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1 Einleitung

Im White Paper on Sport stellt die Europäische Kommission heraus, dass politische Maßnahmen im Sport mit fundiertem Grundlagenwissen untermauert werden müssen (European Commission 2007). Das Wissen zur finanzpolitischen Bedeutung des Sports insgesamt sowie von Teilbereichen des Sports ist für Entscheidungsträger der öffentlichen Haushalte von großer Bedeutung. Es bildet den Ausgangspunkt und damit eine wichtige Hilfestellung zur Bewertung von Entscheidungen im Bereich des Sports.

So stellt sich auf europäischer Ebene (Europäische Kommission 2011) momentan die Frage, ob Sportsysteme in der EU nicht auch mit Hilfe geringerer Subventionen effektiv aufgestellt werden könnten. Im Blickpunkt der Betrachtung stehen dabei die Breitensportsysteme in den Mitgliedsstaaten der EU: Es wird analysiert, inwiefern eine hohe Sportpartizipation notwendigerweise auf subventionierte bzw. seitens der öffentlichen Hand bezuschusste Organisationen angewiesen ist. Bezogen auf Deutschland stellt sich darüber hinaus die Frage, ob eine Unterstützung und Förderung des Sports bspw. durch Bereitstellung von Polizeikräften1, durch Übernahme von Infrastrukturkosten2 oder durch Bereitstellung von Arbeitsplätzen für Spitzensportler in der Bundeswehr oder beim Zoll3 geschehen sollte. Darüber hinaus existieren vielleicht auch andere, bisher nicht bedachte und (ggf. effektivere) Möglichkeiten der Unterstützung und Förderung des Sports.

Eine aktuelle und umfassende Übersicht zur finanzpolitischen Bedeutung des Sports in Deutschland existiert nicht. Bisherige Studien, die die finanzpolitische Bedeutung des Sports abbilden, sind oft veraltet. Häufig werden nur Teilaspekte analysiert oder die Arbeiten sind im Auftrag von Interessengruppen zur Untermauerung von Forderungen gegenüber der Politik erstellt worden. Darüber hinaus wären Folgeerhebungen aufgrund von nicht veröffentlichten Methoden oder einmalig durchgeführten Primärerhebungen, die schwer reproduzierbar sind, nicht vergleichbar. Gerade die Abbildung mit aktuellen Daten bildet für die Gestaltung von Politik und zur Begründung von Investitionsentscheidungen aufgrund der sich immer schneller wandelnden Umweltbedingungen jedoch eine wichtige Grundlage.

Aus diesem Grund wurde im Rahmen dieses Projektes versucht, verschiedene Methoden und Sekundärdatenquellen heranzuziehen, um die finanzpolitische Bedeutung des Sports im Jahr 2010 in Deutschland abzuschätzen. Hierzu wurde die finanzpolitische Bedeutung des Sports im Rahmen der Studie durch vier sportrelevanten Nutzen- und Kostenkategorien der öffentlichen Haushalte (Bund, Länder, Gemeinden/Kommunen) und Sozialversicherungsträger operationalisiert: sportbezogene direkte Einnahmen (bspw. Steuereinnahmen), gesellschaftliche Nutzeneffekte des Sports (bspw. Integrationsleistungen und Gesundheitsversorgung), sportbezogene direkte Ausgaben (bspw. öffentliche finanzielle Mittel zur Förderung des Sports) sowie der Verzicht auf Einnahmen zur Förderung des Sports (bspw. durch Subventionen und Steuererleichterungen).

Aufgrund diverser im Buch (Pawlowski und Breuer 2012) ausführlicher diskutierten Herausforderungen im Rahmen der Quantifizierung bezieht sich diese verkürzte Fassung des Projektberichts ausschließlich auf die sportbezogenen direkten Einnahmen und Ausgaben der öffentlichen Haushalte.

Dafür gilt es zunächst zu klären, was unter „sportrelevant“ zu verstehen ist. Die im Rahmen der European Sports Charter definierte Abgrenzung von Sport gibt Hinweise darauf, welche Aktivitäten dem Sport zuzuordnen sind:

Sport means all forms of physical activity which, through casual or organised participation, aim at expressing or improving physical fitness and mental well-being, forming social relationships or obtaining results in competitions at all levels (Council of Europe 2001).

