Individuelle Determinanten der Bewertung der Einstellungen gegenüber der EU-Integration

In Tab. 1 sind für die beiden untersuchten Dimensionen und beide Zeitpunkte getrennte Mehrebenenmodelle dargestellt. Die Berechnung der sogenannten Nullmodelle in einem ersten Schritt hat bestätigt, was auf Grundlage der Betrachtung der Varianzanalysen der Mittelwerte bereits erkennbar war: Es gibt zu beiden Untersuchungszeitpunkten und für beide Dimensionen einen Varianzanteil von rund sieben Prozent, für die instrumentelle Dimension 2010 von zehn Prozent, der auf den Länderkontext zurückgeführt werden kann[1]. Eine Untersuchung unter Berücksichtigung von Länderkontextfaktoren erscheint daher sinnvoll. Zunächst richtet sich der Fokus allerdings auf die Einflüsse der Individualvariablen.

In Hypothese 2 und Hypothese 3 wurde erwartet, dass der Einfluss der Bewertung der wirtschaftlichen Lage und der Beschäftigungslage zum zweiten Untersuchungszeitpunkt in der Krise stärker ausfällt. In den Modellen der instrumentellen Dimension zeigt sich für die Bewertung der wirtschaftlichen Lage allerdings ein stabiler Effekt zwischen den Jahren. Für die Vertiefungsdimension scheint es eine leichte

Tab. 1 Mehrebenenmodelle der instrumentellen und der Vertiefungsdimension.

Instrumentelle Dimension Vertiefungsdimension

2008

Modell 1 b

2010

Modell 2 b

2008

Modell 3 b

2010

Modell 4 b

Konstanter Term

Individualmerkmale

3,41***

3,23***

12,07***

12,60***

Bildung

Höhere Bildung (Referenz) Mittlere Bildung

0,19***

0,26***

0,46***

0,59***

Niedrige Bildung

Berufiiche Position

Hohe Position (Referenz) Mittlere Position

0,43***

0,16***

0,49***

0,17***

0,85***

0,34**

1,14***

0,30*

Niedrige Position Schüler/Studenten Hausfrau/-mann Nie erwerbstätig

Nationalstaatlicher Proxy

Politisches Vertrauen

0,37***

0,03

0,30***

0,40***

0,41***

0,33*** 0,04

0,28***

0,23**

0,47***

0,74***

0,40*

0,54**

0,61

0,56***

0,75***

0,42*

0,52**

1,38***

0,53***

Geschlecht

Frau

Alter

0,13***

0,00***

0,14*

0,00***

0,30**

0,02***

0,33***

0,02***

Ökonomische Bewertungen Wirtschaftliche Lage positiv Beschäftigungslage positiv

0,18***

0,18***

0,18***

0,12***

0,19***

0,33***

0,25**

0,26**

Kontextmerkmale

Nettozahlerstatus

0,44**

0,37*

0,84

0,82

BIP-Veränderung Arbeitslosenrate

0,02

0,02

0,04

0,13

Varianzkomponenten

Ebene 1

1,67

1,84

30,43

31,86

Ebene 2

0,13

0,16

2,28

2,47

R2 Ebene 1

0,17

0,15

0,03

0,04

R2 Ebene 2

0,40

0,03

0,03

0,06

ICC

0,07

0,08

0,07

0,07

n (Level 1)

21.288

22.148

18.923

19.722

n (Level 2)

27

27

27

27

Quelle: EB 69.2 und 73.4; *p < 0,05; **p < 0,01; ***p < 0,001; R2 nach Snijders/Bosker (1999);

Bedeutungszunahme zu geben, wie der höhere Effekt für das Jahr 2010 zeigt. Um den beobachteten Unterschied zwischen den Jahren genauer zu überprüfen, wurde in ein gepooltes Modell (nicht dargestellt) der Individualdaten beider Jahre ein Interaktionseffekt zwischen Untersuchungsjahr und der Bewertung der wirtschaftlichen Lage integriert. Dieser weist allerdings keinen signifikanten Effekt auf. Ein krisenbedingter Anstieg der Bedeutung der wirtschaftlichen Lage lässt sich somit auch für die Vertiefungsdimension nicht nachweisen.

