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2.3 Denkschulen der Internationalen Beziehungen

In der politikwissenschaftlichen Teildisziplin der Internationalen Beziehungen ha- ben sich in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von interessanten Ansätzen zur Ana- lyse internationaler Phänomene entwickelt. [1] Um den Rahmen einer kurzen Über- sicht an dieser Stelle nicht zu sprengen, werden im Folgenden zum einen nur die relevanten Denkschulen vorgestellt und zum anderen die Zuordnung einzelner An- sätze zu bestimmten Theorieschulen in Anlehnung an die herrschende Lehre vor- genommen (vgl. bspw. Singer, 1993; Hartmann, 2001; Lemke, 2007; Shaffer und Pollack, 2010). Für den weiteren Fortgang dieser Arbeit werden die folgenden Ab- grenzungen als relevant gewählt:

(1) Realismus und Neorealismus: Diese beiden Ansätze korrelieren deutlich mit dem Positivismus der Völkerrechtslehre, der eine ähnliche Sicht auf das inter- nationale System hat.

(2) Liberaler Institutionalismus: Der Institutionalismus umfasst u.a. die Regime- bzw. Interdependenztheorien und zeichnet sich vor allem durch die Betonung der Relevanz internationaler Zusammenarbeit aus.

(3) Konstruktivismus: Der Konstruktivismus stellt einen Sammelbegriff für ver- schiedene Ansätze dar, die „die gegenseitige Konstituierung von Akteur und Struktur betonen und [...] die endogene Herausbildung von Interessen und Identitäten in den Vordergrund ihrer Analyse stellen“ (s. Ulbert, 2006, S. 412).

Sicherlich stellen diese drei Sammelbegriffe nicht die vollständige Breite der An- sätze der Internationalen Beziehungen dar, als Orientierungspunkte sind sie je- doch geeignet. Ausführliche Darstellungen sind bereits in einer Vielzahl vorhan- den (vgl. bspw. Hartmann, 2001; Schieder und Spindler, 2006; Dunoff und Pol- lack, 2013). Um den Rahmen einer kurzen Übersicht nicht zu sprengen, sollen im Folgenden nur die sog. „Mainstreamvertreter“ dargestellt werden, anhand derer die hauptsächlichen Gemeinsamkeiten exemplarisch verdeutlicht werden sollen. Für ei- ne ausführliche Übersicht der Diskussionen in und zwischen den einzelnen Theorien sei auf die angegebene Literatur verwiesen.

2.3.1 (Neo-) Realismus

Der Beginn der Internationalen Beziehungen als eigenständige akademische Dis- ziplin kann mit dem Aufkommen der realistischen Schule gleichgesetzt werden (vgl. hierzu und zum Folgenden Hartmann, 2001, S. 23ff.). [2] Im Zentrum dieser Theorie(-n) stehen die souveränen Staaten „westfälischen Typs“, deren Verhältnis durch den Grundsatz der Nichteinmischung und der Achtung der Souveränität an- derer Staaten geprägt wird. [3]

Das (neo-) realistische Bild vom Verhältnis der Staaten untereinander kann am einfachsten durch die Allegorie der Billardkugeln verdeutlicht werden. Die Staaten werden dabei als Akteure gesehen, die auf der Weltbühne billardkugelgleich aufein- andertreffen. Dadurch kommt es im System zu Veränderungen (die Billardkugeln bewegen sich), innerhalb der Staaten treten aber keine Einflüsse auf. Letzteres muss natürlich vor dem Hintergrund der Größenordnungen (und damit Machtverhältnis- se) und der sich entwickelnden Rüstungstechnologien relativiert werden (zu Letzte- rem Herz, 1957). Durch das Fehlen einer übergeordneten Regulierungsinstanz und das einzig durch deren nationale Interessen geleitete Verhalten der Staaten, gilt im zwischenstaatlichen Verhältnis das „Faustrecht“ in Rahmen dessen sich die „Macht [...] ihr Recht [schafft]“ (s. Hartmann, 2001, S. 24ff.). Macht wird damit zur zen- tralen wirkenden Kraft (vgl. Singer, 1993, S. 51). Dies macht eine Ordnung der Staatenwelt kraft Gesetz unmöglich und die Staaten verbleiben in ihrem zwischen- staatlichen Verhältnis im Hobbes'schen Urzustand der Anarchie.

