Daten, Operationalisierung und Untersuchungsdesign

Um den Einfluss der Wirtschafts- und Eurokrise mittels einer vergleichenden Perspektive für die 27 EU-Staaten überprüfen zu können, werden Daten der Eurobarometer-Reihe zu zwei Untersuchungszeitpunkten ausgewählt: Der eine liegt im Mai 2010 (Eurobarometer 73.4, European Commission 2010) und damit kurz nach der Entscheidung über die erste Griechenlandhilfe und die Einrichtung eines Euro-Rettungsschirms. Der andere liegt im Frühjahr des Jahres 2008 (Eurobarometer 69.2, European Commission 2008). Die Entscheidung für diesen zweiten Zeitpunkt erfolgt aus unterschiedlichen Gründen. Zum einen, weil sich zu Beginn des Jahres 2008 eine gesamtwirtschaftlich recht positive Situation in der EU zeigte. Damit kann im Vergleich zum Jahr der beginnenden Eurokrise 2010, das in der Folge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise stand und damit in wirtschaftlich eher schwierigen Zeiten, Variation erzielt werden[1]. Zum anderen wird dieser Zeitpunkt gewählt, weil hier der Vertrag von Lissabon von den Staats- und Regierungschefs bereits unterzeichnet worden ist und somit das politische System der EU zu beiden Zeitpunkten dieselben vertraglichen Grundlagen aufweist. Die Entscheidung für genau diese beiden Datensätze fiel schließlich auch aufgrund der Variablenverfügbarkeit: Nur hier finden sich alle aufgrund der theoretischen Annahmen interessierenden Variablen.

Die instrumentelle Einstellungsdimension wird als Summenscore aus zwei Variablen gebildet. Zum einen wird die Einschätzung des Nutzens des eigenen Landes durch die EU-Mitgliedschaft herangezogen, zum anderen wie oben begründet die allgemeine Bewertung der Mitgliedschaft des Landes in der Europäischen Union (Lubbers und Scheepers 2010, S. 794)

[2]. Um eine gleichgewichtige Berücksichtigung beider Variablen zu gewährleisten, werden bei der eigentlich zweistufigen NutzenVariable die Personen, die „weiß nicht“ angeben, als Mittelkategorie berücksichtigt. Die Messung der Vertiefungsdimension erfolgt über die Bewertung der Übertragung von Entscheidungskompetenzen auf die europäische Ebene. Die Befragten konnten für 20 Politikbereiche angeben, ob sie Entscheidungen darüber entweder vollständig auf der EUoder vollständig auf der nationalen Ebene getroffen sehen möchten[3]. Hieraus wurde ein additiver Index gebildet, höhere Werte stehen für größere Zustimmung zu Kompetenztransfers auf die EU-Ebene.

Zur Erklärung der beiden Einstellungsdimensionen stehen die unabhängigen Variablen „Bewertung der Beschäftigungslage“ und „Bewertung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage“ aufgrund der Hypothesen im Vordergrund. Als weitere unabhängige Variablen werden auf Grundlage des Forschungsstandes Bildung, sozioökonomische Position, Geschlecht und Alter einbezogen. Um die im Rahmen des Proxy-Ansatzes vertretene Annahme der Übertragung nationaler politischer Einstellungen auf die EU-Ebene überprüfen zu können, wird das Vertrauen in die nationalen politischen Institutionen in die Analysen mit einbezogen. Als erklärende Variablen der Kontextebene werden die makroökonomischen Indikatoren BIP-Veränderung im Vergleich zum Vorjahr und Arbeitslosenrate herangezogen. Auch die direkten finanziellen Kosten bzw. der direkte finanzielle Nutzen der EU-Mitgliedschaft werden in Form des Nettozahler/-empfängerstatus berücksichtigt. Hinzu kommt die Euromitgliedschaft eines Landes. Weitere Informationen zur Operationalisierung der integrierten Variablen finden sich in Tab. 3 im Anhang. Alle Variablen wurden zu beiden Untersuchungszeitpunkten identisch gemessen.

