EU-Unterstützung und EU-Vertrauen: Konzeptualisierungen

Im Bereich der europäischen Integrationsforschung stellt David Eastons mehrdimensionales Konzept der politischen Unterstützung nach wie vor die einflussreichste theoretische Grundlage für die Untersuchung von Einstellungen dar, wobei insbesondere seine analytische Unterscheidung zwischen spezifischer und diffuser Unterstützung aufgegriffen wird (z. B. Boomgaarden et al. 2011; Kaina 2009; Lindberg und Scheingold 1970; Niedermayer und Westle 1998; Weßels 2007). Spezifische Unterstützung umfasst die positive Bewertung konkreter ökonomischer oder politischer Outputs, während diffuse Unterstützung eine generelle Zustimmung zum System bzw. zu dessen Objekten „an sich“ widerspiegelt: „(…) diffuse support (…) refers to evaluations of what an object is or represents – to the general meaning it has for a person – not of what it does“ (Easton 1975, S. 444).

Für die Persistenz eines politischen Systems ist vor allem dessen diffuse Unterstützung durch die Bevölkerung relevant, da diese als relativ stabil gilt und anders als ihr spezifisches Pendant nicht ausschließlich von der kurzfristigen Erfüllung politischer Präferenzen abhängt (Easton 1965, 1975). Nach Easton können unterschiedliche Dimensionen diffuser Unterstützung in Abhängigkeit von den politischen Objekten, auf die sie sich beziehen, unterschieden werden. Die diffuse Unterstützung des Regimes (verstanden als institutionelle Struktur und Werteordnung) und der politischen Autoritäten unterteilt Easton jeweils in „Vertrauen“ und „Legitimitätsglauben“, während sich die diffuse Unterstützung der politischen Gemeinschaft in Zugehörigkeitsgefühlen zu der Gemeinschaft zeigt (Easton 1975)[1].

Die EU-Einstellungsforschung hat diese unterschiedlichen Konzepte von diffuser Unterstützung bislang nur in Teilen berücksichtigt und sich vor allem auf die Untersuchung von Zugehörigkeitsgefühlen zur europäischen Gemeinschaft konzentriert (z. B. Deutsch 2006; Fuchs 2011; Herrmann und Brewer 2004; Kaina und Karolewski 2009; Risse 2004, 2010; Weßels 2007) [2]. Dieser starke Fokus auf die (theoretischen und empirischen) Voraussetzungen und Auswirkungen einer europäischen Identität ist angesichts deren Bedeutung innerhalb der Diskussionen um das Demokratiebzw. Legitimitätsdefizit der EU zwar verständlich (z. B. Cerutti 2008; Fuchs 2011), wirft aber gleichzeitig einige Probleme auf. Zum einen ist das Konzept selbst äußerst vielschichtig und umfasst unterschiedliche Kollektivbezüge (EU versus Europa), Arten von Zugehörigkeitsgefühlen (Selbstbeschreibung versus Identifikation) sowie Bezugspunkte von Gemeinschaft (geographisch, kulturell oder politisch) (vgl. Cram 2012; Fuß und Grosser 2006; Risse 2004). Eine Gleichsetzung von europäischer Identität mit EU-Unterstützung ist vor diesem Hintergrund problematisch (Bücker 2012). Zum anderen kann die Konzentration auf europäische Zugehörigkeitsgefühle dazu führen, dass die Bedeutung anderer Formen von EU-Unterstützung in den Hintergrund rückt. Beispielsweise betont Kaina (2009), dass erst das Vertrauen der Bürger in gemeinsam geteilte Institutionen „Vertrauen zwischen Fremden“ (Kaina 2009, S. 203) und damit die Entwicklung eines kollektiven Gemeinschaftsgefühls in großen Gemeinwesen ermögliche (grundlegend Lepsius 1995, 1997). Folgt man dieser Überlegung, erscheint das Vertrauen in die EU als eine zentrale Kategorie, die bei der Untersuchung von EU-Einstellungen auf jeden Fall berücksichtigt werden sollte. In den vergangenen Jahren hat sich die EU-Einstellungsforschung tatsächlich verstärkt der Analyse des Vertrauens der Menschen in die Europäische Union zugewandt, zumeist jedoch ohne das Vertrauenskonzept an sich weiter zu reflektieren[3]. Anders sieht die Situation in der national orientierten politischen Einstellungsforschung aus. Hier gilt das politische Institutionenvertrauen als Teildimension politischer Unterstützung seit langem als für die Stabilität von demokratischen politischen Systemen und für effektives Regierungshandeln unentbehrlich (z. B. Gamson 1968; Mishler und Rose 1999). Dabei wird das Vertrauen in die Institutionen politischer Systeme seit einiger Zeit nicht mehr – wie noch von Easton angenommen – als rein diffuse Form der politischen Unterstützung konzeptualisiert. Bereits Easton selbst (1975) weist darauf hin, dass politisches Vertrauen, im Unterschied zur kurzfristigen Ergebnisbewertung der spezifischen Unterstützung, u. a. aus einer generalisierten Zufriedenheit mit den Outputs des politischen Systems resultieren könne. Ohne diese Annahme selbst zu bestreiten, merken viele Autoren an, dass durch sie die eindeutige Trennung zwischen spezifischer und diffuser Unterstützung obsolet wird (z. B. Fuchs 1989; Westle 1989). Aus diesem Grund bietet es sich an, die Dichotomie beider Unterstützungsformen durch ein Kontinuum zu ersetzen, auf dem politisches Vertrauen aufgrund seiner Abhängigkeit von Leistungsbewertungen häufig stärker dem spezifischen als dem diffusen Ende zugeordnet wird (z. B. Fuchs 1999; Norris 2011). Die Vermutung, dass politisches Vertrauen sowohl diffuse als auch spezifische Elemente umfasst, wird auch durch empirische Untersuchungen bestätigt (z. B. Brunner und Walz 2000; Kleiner 2008; Norris 2011). Entsprechend wird politisches Vertrauen als Mischform von diffuser und spezifischer Unterstützung verstanden und kann definiert werden als „(…) die Überzeugung, dass das Handeln der Regierenden und der politischen Institutionen den Interessen der Regierten selbst dann entspricht, wenn diese darauf verzichten, die Entscheidungsträger durch permanenten Druck zu responsivem Handeln zu zwingen. Dies schließt die Erwartung ein, dass sich die politischen Akteure im Allgemeinen fair, gerecht, unparteiisch und gemeinwohlorientiert verhalten und ihr Handeln im Normalfall an gesellschaftlich akzeptierten normativen Standards ausrichten.“ (Gabriel 1999, S. 202).

