Wertschätzung des Territoriums und außenpolitische Rhetorik

Eine weitere Determinante der modellierten Entscheidungen von Inland bzw. Aus- land ist die jeweilige Wertschätzung für das umstrittene Territorium. Hierbei han- delt es sich ebenfalls um eine exogene Variable, die die Akteure im Modell nicht beeinflussen können. Diese spiegelt die „nationalen“ Präferenzen wider, die, den mikroökonomischen Grundannahmen zufolge, im Zeitablauf stabil sind. Trotzdem können auch hier aus der weitergehenden Interpretation des Modells interessante Schlussfolgerungen gezogen werden. So ist die Entscheidung von Ausland nicht durch die tatsächliche Höhe der Wertschätzung aus Sicht von Inland beeinflusst, sondern lediglich durch die Ausgangsvermutung von Ausland über deren Höhe. Ist es also Inland möglich, Ausland über die Höhe von VD zu täuschen, könnte so die Entscheidung von Ausland beeinflusst werden. Dieser Zusammenhang lenkt den Blick auf die strategische Funktion außenpolitischer Rhetorik.

In Abbildung 8.5 sind die Auswirkungen eines Irrtums von Ausland, bei dem die Wertschätzung aus Sicht von Inland als zu hoch angenommen wird, grafisch darge- stellt: Eine Erhöhung von VD würde die kritischen Konfliktkosten von Inland nach oben verschieben, d.h. Ausland müsste davon ausgehen, dass, bei einem gegebenen Abb. 8.6 Auswirkungen von politischen Drohungen

Quelle: Eigene Darstellung.

Verhältnis der investierten Konfliktressourcen, Inland auch bei tendenziell höheren Konfliktkosten den veränderten Status quo nicht akzeptieren würde. Möglicherwei- se könnte daher Inland mit einem erfolgreichen Bluff die Ausweitung der Einfluss- gebiete von Ausland verhindern. Grafisch zeigt sich das durch die Verschiebung der Grenze von Gleichgewicht V nach links.

Die denkbaren Auswirkungen außenpolitischer Rhetorik lassen sich mit Hilfe der Implikationen des Modells aber noch auf eine weitere Art interpretieren. Die be- trachtete Entscheidung von Ausland wird u.a. durch die Wahrscheinlichkeit p, mit der der unnachgiebige Typ von Inland im Spiel auftritt, beeinflusst. [1] Je wahrscheinlicher es ist, dass es sich beim Inland um den (konfliktbereiten) unnachgiebigen Typ handelt, desto geringer sind die erwarteten Auszahlungen von Ausland bei einer Durchsetzung der Territorialforderung. Gelingt es bspw. dem Inland, eine glaubwür- dige Kriegsdrohung für den Fall auszusprechen, dass Ausland die eigenen Einfluss- gebiete ausweitet, könnte das so interpretiert werden, dass sich durch die Drohung die Wahrscheinlichkeit p exogen erhöht hat. Ein solcher exogener Schock würde im Modell die Grenze zwischen den Gleichgewichten III und IV nach links verschieben (vgl. Abbildung 8.6). Inland könnte also mit einer glaubwürdigen Kriegsdrohung die modelltheoretische Entscheidungssituation dergestalt verändern, dass er selbst weniger Konfliktressourcen investieren müsste, um eine Ausweitung zu verhindern.

  • [1] Natürlich nur, wenn die Bedingungen (8.1) und (8.2) erfüllt sind.
 
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