Bezogen auf die Bewertung der Beschäftigungslage zeigt sich entgegen der Erwartung für beide Dimensionen 2010 ein geringerer Effekt: Ob die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt positiv oder negativ eingeschätzt wird, scheint für die Einstellungen gegenüber der EU-Integration somit eher unwichtiger geworden zu sein. Auch dies wurde anhand eines gepoolten Modells überprüft. Der signifikante negative Interaktionseffekt (Modell 5 in Tab. 2) verdeutlicht, dass der Einfluss der Bewertung der Beschäftigungslage in der Krise tatsächlich etwas geringer ausfällt. Auch für die Vertiefungsdimension wurde ein entsprechendes Modell (nicht abgebildet) gerechnet. Hier zeigt sich allerdings kein signifikant veränderter Einfluss zwischen den beiden Zeitpunkten.

Die Effekte für die Bildungsvariablen zeigen, dass Personen mit mittlerer und niedriger Bildung negativere Einstellungen aufweisen als Personen mit höherer Bildung und bestätigen damit frühere Ergebnisse (Gabel und Palmer 1995, S. 11–12). Im Vergleich der Effektstärken zwischen den Jahren fällt auf, dass die Effekte tendenziell 2010 etwas stärker ausfallen als 2008. Die Überprüfung mit gepoolten Modellen ergibt allerdings für die instrumentelle Dimension nur einen signifikant stärkeren Effekt der mittleren Bildung (Modell 6 in Tab. 2). Für die Vertiefungsdimension zeigt sich, dass der negative Effekt der niedrigen Bildung 2010 deutlich stärker ausfällt. Der Vergleich des Haupteffekts der niedrigen Bildung mit dem Interaktionseffekt deutet an, dass der Effekt in der Krise um die Hälfte ansteigt (Modell 8 in Tab. 2). Für die Vertiefungsdimension deutet sich damit an, dass sich in der Krise die bestehenden Unterschiede der Bildungseinflüsse auf die Bewertung der EU-Integration verstärken.

Die Effekte der Variablen, die zur Messung der beruflichen Position herangezogen wurden, verdeutlichen, dass Personen mit niedrigerer beruflicher Stellung die EU-Integration dimensionsübergreifend negativer bewerten. Wie für die Bildung auch, bestätigt dies frühere Studien zum Einfluss des sozioökonomischen Status auf die Bewertung der EU-Integration (Gabel 1998a, S. 351), die von einem geringeren Nutzen der Integration für Menschen mit niedrigerem sozioökonomischem Status ausgehen und deshalb eine negativere Bewertung der EU-Integration annehmen. Anders als bei den Bildungseffekten deutet sich hier allerdings keine Verstärkung in der Krise an13. Es lässt sich für die Indikatoren des sozioökonomischen Status somit kein klares Ergebnis zeigen. Eine eindeutige stärkere Betroffenheit durch die Krise, die sich in negativere Einstellungen umsetzt, zeigt sich für Personen mit niedrigerem Status nicht.

Die Ergebnisse zum Einfluss des Vertrauens in die nationalen politischen Institutionen zeigen einen Spill-Over-Effekt, wie er von Anderson (1998, S. 576) postuliert wurde. Politisches Vertrauen im nationalen Kontext wirkt sich auf beide untersuchte Dimensionen positiv aus. Im Zeitvergleich scheint es für die instrumentelle Dimension eine leichte Bedeutungszunahme zu geben. Für die Vertiefungsdimension scheint sich der Effekt in der Tendenz hingegen eher abzuschwächen. Die Überprüfung über die Interaktion mit der Zeit zeigt für die Vertiefungsdimension keine signifikante Veränderung der Effektstärke. Für die instrumentelle Dimension bestätigt sich

Tab. 2 Gepoolte Mehrebenenmodelle der instrumentellen und der Vertiefungsdimension 2008/10.

Instrumentelle Dimension 2008/2010

Modell 5 Modell 6 Modell 7 b b b

Vertiefungsdimension 2008/2010

Modell 8 b

Konstanter Term

Individualmerkmale

3,23*** 3,22*** 3,23***

11,75***

Bildung

Höhere Bildung (Referenz)

