Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Rechtswissenschaft arrow Völkerrecht als Restriktion für das Handeln von Regierungen
< Zurück   INHALT   Weiter >

7.2 Modelltheoretische Vorüberlegungen

Im Folgenden wird nun eine Situation mit Hilfe des spieltheoretischen Instrumenta- riums abgebildet, in der die freiwillige Inkaufnahme bzw. die gezielte Manipulation eines begrenzten Risikos aus dem rationalen Kalkül der Akteure folgt. Auf dieser Grundlage kann gezeigt werden, dass es für die Regierungen oder die Militärfüh- rungen von Konfliktparteien vorteilhaft sein kann, den zwischenstaatlichen Disput systematisch zu verstärken, um den Konkurrenten von provokativen Handlungen abzuhalten. Interessanterweise ist in diesem Zusammenhang, wie bereits erwähnt, Scramble Diplomatie folglich nicht die Ursache der zwischenstaatlichen Auseinan- dersetzung, sondern lediglich ein Symptom.

7.2.1 Beschreibung der Ausgangssituation

Die Ausgangssituation für das Modell stellt eine zwischenstaatliche Konfliktsitua- tion dar. In erster Annäherung soll angenommen werden, dass der Konflikt sich um die Zuordnung von Jurisdiktion über ein bestimmtes Gebiet dreht. [1] Anstatt

Tabelle 7.1 Zusammenfassung der Notation Abkürzung Beschreibung

Quelle: Eigene Darstellung.

die Jurisdiktion gemeinsam auszuüben, beharrt jeder Staat auf seiner Forderung. Es wird angenommen, dass hieraus eine Zone sich überlagernder Jurisdiktionsansprü- che entsteht. Solche Konflikte sind typisch für das Völkerrecht (Trachtman, 2008) und die Hauptursache für die meisten Zwischenfälle (Brownlie, 1981).

Für das Modell wird die zu analysierende Situation abstrahierend vereinfacht. [2]

Es werden zwei Akteure, Inland (Domestic Country – D) und Ausland (Foreign Country – F), betrachtet, die beide (Rechts-) Ansprüche auf ein bestimmtes Ge- biet erheben. Die Interessen beider Akteure stehen sich diametral gegenüber, wobei Inland den Status quo präferiert und Ausland diesen verändern möchte. Eine sol- che Interessenkonstellation kann als Null-Summen-Spiel konstruiert werden, wobei Ausland einen Gewinn (V ) aus der Veränderung des Status quo (SQ) zieht und In- land hingegen einen Verlust in gleicher Höhe. Ändert sich der Status quo nicht, erhalten beide Akteure eine Auszahlung von Null. Die verwendete Notation ist in Tabelle 7.1 zusammengefasst.

Die Handlungsmöglichkeiten der beiden Akteure sind im Modell beschränkt (vgl. den Spielbaum in Abbildung 7.1 auf der nächsten Seite). Ausland kann sich zuerst entscheiden, ob er handelt (Aktion: „Act“) und damit den Status quo revi- diert (RSQ) oder nicht (Aktion: „No act“). Hat sich Ausland für die Aktion „Act“ entschieden, kann Inland den revidierten Status quo nur mit Hilfe eines Militärein- satzes verhindern (Aktion: „Fight“). Allerdings verursacht ein solcher auf beiden Seiten Kosten (CD für Inland und CF für Ausland) und sein Ausgang ist unsicher. Inland kann aber auch die Revision des Status quo akzeptieren (Aktion: „Accept“). Im Modell existieren zwei Typen von Inland, die unterschiedlich unnachgiebig auf die Veränderung des Status quo durch Ausland reagieren. Diese Härte bzw. Un-

Abb. 7.1 Ausgangsspiel für zwei Länder

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Güner (2007, S. 185).

nachgiebigkeit kann über den Faktor 0 < ε < 1 modelliert werden, mit dem der unnachgiebige Typ seine Konfliktkosten CD gewichtet. Dieser Gewichtungsfaktor spielt im Modell eine wichtige Rolle, weshalb er kurz erläutert werden soll. Der un- nachgiebige Typ von Inland repräsentiert einen Akteur, für den die Konfliktkosten im Kosten-Nutzen-Kalkül weniger Gewicht haben, bspw. eine nationalistische Re- gierung, die eine siegreiche militärische Auseinandersetzung aufgrund von Fakto- ren, wie Nationalstolz o.ä., höher bewertet. Ebenso kann der unnachgiebige Typ von Inland auch als tendenziell irrationaler Spieler aufgefasst werden, der die Konflikt- kosten systematisch als zu gering einschätzt. Für den Spielausgang ist das Resultat dieser Annahme ausschlaggebend: Der unnachgiebige Typ von Inland ist eher zu einer militärischen Intervention bereit, als der nachgiebige.

