Proxy-Ansatz und weitere Determinanten

Neben den theoretischen Ansätzen, die den Nutzen der EU-Mitgliedschaft in den Fokus der Erklärung rücken, werden auch politische Einstellungen zur Erklärung der Einstellungen gegenüber der EU-Integration herangezogen. Im Rahmen des sogenannten Proxy-Ansatzes (Anderson 1998) wird die Haltung der Bürger gegenüber der EU über deren Einstellungen zum nationalen politischen System zu erklären versucht. Aufgrund der Komplexität der EU(-Integration), so wird argumentiert (Janssen 1991, S. 467), orientierten sich die Bürger für ihre Bewertung an anderen Faktoren: „Citizens compensate for a gap in knowledge about the EU by construing a reality about it that fits their understanding of the political world. For most people, this means that they rely on what they know and think about domestic politics“ (Anderson 1998,S. 576). Anderson geht davon aus, dass die eigene Haltung gegenüber dem nationalen politischen System, der nationalen Regierung und die Haltung gegenüber etablierten Parteien in Form eines Spill-Over-Effekts auf die EU übertragen wird (1998, S. 576). Kritzinger (2003) hält hingegen einen gegensätzlichen Zusammenhang von nationaler und EU-Bewertung für plausibel. So könnten negative Bewertungen des nationalen politischen Systems oder der Regierung – vor allem dann, wenn sie dauerhafter Natur sind – dazu führen, dass Bürger ihr Heil in der EU sehen, deswegen die Mitgliedschaft des eigenen Landes in der EU besonders positiv bewerten und ihre Hoffnungen im Sinne eines „it can only get better“ (Kritzinger 2003, S. 226) auf eine Vertiefung der politischen Integration setzen. Neuere Untersuchungen sprechen allerdings für einen Einstellungstransfer im Sinne eines Spill-Over-Effekts (Henjak et al. 2012, S. 195).

Neben den Bewertungen des nationalen politischen Systems werden auch die soziodemografischen Merkmale Alter und Geschlecht zur Erklärung herangezogen, da frühere Untersuchungen zu dem Ergebnis gekommen sind, dass Ältere und Frauen negativere Einstellungen gegenüber der EU-Integration aufweisen (Henjak et al. 2012, S. 181). Ansätze, die Einstellungen gegenüber der EU anhand der nationalen Identität der Bürger erklären, können aufgrund der eingeschränkten Variablenverfügbarkeit der ausgewählten Eurobarometerdaten nicht berücksichtigt werden[1].

  • [1] Den Ansätzen liegt die Annahme zugrunde, dass ein fortschreitender Integrationsprozess durch den Abbau nationaler Eigenständigkeiten als Bedrohung nationaler Identitäten wahrgenommen werden könnte
 
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