Empirische Analysen

Daten und Operationalisierung

Die für die empirischen Analysen herangezogenen Umfragedaten entstammen dem im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführten Eurobarometer (EB) 73.4 aus dem Jahr 2010[1]. Alle folgenden Analysen basieren auf Angaben der Befragten aus den damals 27 EU-Mitgliedstaaten und behandeln Mikrozusammenhänge[2].

Das Vertrauen der Unionsbürger in die EU wurde mittels einer dichotom kodierten Variablen erhoben. Gefragt wurde in folgendem Wortlaut: „Ich möchte nun gerne von Ihnen wissen, wie viel Vertrauen Sie in bestimmte Institutionen haben. Sagen Sie mir bitte für jede der folgenden Institutionen, ob Sie ihr eher vertrauen oder eher nicht vertrauen. […] Wie ist es mit der Europäischen Union?[3]

Um den Einfluss des Cueing-Effekts zu prüfen, wird aus zwei dichotomen Items für das Vertrauen der Befragten in ihr nationales Parlament sowie in ihre nationale Regierung ein additiver Index gebildet, wobei jeweils ein ungültiger Antwortwert zugelassen wird.12 Die Erhebung der Performanzen, die der Europäischen Union zugeschrieben werden, erfolgt folgendermaßen: Den Befragten wird zunächst eine Filterfrage gestellt, wonach sie einschätzen sollen, ob das eigene Land von der Mitgliedschaft in der Europäischen Union profitiert oder nicht. Sowohl den Befragten, die meinen, dass ihr Land davon profitiert, als auch denjenigen, die dies bestreiten, wird anschließend eine Liste mit möglichen politischen wie ökonomischen Auswirkungen der EU-Mitgliedschaft vorgelegt, wobei die inhaltlichen Dimensionen je nach Beantwortung der vorhergehenden Filterfrage positiv oder negativ formuliert sind. In Tab. 1 sind die entsprechenden positiven wie negativen Auswirkungen wiedergegeben, aus denen die Befragten maximal drei auswählen können.

Aus diesen Items plus der vorausgegangenen Filterfrage wird ein Performanzfaktor gebildet, welcher das Ausmaß der positiven Leistungszuschreibung bzw. Befürchtung abbildet. Dazu werden zunächst alle Befragten, die die Filterfrage mit „Weiß nicht/keine Angabe“ beantwortet haben, auf null gesetzt. Diejenigen, die der Meinung sind, dass ihr Land von der Mitgliedschaft in der Europäischen Union profitiert, dabei jedoch keinen Performanzbereich benennen, erhalten den Wert 1; jene, die geantwortet haben, dass dies nicht der Fall sei, dabei jedoch ebenfalls keinen Performanzbereich genannt haben, werden mit -1 kodiert. Für jede genannte Leistungszuschreibung bzw. Befürchtung steigt bzw. sinkt der Wert um eine Einheit, so dass der Indikator einen Wertebereich von 4 bis + 4 aufweist. Ein Wert von 3 gibt beispielsweise an, dass der Befragte die Unionsmitgliedschaft als nicht vorteilhaft

Tab. 1 Zugeschriebene Auswirkungen der EU-Mitgliedschaft für das eigene Land (Quelle: EB 73.4 (2010), Länderfragebogen Deutschland)

Welche der folgenden sind die Hauptgründe dafür, dass Deutschland Ihrer Meinung nach davon profitiert hat/nicht davon profitiert hat, dass es Mitglied der Europäischen Union ist? [IA: Liste zeigen

– rotieren – maximal 3 Nennungen]

Die EU trägt zur Demokratie in Deutschland bei/hat negative Auswirkungen auf die Demokratie in Deutschland

Die EU trägt dazu bei, dass Frieden und Sicherheit gewahrt werden/hat negative Auswirkungen auf die Erhaltung des Friedens und der Sicherheit

Die Europäische Union trägt zum Wirtschaftswachstum in Deutschland bei/hat negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum in Deutschland

