Erweiterung des Modells

Modifikation der Ausgangssituation

In der Erweiterung des Spiels werden zwei Akteure, weiterhin Inland (Domestic Country – D) und Ausland (Foreign Country – F), betrachtet. Die Ausgangssitua- tion hat sich insoweit nicht verändert, dass der Typ von Inland weiterhin private Information ist und Ausland vor der Entscheidung steht, den Status quo in seinem Sinne zu revidieren. Die Änderung des Status quo stellt Ausland zwar besser, Inland aber in jedem Fall schlechter. In der Erweiterung des Modells kann Inland, bevor Ausland sich für oder gegen den Versuch, den Status quo zu revidieren, entscheiden muss, Scramble Diplomatie durchführen.

Im Modell führt Scramble Diplomatie zu Signalkosten s, die für Inland anfallen. Diese Signalkosten beinhalten in erster Linie die Risikokosten einer militärischen Auseinandersetzung, sollte die Scramble Diplomatie scheitern. [1] Obwohl diesem Risiko eigentlich beide Staaten ausgesetzt sind, werden sie als Vereinfachung ledig- lich bei Inland berücksichtigt, weil sie für Ausland nicht entscheidungsrelevant sind. Ebenso wie die Konfliktkosten werden die Signalkosten für den unnachgiebigen Typ von Inland mit dem Faktor ε gewichtet. [2] Das Spiel läuft ansonsten identisch zum Ausgangsspiel ab (vgl. Abbildung 7.3 auf der nächsten Seite).

In Abhängigkeit der Umweltparameter und der verfügbaren Informationen (bspw. durch Empfang eines Signals) kann Ausland eine Modifizierung der Wahrschein- lichkeitsverteilung vornehmen und Rückschlüsse auf den Typ des Konkurrenten ziehen. Gelöst werden kann dieses Spiel nun mit Hilfe des Konzepts der Perfekten Bayesianischen Gleichgewichte. Die formale Lösung ist ausführlich in Anhang B auf Seite 233 dargestellt.

Gleichgewichte des Signalspiels

Als Ausgangssituation für Signaling kam, wie für das Ausgangsspiel diskutiert wur- de, nur Gleichgewicht 5 in Frage. Der Empfang eines Signals kann auf Seiten von Ausland nur zu einer Verhaltensänderung führen, wenn der Typ von Inland einen Einfluss auf die optimale Aktion von Ausland hat. Bei den Ausgangsgleichgewich- ten 1-4 ist das nicht der Fall. Ebenfalls wird Inland nur in ein Signal investieren, wenn er seine eigenen Auszahlungen damit verbessern kann. Daher hätte im Aus- gangsgleichgewicht 6 zwar Ausland einen Nutzen aus dem Signal, nicht aber Inland. Bei den Parameterkonstellationen dieser Ausgangsgleichgewichte würden sich so- mit ausschließlich Poolinggleichgewichte ohne Signalisierung einstellen.

Abb. 7.3 Scramble Diplomatie als Signalspiel

Quelle: Eigene Darstellung.

Eine Signalisierung durch Inland ist aus den o.g. Gründen lediglich dann ra- tional, wenn Inland mittlere und Ausland hohe relative Konfliktkosten haben und gleichzeitig der unnachgiebige Typ von Inland mit einer geringen Wahrscheinlich- keit im Spiel auftritt. Ausschlaggebend für die Aussendung eines Signals sind dann die Signalkosten. In Tabelle 7.3 auf der nächsten Seite sind die Signalgleichgewich- te dargestellt.

Die Variation der Signalkosten ergibt drei verschiedene Situationen, mit vier un- terschiedlichen stabilen Gleichgewichten. Sind die Signalkosten für beide Typen von Inland prohibitiv hoch, [3] existiert trivialerweise lediglich ein Poolinggleichgewicht ohne Signalisierung (Situation Nr. 1). Sind die Signalkosten lediglich für den nachgiebigen Typ von Inland prohibitiv hoch, wird sich ein Trenngleichgewicht ein- stellen (Situation Nr. 2). In diesem Fall kann Ausland aus dem Empfang des Signals zweifelsfrei auf den unnachgiebigen Typ von Inland schließen. Liegen die Signal- kosten für beide Typen unterhalb der Wertschätzung für den Status quo, könnten theoretisch beide das Signal aussenden. Senden allerdings beide Typen von Inland das Signal aus, kann Ausland zwischen ihnen nicht unterscheiden und würde die Handlung in jedem Fall vornehmen. Daher wäre ein Poolinggleichgewicht, bei dem beide Typen das Signal aussenden, nicht stabil. Sind für die Akteure nur reine Stra- tegien [4] möglich, würde sich in diesem Fall nur ein Poolinggleichgewicht ohne Si- gnalisierung einstellen (Situation Nr. 3a).

Tabelle 7.3 Übersicht der Gleichgewichte des Signalspiels

Quelle: Eigene Darstellung. Allerdings existiert in dieser Konstellation auch noch ein weiteres Gleichgewicht (Situation Nr. 3b). Hier spielt nur der unnachgiebige Typ von Inland eine reine Stra- tegie und sendet das Signal immer aus. Der nachgiebige Typ von Inland und Ausland randomisieren hingegen und spielen gemischte Strategien, indem sie ihre Aktion teilweise mit Hilfe eines Zufallsmechanismus auswählen. So wird der nachgiebige Typ das Signal lediglich mit der Wahrscheinlichkeit 0 < σ < 1 aussenden. Ausland kann, wenn er kein Signal empfängt, eine Konfrontation mit dem unnachgiebigen Typ sicher ausschließen und wird dementsprechend den Versuch der Revision des Status quo (Act) stets vornehmen. Empfängt Ausland jedoch das Signal, könnte er mit dem unnachgiebigen Typen von Inland konfrontiert sein. In diesem Fall wird er die Aktion „Act“ nur mit der Wahrscheinlichkeit 0 < α < 1 vornehmen. Der nach- giebige Typ bzw. Ausland bestimmen ihre Wahrscheinlichkeitsverteilung in diesem Zusammenhang so, dass der jeweilige Konkurrent (Ausland bzw. der nachgiebige Typ) indifferent zwischen seinen Aktionen ist. Bei der Wahrscheinlichkeitsvertei- lung, die diese Bedingung erfüllt, handelt er sich ebenfalls um ein Gleichgewicht, da kein Akteur einen Anreiz hat, von seiner Strategie abzuweichen.

  • [1] Im weiteren Verlauf werden die Signalkosten als unabhängig von den Konfliktkosten CD gese- hen. Die Auswirkungen von Risikokosten werden in Kapitel 8 gezeigt.
  • [2] Somit ist die Single-Crossing-Bedingung erfüllt.
  • [3] Prohibitiv hoch bedeutet an dieser Stelle, dass die Kosten des Signals höher sind als die Aus- zahlung, die Inland erhält, wenn er nicht signalisiert.
  • [4] Sind in der Spieltheorie nur reine Strategien möglich, muss sich jeder Spieler auf eine Aktion festlegen. Randomisierung ist dann für die Spieler, mit Ausnahme des hypothetischen Spielers „Natur“, nicht möglich.
 
< Zurück   INHALT   Weiter >