Die Untersuchung der instrumentellen und der Vertiefungsdimension erfolgt in mehreren Schritten. Zunächst werden die Ländermittelwerte der beiden Dimensionen zwischen den 27 EU-Staaten verglichen. Dann werden die weiteren Hypothesen anhand von hierarchischen Mehrebenenmodellen überprüft8. Dazu werden zunächst für die beiden Untersuchungszeitpunkte getrennte Modelle geschätzt. Es folgen gepoolte Modelle, die die Daten beider Untersuchungszeitpunkte umfassen. Um die Interaktionshypothesen der wirtschaftlichen Bewertungen der Individualebene und der Krise überprüfen zu können, werden Mehrebenenmodelle geschätzt, bei denen jedes Land eine Kontexteinheit bildet. Anhand eines Dummys für den Untersuchungszeitpunkt und der Integration des Interaktionseffekts mit der wirtschaftlichen Bewertung kann überprüft werden, ob eine Zunahme der wirtschaftlichen Bewertungen zum zweiten Untersuchungszeitpunkt gegeben ist.

  • [1] Die verwendeten Kontextfaktoren stammen weitestgehend von Eurostat (2013); für weitere Quellen siehe Tab. 3 im Anhang. Die ökonomischen Daten liegen jeweils als Jahresdurchschnittswerte vor. Sie werden um ein Jahr zeitversetzt zu den Individualdaten ausgewählt. So werden den Mikrodaten des Jahres 2008 die Makrodaten von 2007 zugeordnet. Mit den Daten des zweiten Erhebungszeitpunktes wird analog verfahren. Grund hierfür ist die Annahme, dass die Makrodaten des Vorjahres die Kontextsituation zum Erhebungszeitpunkt der Individualdaten (März bis Mai (2008) bzw. Mai (2010)) besser wiedergeben. Gerade für das Jahr 2008, in dem sich die wirtschaftliche Situation in der zweiten Jahreshälfte deutlich verschlechtert hat, wäre das Heranziehen des Gesamtjahresdurchschnitts problematisch. Außerdem ist die mediale Vermittlung der wirtschaftlichen Kennzahlen, die eine entscheidende Quelle der Wahrnehmung sein dürfte, meist retrospektiv.
  • [2] Fragetext Nutzen-Variable: „Hat Ihrer Meinung nach (UNSER LAND) insgesamt gesehen durch die Mitgliedschaft in der Europäischen Union Vorteile, oder ist das nicht der Fall?“; Antwortmöglichkeiten:

    „Vorteile“, „Ist nicht der Fall“; Fragetext Mitgliedschaft-Variable: „Ist die Mitgliedschaft Deutschlands in der Europäischen Union Ihrer Meinung nach -?“ „Eine gute Sache“, „Eine schlechte Sache“, „Weder gut noch schlecht“.

  • [3] „Sagen Sie mir bitte für jeden der folgenden Bereiche, ob er Ihrer Meinung nach von der deutschen Bundesregierung oder gemeinsam innerhalb der Europäischen Union entschieden werden sollte.“ „Kampf gegen Kriminalität“. „Steuern“, „Kampf gegen Arbeitslosigkeit“, „Kampf gegen Terrorismus“, Verteidigung und Außenpolitik“, „Einwanderung“, „Das Bildungssystem“, „Renten“, „Umweltschutz“, „Gesundheit“, „Sozialwesen“, „Landwirtschaft und Fischerei“, „Verbraucherschutz“, „Wissenschaftliche und technologische Forschung“, „Unterstützung von Regionen mit wirtschaftlichen Problemen“, „Energie“, „Wettbewerb“, „Verkehr“, „Wirtschaft“, „Bekämpfung der Inflation“.
 
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