Einige Themen, die den Menschen in Deutschland wichtig sind, können am besten auf europäischer Ebene/auf nationaler Ebene behandelt werden

Die Mitgliedschaft in der EU verbessert die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und anderen Staaten/sorgt für Spannungen zwischen Deutschland und anderen Ländern

Deutsche haben gewichtigen/sehr wenig Einfluss auf Entscheidungen, die auf europäischer Ebene getroffen werden

Die EU stärkt die Rolle Deutschlands in der Welt/Die Rolle Deutschlands in der Welt wird durch die Mitgliedschaft in der EU geschwächt

Die EU verbessert/senkt den Lebensstandard der Deutschen

Die EU hilft den Deutschen, mit den Herausforderungen der Globalisierung fertig zu werden/Die Mitgliedschaft in der EU macht Deutschland anfälliger für die negativen Auswirkungen der Globalisierung Die EU verschafft den Deutschen neue Arbeitsplatzmöglichkeiten/gefährdet die Arbeitsplätze der

Deutschen

Spontan: Sonstiges

betrachtet und dabei zusätzlich zwei Bereiche nennt, für welche er negative Auswirkungen für sein Land sieht.

Zur Überprüfung der Effekte von individuellen Eigenschaften und politischen Orientierungen auf die abhängige Variable ziehen wir das Geschlecht und das Alter der Befragten, das Bildungsniveau, die Links-Rechts-Selbsteinstufung, das politische Interesse der Befragten in Bezug auf europäische Themen sowie deren europäische Identität heran. Dabei erzeugen wir aus der Bildungsvariable einen zusätzlichen Dummy, der den Ausbildungsstatus markiert. Der genaue Zusammenhang zwischen der politischen Orientierung und der EU-Unterstützung ist, wie oben erwähnt, bislang noch nicht eindeutig geklärt. Um den genauen Effekt der politischen Orientierung auf das EU-Vertrauen zu prüfen, ist es aus unserer Sicht daher sinnvoll, die Dimension der ideologischen Selbsteinstufung in zwei Variablen aufzuteilen, die jeweils nur eine der beiden politischen Ausrichtungen repräsentieren. Zu diesem Zweck werden für die erste Variable der „Linksorientierung“ alle Ausprägungen auf null gesetzt, die eine rechte Orientierung widerspiegeln. Außerdem werden alle ungültigen Antworten mit null kodiert.13 Durch dieses Vorgehen werden alle, die sich im rechten politischen Lager sehen oder keine gültige Antwort gegeben haben, zur Referenz für diejenigen, die eine linke politische Orientierung bekunden. Für die „Rechtsorientierung“ wird analog verfahren, hier werden die Linksorientierten und jene ohne gültige Antwort als Referenz herangezogen. Beide Variablen sind positiv kodiert, das heißt ein steigender Wert entspricht einer steigenden Orientierung in die entsprechende politische Richtung und erleichtert so die Interpretation möglicher Zusammenhänge. Das politische Interesse wird über die Häufigkeit der Teilnahme an Diskussionen über europäische politische Angelegenheiten erhoben. Schließlich wird die europäische Identität über die Frage operationalisiert, in welchem Ausmaß sich die Befragten als EU-Bürger fühlen. Die erwarteten Einflüsse der unterschiedlichen Kontrollvariablen wurden oben diskutiert[4].

  • [1] Die Verantwortung für die Analysen tragen selbstverständlich allein die Autorinnen dieses Beitrags.
  • [2] Es wurde pro Land jeweils ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung im Alter ab 15 Jahren befragt. Die Zahlen für die gesamte EU-27 sind gemäß der Bevölkerung gewichtet.
  • [3] Alternativ hätte man nach dem Vertrauen der Menschen in die einzelnen Institutionen der Europäischen Union fragen können. Empirische Analysen zeigen jedoch, dass das generelle Vertrauen in die Union und das Vertrauen in einzelne EU-Institutionen ein gemeinsames Konstrukt bilden (Fuchs et al. 2009).
  • [4] Eine Liste des genauen Wortlauts der unabhängigen Variablen findet sich im Anhang.
 
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