Hans Morgenthau, der mit dem 1948 erstmals veröffentlichten Werk „Politics among Nations“ als Begründer des Realismus gilt, ging davon aus, dass Gesell- schaft und Politik von objektiven Gesetzen geleitet werden (vgl. Morgenthau, 2005, S. 4). Für Morgenthau lag daher auch die Hauptaufgabe der Internationalen Be- ziehungen in der Identifikation der Gesetze, die das äußere Verhalten der Staaten determinieren. Die Aufgabe der Staatenlenker liegt in der Verfolgung der natio- nalen Interessen. Moral und Recht haben daneben keinen Platz. Diese enge Sicht marginalisiert jedoch den potenziellen Einfluss internationaler Institutionen auf die zwischenstaatliche Kooperation (vgl. Grieco, 1988, S. 488).

Auch Kenneth Waltz stellt in seiner erstmals 1979 in „Theory of International Politics“ veröffentlichten Version des Neorealismus den souveränen Staat in den Mittelpunkt der Analyse. Dabei bilden die Staaten zusammen das Staatensystem, dessen Elemente immer gleich bleiben, dessen Struktur (in Form von Machtver- schiebungen) aber wandelbar ist. Analog zur Morgenthau'schen Betrachtung exis- tiert innerhalb des Staatensystems keine übergeordnete Macht, sondern souveräne Staaten agieren nebeneinander. Dabei versucht jeder Staat sich die bestmögliche Machtposition im Verhältnis zu anderen Staaten zu sichern. Die einzelnen Macht- positionen determinieren die Struktur der Staaten untereinander. Infolgedessen ist die aktuelle Struktur des Staatensystems ein Abbild der bestehenden Machtverhält- nisse der einzelnen Staaten. So stellt die Analyse der Struktur auf das Verhalten der Akteure ab. Allerdings wird der Staat als „Black Box“ betrachtet, dessen innerstaat- liche Prozesse irrelevant für die internationalen Beziehungen sind.

Im Neorealismus wurden somit die internationalen Beziehungen gedanklich in ein System mit einer präzise definierten Struktur transformiert, was die Überfüh- rung des realistischen Ansatzes in eine Theorie bedeutete. Nach Singer (1993) ist das der fundamentale Unterschied zwischen Waltzs' (1979) Neorealismus und dem Realismus traditioneller Prägung. Ebenso integrierte Waltz mit der Theorie der rationalen Entscheidung ökonomische Methodik in seine Überlegungen. Dazu nutzte er die – heute mittlerweile weitverbreitete – Analogie zwischen dem internationa- len Staatensystem und dem ökonomischen Marktmodell. Konsequenterweise nahm Waltz an, dass Staatsverhalten stets rational sei: Staaten versuchen, ihre nationalen Interessen auf dem internationalen „Machtmarkt“ bestmöglich zu befriedigen. Da- bei folgt die Stabilität des Systems aus der Konkurrenzsituation der Staaten (Hart- mann, 2001). [4]

In der neueren Entwicklung nach dem Ende des Kalten Krieges zeigt der Neo- realismus, nach Hartmann, seine Wandlungsfähigkeit über die Anpassung der Theo- rie an die neue Struktur der internationalen Beziehungen. So dominiert heute nicht mehr die Bipolarität zwischen zwei Supermächten die internationalen Beziehungen, sondern die regionalisierte Welt tritt stärker in den Mittelpunkt des Interesses. Dar- aus folgt als neue Fragestellung die Identifikation stabiler Gleichgewichte unter den neuen Bedingungen (vgl. Hartmann, 2001, S. 40).

  • [1] Für ein Übersicht vgl. bspw. Dunoff und Pollack (2013).
  • [2] Die folgenden Ausführungen orientieren sich größtenteils an Hartmann (2001, S. 23ff.).
  • [3] Ausführlich zum Souveränitätsbild des Realismus: Singer (1993, S. 51ff.).
  • [4] Eine Zusammenfassung der Annahmen des Neorealismus findet sich bspw. bei Krasner (1992).
 
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