Im betrachteten Spiel ist die Information über die Unnachgiebigkeit von Inland privat, d.h. nur der Spieler selbst kennt sie. Für Ausland besteht somit eine Unge- wissheit über die Auszahlungen seines Konkurrenten, was einen Einfluss auf die Entscheidung von Ausland entfalten kann. Aufgrund dieser Ungewissheit beinhal- tet das Spiel unvollständige Informationen und ist daher spieltheoretisch nicht oh- ne Weiteres lösbar. Mit Hilfe des technischen Kunstgriffs der Harsanyi Transfor- mation kann dieses Problem jedoch überwunden werden (vgl. zum Vorgehen Har- sanyi, 1967, 1968a,b). Dabei werden die ungewissen Zustände durch den neu ein- geführten Spieler Natur mit einem den Spielern bekannten Zufallsmechanismus be- stimmt. Aus einem Spiel mit unvollständiger Information wird dadurch ein Spiel mit vollständiger, aber imperfekter Information. Hierdurch wird die Bildung erwarteter Auszahlungen möglich und das Spiel somit spieltheoretisch lösbar.

Ausland kann unter dieser Annahme mit der Wahrscheinlichkeit p davon ausge- hen, mit einem unnachgiebigen Inland konfrontiert zu sein. Im Umkehrschluss ist Inland mit der Wahrscheinlichkeit 1 − p nachgiebig. Ebenso werden beide Spieler Erwartungen über den Ausgang der militärischen Entscheidung treffen. Es wird zur Vereinfachung davon ausgegangen, dass beiden Akteuren die Wahrscheinlichkeiten eines Siegs a priori bekannt sind. So wird Ausland mit der Wahrscheinlichkeit q Abb. 7.2 Ausgangsspiel für zwei Länder (gekürzt)

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Güner (2007, S. 187).

ein militärisches Kräftemessen zu seinen Gunsten entscheiden bzw. Inland mit der Wahrscheinlichkeit 1 − q siegen. Im Falle von Kampfhandlungen hätten die Spie- ler daher die folgenden erwarteten Auszahlungen: E(πF )= Vq −CF für Ausland, E(πDS )= −Vq−CD für DS und E(πDH )= −Vq−εCD für DH . Abbildung 7.2 zeigt das Spiel unter Einbeziehung der Erwartungswerte.

Das nun vorliegende Spiel kann intuitiv gelöst werden. Beide Spieler kennen die möglichen Auszahlungen des Konkurrenten und antizipieren sein rationales Verhal- ten. Dadurch können sie Vermutungen anstellen, an welchem Entscheidungsknoten sie sich befinden. Diese Vermutungen werden in Abhängigkeit der Entscheidungen des Konkurrenten ggf. angepasst. Gleichzeitig verhalten sich beide Spieler sequen- ziell rational, d.h. sie treffen an jedem Entscheidungsknoten optimale Entscheidun- gen entsprechend ihren Vermutungen.

  • [1] Der Territorial- oder Jurisdiktionskonflikt ermöglicht einen Kristallisationspunkt für Abfangma- növer, der eine zwingende Voraussetzung für Scramble Diplomatie darstellt. Sicherheitsrelevante Konflikte, wie die Konkurrenz um (regionale) Vormacht, können dabei im Hintergrund stehen. Eine Erweiterung des Modells, die derartige Konflikte berücksichtigt, wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit skizziert (vgl. Kapitel 8).
  • [2] Die Idee und die Grundüberlegungen des Ausgangsspiels finden sich bei Güner (2007), der auf dieser Grundlage den griechisch-türkischen Konflikt analysiert.
 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften