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7.5 Möglichkeiten der Interpretation

Im bisherigen Verlauf dieses Kapitels wurden zuvorderst zwei Fragen theoretisch behandelt: (1) Ist Scramble Diplomatie ein zielführendes Instrument der Außenpo- litik um die Unnachgiebigkeit von Staaten zu signalisieren? (2) Würden rationale Staaten auf dieses Instrument zurückgreifen?

Hier wurde argumentiert, dass Scramble Diplomatie als Form einer Brinkman- ship-Politik angesehen werden kann, bei der Staaten (oder vielmehr deren Regierun- gen) mittels der bewussten Inkaufnahme des Risikos einer militärischen Eskalation, Stärke signalisieren können. Letztlich dient eine solche Politik der Abschreckung konkurrierender Akteure. Anschließend wurde mit dem Signalspiel ein Ansatz ent- wickelt, der in einer den Fallbeispielen entlehnten Situation die Nutzung eines Signals als rational aufzeigte. Nun stellt sich die Frage, welche Schlüsse aus den Er- gebnissen des Modells gezogen werden können.

7.5.1 Scramble Diplomatie als begrenzter Krieg

Scramble Diplomatie kann, so wie sie an dieser Stelle betrachtet wird, als eine Form von begrenztem Krieg im Schelling'schen Sinne aufgefasst werden. Ein solcher soll lediglich mit der Gefahr eines unbegrenzten Kriegs drohen, im Grunde diesen aber gerade dadurch verhindern. Allerdings wird dabei die Frage aufgeworfen, inwieweit die Begrenzung des Konflikts stabil sein kann. Um Konflikte zu begrenzen, müssten sich zwei mehr oder minder gleich starke bzw. gleich mächtige Staaten gegenüber- stehen. Da dadurch der Ausgang von Kampfhandlungen für beide unabsehbar ist, besteht nur ein geringer Anreiz, die Kampfhandlungen auszuweiten:

Pure violence, nonmilitary violence appears most conspicuously in relation between une- qual countries, where there is no substantial military challenge and the outcome of military engagement is not in question (s. Schelling, 1966, S. 12)

Im betrachteten Modellrahmen ist die Begrenzung des Konflikts tatsächlich selbstdurchsetzend. Die Signalisierung mit Hilfe eines begrenzten Kriegs ist nur dann vorteilhaft, wenn die relativen Kosten von Kampfhandlungen für alle Beteilig- ten hoch genug sind, so dass Kampfhandlungen nur für den unnachgiebigen Typ von Inland nicht die schlechteste Alternative sind. Die Wahrscheinlichkeit q eines Siegs durch Ausland kann in diesem Zusammenhang als Kennzahl für die relative Macht- position der Staaten zueinander betrachtet werden. [1] Innerhalb eines bestimmten Intervalls subjektiver Nutzenwerte 2V > 2Ci > V (i = D; F ), [2] sind Kampfhandlun- gen für Ausland und den unnachgiebigen Typ unvorteilhaft, solange

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erfüllt ist. Das setzt ähnliche Verhältnisse von erwarteten Kosten und Nutzen der Kampfhandlungen voraus. Scramble Diplomatie zur Signalisierung von Unnachgie- bigkeit wird erst dann nicht mehr durchgeführt, wenn sich das Verhältnis zugunsten eines Akteurs verschiebt. Dieser würde dann Kampfhandlungen nicht mehr zwin- gend vermeiden wollen. Das Ergebnis kann weiter verallgemeinert werden: „War is least likely when the existing distribution of benefits reflects the underlying distribu- tion of power“ (s. Powell, 1999, S. 85, H.i.O.).

  • [1] Dies ist durchaus realitätsnah. So ist davon auszugehen, dass gleich starke Staaten auch ähnliche Wahrscheinlichkeiten eines Siegs bei einem militärischen Kräftemessen haben sollten. Ein q ,.. 0,5, wäre in diesem Fall also ein Indiz für ähnlich starke Staaten.
  • [2] Auch im Falle V < CF ,CD wäre Scramble Diplomatie möglicherweise vorteilhaft. In diesen Fällen würden sich Kampfhandlungen aber, unabhängig von der Wahrscheinlichkeit eines Siegs, nie lohnen.
 
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