Demnach sind beispielsweise Aktivitäten wie Fußballoder Hockeyspielen klar dem Sport zuzuordnen. Dagegen wäre ein Einkaufsbummel in der Stadt eindeutig nicht dem Sport zuzuordnen. In einer weiteren, häufig verwendeten Definition von Sport nennen Gratton und Taylor (2000) in Anlehnung an Rodgers (1977) fünf Elemente, die idealerweise für Sportaktivitäten zutreffen: Sport beinhaltet körperliche Aktivität, wird für Erholungszwecke betrieben, beinhaltet ein Wettbewerbselement, ist institutionell organisiert und durch Medien und Sportorganisationen als Sport anerkannt. In Abhängigkeit vom Grad der Erfüllung dieser Elemente können Aktivitäten in vier Kategorien nach einem Schalenprinzip unterschieden werden: sportliche Aktivität im Kern (z. B. Fußballspielen), körperliche Aktivität ohne Wettbewerbscharakter (z. B. Wandern), nicht körperliche Aktivität mit Wettbewerbscharakter (z. B. Dart spielen), keine sportliche Aktivität (z. B. Einkaufen gehen). In diesem Sinne ließe sich (theoretisch) ein unterschiedlich weit gefasstes Sportverständnis definieren, mit Hilfe dessen wiederum unterschiedlich weit gefasste sportbezogene öffentliche Einnahmen und Ausgaben beziffert werden könnten. In der Realität haben jedoch sämtliche Institutionen und Organisationen des Sports ebenso wie jede einzelne Person nicht nur hinsichtlich der Aktivitäten, sondern auch hinsichtlich der Intensität ein unterschiedliches Verständnis von Sport. Während manch einer die tägliche Fahrt mit dem Fahrrad zur Arbeit als Sport bezeichnet, fängt Sport für andere erst dann an, wenn geschwitzt wird oder der Puls eine gewisse Frequenz erreicht. Damit ergibt sich bzgl. der sportbezogenen öffentlichen Einnahmen und Ausgaben in Abhängigkeit von der Wahrnehmung der jeweils involvierten Akteure, Institutionen und Organisationen ein gewisser Spielraum.

Neben diesen Zuordnungsschwierigkeiten ergibt sich zudem die Problematik, dass keine zur Quantifizierung der finanzpolitischen Bedeutung relevante (amtliche) Statistik existiert, die nur annähernd eine der beiden genannten Definitionen aufgreift. Daher erscheinen beide Definitionen nicht dafür geeignet zu sein, diesen Bericht bzw. den Gegenstandsbereich nach diesen Dimensionen zu gliedern. Um den Brückenschlag vom Sport zur Ökonomie zu schaffen, wird für den Bericht im Folgenden der Begriff der sportrelevanten Betriebe (Unternehmen, Vereine und Verbände) verwendet.

Sportrelevante Betriebe können im Sinne der Vilnius-Definition abgegrenzt werden. Die Definition wurde 2007 von der informellen EU-Arbeitsgruppe „Sport und Wirtschaft“ unter Führung der Europäischen Kommission entwickelt. Sie basiert auf einer Abgrenzung von sportrelevanten Wirtschaftszweigen (WZ) im Sinne der EU-Nomenklatur zur Klassifizierung der wirtschaftlichen Aktivitäten in Europa, kurz NACE4 (Nomenclature statistique des activités économiques dans la Communauté européenne), sowie bei der weiteren Untergliederung der

Abb. 1.1 Kern-, enge und weite Abgrenzung des Sports im Sinne der Vilnius-Definition

EU-Klassifizierung von Produkten nach Aktivitäten, kurz CPA (Classification of products by activity).

Im Rahmen der Vilnius-Definition des Sports werden insgesamt drei Definitionen unterschieden (Kern-, enge und weite Abgrenzung) (vgl. Abb. 1.1). Die unterschiedlichen Abgrenzungen ergeben sich dabei durch eine Einteilung der Wirtschaftszweige in solche, deren Lieferungen und Leistungen als notwendige Inputs gesehen werden, um „Sport zu produzieren“ (sogenannte upstream sectors) und solche, deren Lieferungen und Leistungen eine direkte oder indirekte Verbindung zum Sport haben, ohne für die „Produktion von Sport“ notwendig zu sein (sogenannte downstream sectors). Zu den upstream sectors zählen bspw. die Sportartikelproduktion und der Sportartikelhandel, die mit der Bereitstellung von Sportbekleidung und bspw. Sportbällen wesentliche Inputs zur „Produktion“ von Sport bereitstellen. Zu den downstream sectors gehört z. B. das Wett- und Lotteriewesen, welches für bestimmte Wettspiele auf das „Produkt“ Sport zurückgreift. Auf Basis dieser Abgrenzung können Sportbetriebe unterscheiden werden, deren Lieferungen und Leistungen fürs Sporttreiben die Voraussetzung bilden, und solche, deren Produkte durch Sporttreiben bedingt sind.

