROTHMEIER und VOHLE unterscheiden zwischen authentischen Geschichten, die man in Unternehmen vorfindet, und analogen Geschichten, die man kreiert. Zuerst genannte handeln von realen Ereignissen, um so vergangene Prozesse zu reflektieren oder besser nachvollziehen zu können. Analoge Geschichten sind fiktiv bzw. konstruiert oder editiert, mit dem Ziel, dass die Zuhörer die Geschichte auf einen anderen Kontext übertragen sollen. NYMARK differenziert zwischen formellen und informellen Geschichten. Formelle Geschichten werden von der Unternehmensführung gezielt genutzt, um gewünschte Werte oder Verhaltensweisen zu kommunizieren, wie Dinge im Unternehmen gehandhabt werden sollen, dies allerdings auf einem oberflächlichen Level. Informelle Geschichten hingegen stiften Sinn und Bedeutung für bestimmte Ereignisse unter den Mitarbeitern, können jedoch nicht vom Management beeinflusst werden.

Im Unternehmenskontext präzisiert THIER den Geschichten-Begriff; sie versteht unter organisationalen Geschichten „historisch belegbare, aber auch rein fiktive Erzählungen, Mythen, Legenden, Märchen, Erfahrungsberichte, Fallgeschichten und Anekdoten […], die über einen längeren Zeitraum hinweg im Unternehmen von unterschiedlichen Mitarbeitern beziehungsweise Teams erzählt werden, entweder als vollständige Geschichte, in Fragmenten, zur Unterhaltung oder um damit einen bestimmten Zweck in der Organisation zu verfolgen.“

 
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