Mittlere Bildung 0,20*** 0,46***

Niedrige Bildung 0,46*** 0,81***

Nationalstaatlicher Proxy

Politisches Vertrauen 0,41***

Ökonomische Bewertungen

Beschäftigungslage positiv 0,17***

Jahr 2010 0,18*** 0,15*** 0,18*** 0,46***

Jahr ´ wirtschaftliche Lage

Jahr ´ Beschäftigungslage 0,04*

Jahr ´ mittlere Bildung 0,05*

Jahr ´ niedrige Bildung 0,38**

Jahr ´ politisches Vertrauen 0,05***

Varianzkomponenten

Ebene 1 1,76 1,76 1,76 31,24

Ebene 2 0,18 0,19 0,19 2,68

R2 Ebene 1 0,14 0,14 0,14 0,02

R2 Ebene 2 0,05 0,06 0,06 0,10

ICC 0,10 0,10 0,10 0,08

n (Level 1) 43.436 43.436 43.436 38.645

n (Level 2) 27 27 27 27

Quelle: EB 69.2 & 73.4; *p< 0,05; **p< 0,01; ***p< 0,001;

R2 nach Snijders/Bosker (1999); Modelle kontrolliert für Bildung, berufliche Position, politisches Vertrauen, Geschlecht, Alter, Bewertung wirtschaftliche Lage und Beschäftigungslage; dargestellt sind nur die interessierenden Haupt- und Interaktionseffekte

eine leichte Zunahme der Effektstärke zum zweiten Zeitpunkt (Modell 7, Tab. 2). Die Zunahme des Effekts deutet an, dass politischem Vertrauen in nationales Parlament und Regierung in der Krise eine wichtige Rolle zukommt. Allerdings ist die Zunahme des Effekts im Vergleich mit dem Haupteffekt recht gering. Für Geschlecht und Alter zeigen sich die auf Grundlage des Forschungsstandes (Henjak et al. 2012, S. 181) erwarteten Einflüsse, die sich zwischen den Zeitpunkten nicht unterscheiden: Frauen und Ältere weisen negativere Einstellungen auf.

Unabhängig vom Untersuchungszeitpunkt fällt bei einem Blick auf die Indikatoren der Modellgüte auf, dass sich die Vertiefungsdimension durch die berücksichtigten Variablen deutlich schlechter erklären lässt als die instrumentelle: Das Ebene-1-R² erreicht stets nur Werte um 0,04, während für die instrumentelle Dimension Werte um 0,15 erreicht werden. Allerdings bestätigt diese geringere Erklärungskraft die Ergebnisse früherer Untersuchungen zur Vertiefungsdimension (Lubbers und Scheepers 2007).

6.2 Untersuchung der Kontextfeinflüsse auf die Bewertung der EU-Integration

Zusätzlich zu den Individualvariablen wurden in Modell 1 und Modell 2 der Nettozahlerstatus und die Veränderung des BIP integriert. Beide Kontextmerkmale weisen bei alleiniger Integration in ein Mehrebenenmodell einen signifikanten Effekt auf, das BIP allerdings nur im Jahr 2008. Bei gemeinsamer Integration der Kontextfaktoren zeigt nur der Nettozahlerstatus einen stabilen Effekt. Die Arbeitslosenrate, die als objektiver Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung ebenfalls untersucht wurde, weist für die instrumentelle Dimension bei alleiniger Integration in ein Mehrebenenmodell zu keinem der untersuchten Zeitpunkte einen signifikanten Einfluss auf. Die Ergebnisse zeigen, dass es gemessen über die makroökonomische Entwicklung keine Bedeutungszunahme wirtschaftlicher Faktoren in der Krise gibt, was im Widerspruch zur Erwartung von Hypothese 4 steht. Der einzige zeitübergreifende Einfluss, der des Nettozahlerstatus, verdeutlicht, dass der finanzielle Kosten-NutzenAspekt der EU-Mitgliedschaft für die instrumentelle Bewertung der EU-Integration zentral ist. Die erwartete Einflusszunahme aufgrund größerer befürchteter Kosten durch die Eurokrise in den Nettozahlerstaaten zeigt sich allerdings nicht. Der Effekt des Nettozahlerstatus ist zwischen den Zeitpunkten stabil, was Hypothese 5 widerlegt. Auffällig ist allerdings, dass die Unterschiede zwischen den EU-Ländern in der Krise anhand des Nettozahlerstatus schlechter erklärt werden können, wie sich am deutlich niedrigeren R²-Wert für Ebene 2 zeigt. Eine stärkere Ökonomisierung der Einstellungen gegenüber der EU-Integration kann für die instrumentelle Dimension nicht festgestellt werden. Auch der vermutete negative Einfluss der Euromitgliedschaft in der Krise aufgrund einer stärkeren Betroffenheit der Euroländer (Hypothese6) zeigt sich nicht: Wird die Euromitgliedschaft als einzige Kontextvariable in das Modell aufgenommen, weist sie keinen signifikanten Einfluss auf die Bewertung der instrumentellen Dimension auf.