Zur Kerndefinition des Sports gehören solche Wirtschaftszweige, die personenbezogene Sportdienstleistungen erbringen, wie der Betrieb von Sportanlagen, Sportvereine und Sportverbände, professionelle Sportmannschaften, selbständige Berufssportler und -trainer, Sportpromoter und sonstige professionelle Sportveranstalter sowie Sportschulen und selbständige Sportlehrer.

Zur engen Definition des Sports gehören einerseits die im letzten Absatz beschriebenen sechs Wirtschaftszweige der Kerndefinition des Sports. Darüber hinaus gehören (wie oben abgegrenzt) hierzu solche Wirtschaftszweige, deren Lieferungen und Leistungen als notwendige Inputs gesehen werden, um „Sport zu produzieren“ (sogenannte upstream sectors). Hierzu gehören Wirtschaftszweige

• der Land- und Forstwirtschaft (sportbezogenen ist bspw. die Züchtung von

Rennpferden)

• des verarbeitenden Gewerbes (sportbezogen im Sinne der engen Definition ist

beispielsweise die Herstellung von Sportfahrrädern)

• des Baugewerbes (sportbezogenen im Sinne der engen Definition ist bspw. der

Bau von Sportinfrastruktur)

• des Handels, der Instandhaltung/der Reparatur von Kraftfahrzeugen und Gebrauchsgütern (sportbezogenen im Sinne der engen Definition ist bspw. der Handel mit Motorsportfahrzeugen)

• des Grundstücks- und Wohnungswesen bzw. Vermietungsgewerbes (sportbezogenen im Sinne der engen Definition ist bspw. die Vermietung von Sportausrüstung)

• des Gesundheits-, Veterinär- und Sozialwesens (sportbezogenen im Sinne der engen Definition ist bspw. die sportbezogene Ausbildung an Hochschulen)

• der öffentlichen Verwaltung, Verteidigung und Sozialversicherung (sportbezogenen im Sinne der engen Definition sind bspw. die Krankenhausdienstleistungen für Sportler)

• des Gewerbes von Anbieten sonstiger Sportdienstleistungen (sportbezogenen im Sinne der engen Definition sind bspw. die Dienstleistungen von Tanzschulen).

Zur weiten Definition des Sports gehören (zusätzlich zu den oben genannten Wirtschaftszweigen der Kern- und engen Definition des Sports) Wirtschaftszweige

• des verarbeitenden Gewerbes (sportbezogenen im Sinne der weiten Definition

ist bspw. der Druck von sportbezogenen Zeitschriften)

• des Handels, der Instandhaltung/Reparatur von Kraftfahrzeugen und Gebrauchsgütern (sportbezogenen im Sinne der weiten Definition ist bspw. der Handel von sportbezogenen Zeitschriften)

• des Gastgewerbes (sportbezogenen im Sinne der weiten Definition sind bspw.

die Ausgaben von Sporttouristen in Bars)

• des Verkehrs- und Nachrichtenübermittlungsgewerbes (sportbezogenen im Sinne der weiten Definition ist bspw. der Transport von Sporttouristen mit der Bahn)

• des Grundstücks- und Wohnungswesens bzw. Vermietungsgewerbes (sportbezogenen im Sinne der weiten Definition ist bspw. die Beratung von Sportvereinen)

• der sonstigen Sportdienstleistungen (sportbezogenen im Sinne der weiten Definition sind bspw. die Sportwetten).

Im Folgenden werden die Ergebnisse zu den sportbezogenen direkten Einnahmen und Aufgaben der öffentlichen Haushalte in Deutschland zusammengefasst dargestellt. Im Anschluss folgen eine Gegenüberstellung der Einnahmen und Ausgaben auf Ebene der einzelnen Gebietskörperschaften (Bund, Länder, Kommune) sowie eine kurze Diskussion der Ergebnisse und ein Ausblick zu relevanten zukünftigen Forschungsaktivitäten.

 
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