Übertragen auf die europäische Ebene definieren wir Vertrauen in die Europäische Union entsprechend als Glauben daran, dass die politischen Akteure und Institutionen der EU selbst ohne permanente Kontrolle durch ihre Bürger in deren Interesse handeln. Dabei werden vom EU-Vertrauen (wie auch von nationalem politischem Vertrauen) positive Folgen für das politische System erwartet: Es soll den politisch Verantwortlichen einen gewissen Handlungsspielraum ermöglichen, die Stabilität der Union erhöhen sowie die Qualität ihrer Funktionsweise verbessern (McLaren 2012). Da umgekehrt auch ein ausreichendes Maß an Wachsamkeit und Misstrauen gegenüber den politisch Handelnden für den Erhalt gerade von demokratischen Systemen wichtig ist, bisher aber noch keine (empirisch prüfbare) Theorie über das systemfunktionale Niveau von Vertrauen entwickelt wurde (Gabriel und Kunz 2002, S. 255), kann keine seriöse Aussage darüber getroffen werden, welches Ausmaß an EU-Vertrauen letztlich wünschenswert ist. Es darf jedoch davon ausgegangen werden, dass ein weitverbreiteter Mangel an politischem Vertrauen auf Dauer die Stabilität der Union gefährden kann.

  • [1] Im Gegensatz zu diffuser Unterstützung bezieht sich spezifische Unterstützung in Eastons Modell ausschließlich auf die politischen Autoritäten (Easton 1965).
  • [2] Viele empirische Untersuchungen zur EU-Unterstützung verzichten ganz auf eine theoretische Diskussion des Konzepts (z. B. Anderson und Kaltenthaler 1996; Brinegar und Jolly 2005; Eichenberg und Dalton 1993; Garry und Tilley 2009; Maier et al. 2012), was u. a. zur Folge hat, dass die Operationalisierung von EU-Einstellungen eher willkürlich und teilweise widersprüchlich erfolgt. So wird beispielsweise die Beurteilung der EU-Mitgliedschaft des eigenen Landes sowohl als Indikator für spezifische als auch für diffuse EU-Unterstützung herangezogen (Scheuer 2005). Auch in der aktuellen EU-Vertrauensforschung fehlt überwiegend eine theoretische Einordnung des Vertrauenskonzepts, die über dessen bloße Klassifizierung als „diffuse Unterstützungsform“ hinausgeht (z. B. Armingeon und Ceka 2013; Harteveld et al. 2013; Muñoz et al. 2011).
  • [3] Die Verwendung von EU-Vertrauen als eigenständiger Indikator für EU-Unterstützung wird auch durch neuere empirische Untersuchungen gestützt. So zeigen Fuchs et al. (2009), dass das Vertrauen in die EU und ihre einzelnen Institutionen neben Identifikationsgefühlen, der Bewertung der Leistungen der EU sowie der allgemeinen Beurteilung der EU und deren Prinzipien einen eigenständigen Faktor bildet. Weßels (2007) kommt zu vergleichbaren Ergebnissen (aber siehe Boomgaarden et al. 2011).
 
< Zurück   INHALT   Weiter >