Wie für die instrumentelle Dimension, wurden auch für die Vertiefungsdimension die Makroindikatoren in die dargestellten Mehrebenenmodelle integriert, die zumindest zu einem Zeitpunkt in Modellen einen Einfluss gezeigt haben, in denen sie die einzige Kontextvariable darstellen. Dies waren im Jahr 2010 der Nettozahlerstatus und die Arbeitslosenrate. Eine gemeinsame Integration der beiden Variablen führt allerdings dazu, dass beide insignifikant werden. Der positive Einfluss der Arbeitslosenrate, der anders als vermutet auf eine größere Zustimmung zu einer weiteren Vertiefung der Integration in den stärker von Arbeitslosigkeit betroffenen Ländern hingedeutet hat, erweist sich damit als instabil. Auch der vermeintliche Bedeutungsgewinn des Nettozahlerstatus als Determinante der Vertiefungsdimension in der Krise, der der Erwartung aus Hypothese 5 entsprochen hat, fällt wenig stabil aus. Wie für die instrumentelle Dimension, zeigt sich auch für die Vertiefungsdimension keine Ökonomisierung. Auch ein negativer Einfluss der Euromitgliedschaft (Hypothese 6) kann nicht nachgewiesen werden. Insgesamt scheint die Vertiefungsdimension damit auch in der Krise wie in früheren Untersuchungen (Lubbers und Scheepers 2007, S. 664) als von ökonomischen Entwicklungen wenig beeinflusst.

Schlussfolgerungen

Im Rahmen des Artikels wurden zwei Einstellungsdimensionen gegenüber der EUIntegration, eine instrumentelle und eine Vertiefungsdimension, untersucht. Dabei stand die Frage im Vordergrund, ob die beiden Dimensionen unterschiedlich auf die globale Wirtschaftskrise und beginnende Eurokrise reagieren, insbesondere ob ihre Determinanten sich in ihrem Einfluss zwischen den beiden Zeitpunkten unterscheiden. Zunächst ist festzustellen, dass die Krise anders als erwartet nur einen geringen Einfluss auf die untersuchten Dimensionen zu haben scheint. Wie der Mittelwertvergleich zwischen 2008 und 2010 gezeigt hat, ist nur für die instrumentelle Dimension und hier auch nur für die Hälfte der EU-Staaten eine Verschlechterung der Einstellungen zu verzeichnen. Die Bewertung einer weiteren Vertiefung der Integration hat sich hingegen, falls sie sich überhaupt verändert hat, in den Ländern tendenziell verbessert. Die Untersuchung der Determinanten der Einstellungen hat entgegen den Erwartungen keine Bedeutungszunahme der subjektiven ökonomischen Bewertungen und der objektiven makroökonomischen Entwicklung bzw. der durch die EU-Mitgliedschaft entstehenden Kosten gezeigt. Damit bestätigt der Beitrag das Ergebnis von Serricchio et al. (2013) zur aktuellen Krise, die ebenfalls keine Evidenz für einen stärkeren Einfluss ökonomischer Makrofaktoren für eine instrumentelle Bewertung der EU-Mitgliedschaft nachweisen konnten. Vielmehr zeigen sich zu beiden Zeitpunkten ähnliche Muster. Ausnahmen bilden die Hinweise auf einen gestiegenen Einfluss der Bildung in der Krise und auch der Bedeutungsgewinn von Vertrauen in die nationalen politischen Institutionen für die instrumentelle Dimension: Ob es sich dabei um eine dauerhafte Veränderung handelt, müsste eine Untersuchung zu einem späteren Krisenzeitpunkt zeigen. Diese wäre grundsätzlich wünschenswert, da sich der Einfluss der Krise im Laufe ihrer Entwicklung verstärken könnte. Es ließe sich damit auch prüfen, ob sich die Vertiefungsdimension tatsächlich dauerhaft so unempfindlich gegenüber der Krise zeigt, wie es die Ergebnisse zu Krisenbeginn nahelegen.

  • [1] ICC der instrumentellen Dimension 2008/2010: 0,10/0,07; ICC der Vertiefungsdimension 2008/2010: 0,07/0,07.
 
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