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7.5.2 Realitätsnähe gemischter Strategien

Bei der Interpretation der Modellergebnisse stellt sich die Frage, ob die Strategi- en im Gleichgewicht (3b) ein rein theoretisches Konstrukt sind oder ob sie eine Entsprechung in der Realität haben. Ob in realen außenpolitischen Entscheidungs- situationen tatsächlich Zufallsmechanismen bewusst eingesetzt werden, ist zu hin- terfragen. Die Anforderungen an die kognitiven Fähigkeiten der Akteure sind bei gemischten Strategien immens: Die Entscheidungen der Akteure müssen zwingend Zufallsentscheidungen sein. Inwieweit Menschen jedoch kognitiv zu einer solchen in der Lage sind, ist zumindest diskussionswürdig. [1] Ebenfalls ist es schwierig nach- zuvollziehen, dass die Akteure in derartigen Situationen optimale Zufallsstrategien wählen, obwohl sie letztlich indifferent zwischen ihren möglichen Aktionen sind. Es werden also (kognitive) Ressourcen für die Zufallsentscheidung verbraucht, ob- wohl der einzelne Akteur mit einer reinen Strategie die gleiche Auszahlung errei- chen würde. Gleichgewichte in gemischten Strategien sind daher „intuitiv proble- matisch“ (s. Aumann, 1987, S. 19, Ü.d.V.) und stellen auch Spieltheoretiker vor Interpretationsprobleme: „Outside of Las Vegas we do not spin roulettes“ (s. Rubin- stein, 1991, S. 913). Nach Radner und Rosenthal ist das auch der Hauptgrund für den geringen Einfluss der Spieltheorie auf reale Entscheidungen (vgl. Radner und Rosenthal, 1982, S. 401).

Aus diesen Gründen stellt sich die Frage, wie die gemischte Strategie des Gleich- gewichts (3b) für den Anwendungsfall interpretierbar wird. In der Theorie werden dazu meist drei Interpretationen angeboten (Rubinstein, 1991). Die älteste davon ist das sog. „purification theorem“ nach Harsanyi (1973). Harsanyi zeigt darin, dass die meisten Nash-Gleichgewichte in gemischten Strategien in Spielen mit vollstän- digen Informationen als Perfekte Baysianische Gleichgewichte in reinen Strategien interpretiert werden können. Dazu ist lediglich eine leichte Modifikation notwen- dig, indem eine Unsicherheit über die genauen Auszahlungen eingebaut wird (vgl. Gibbons, 1992, S. 152). Im vorliegenden Spiel ist dieses Vorgehen jedoch nicht möglich.

Nash-Gleichgewichte in gemischten Strategien können auch durch die Einfüh- rung von Vermutungen interpretiert werden (vgl. bspw. Aumann und Brandenbur- ger, 1995). Gemischte Strategien werden dabei als Vermutungen über die Hand- lungen der anderen Spieler aufgefasst. Diese wählen zwar eine reine Strategie aus, über die tatsächliche Aktion sind sich die Mitspieler aber unsicher. Aussagen über tatsächliche Handlungen können mit Hilfe dieses Ansatzes allerdings ebenfalls nicht abgeleitet werden.

Eine bessere Interpretationsmöglichkeit bietet für den vorliegenden Fall die Inter- pretation, dass große Populationen von heterogenen Akteuren existieren (vgl. bspw. Rubinstein, 1991, S. 913f.). Allerdings ist auch dieser Ansatz nicht frei von Kritik oder allgemein anwendbar. Das Spiel wird dabei nicht einmalig, sondern laufend mit zufällig aus der Population ausgewählten Akteuren gespielt. Der einzelne Akteur ist auf eine bestimmte Aktion festgelegt, und die Anzahl der Akteure in der Population entspricht der Wahrscheinlichkeitsverteilung der gemischten Strategie.

Wendet man diese Möglichkeit der Interpretation auf das vorgestellte Modell an, bedeutet das: Inland entscheidet sich für jedes einzelne Flugzeug separat, ob dieses Abfangmanöver provozieren soll oder nicht. Gleichzeitig steht Ausland nicht nur vor der einmaligen Entscheidung, den einzelnen Status quo zu verändern, sondern vergleichbare Entscheidungen müssen laufend getroffen werden. In diesen Fällen kann sich Ausland immer dazwischen entscheiden, ob er ein für Inland nachteili- ges Verhalten zeigt (sich provokativ verhält) oder ein derartiges Verhalten unterlässt (sich zurückhaltend verhält). Die gemischte Strategie wird dann dahingehend inter- pretierbar, dass sich Ausland bei einem gewissen Prozentsatz der Entscheidungen provokativ verhält.

Betrachtet man das Modell aus dieser Perspektive, kann man Scramble Diploma- tie als Strategie von Inland interpretieren, die dazu dienen soll, Ausland die eigene Toleranz für Provokationen (oder bspw. Frustration aufgrund der Provokationen) zu signalisieren. Ausland müsste damit rechnen, dass Inland ab einem bestimmten Ni- veau der Provokationen (oder Frustration) auf weitere provokative Handlungen mit einem militärischen Gegenschlag reagiert, wobei der unnachgiebige Typ eine ge- ringere Toleranz hätte. Scramble Diplomatie würde auch hier als Signal für größere Unnachgiebigkeit bei provokativem Verhalten dienen. Die Zielgröße V erscheint aus dieser Sicht als eine Maßzahl für das Provokationsniveau, mit der die Intensität bzw. der Nachdruck der außenpolitischen Forderungen erfasst wird. Diese Perspektive auf das Modell kommt auch dem Prozesscharakter von systematischen Provokatio- nen im Luftraum zu außenpolitischen Zwecken näher.

Um nun eine größere Realitätsnähe zu erreichen, wird im folgenden Kapitel das Modell zur Anwendung auf ausgewählte zwischenstaatliche Dispute erweitert. Im Mittelpunkt stehen dabei Konflikte um die Ausweitung von Einflussgebieten (bspw. Hoheitsgebiete). Solche Konflikte treten im internationalen System durchaus häufig auf.


  • [1] Allerdings gibt die medizinische Forschung Hinweise darauf, dass Menschen durchaus in der Lage sein können, Zufallszahlen zu generieren (Persaud, 2005).
 
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