Theoretische Überlegungen

Die „Euro-Krise“, aufgrund derer eine Beeinflussung der Erklärungsmuster der politischen Unterstützung vermutet wird, ergab sich aus der in den USA im Sommer 2007 aufkommenden Banken- und Finanzkrise. Da viele Regierungen als Folge dieser systemischen Krise die Rettung maroder Banken übernahmen, erhöhten sich die Staatsschulden in einigen Staaten zum Teil massiv, was ab Ende 2009 zur Staatsschuldenkrise im Euroraum („Euro-Krise“) führte. Zusammengefasst lassen sich die Entwicklungen in drei Phasen einteilen: die Finanzkrise im engeren Sinne in Form einer Bankenkrise (2007–2008), die realwirtschaftliche Krise (2008–2009) und die Folgekrisen (ab 2010), die besonders für die erhöhten Staatsschuldenquoten verantwortlich waren (Michler und Smeets 2011, S. 5). Dabei wird vor allem den beiden letzten Phasen mit ihren unmittelbar spürbaren Effekten für Großteile der Bevölkerung eine Schockwirkung auf politische Einstellungen unterstellt.

Allgemein bezeichnet die in dieser Arbeit untersuchte politische Unterstützung grundsätzliche positive oder negative Einstellungen der Bürger zum politischen System. Das in der Politikwissenschaft u. a. aufgrund seiner guten Möglichkeiten zur Operationalisierung verbreitete analytische Konzept der politischen Unterstützung nach David Easton (1965) unterscheidet theoretisch und empirisch zwei wesentliche Komponenten: Die speziftsche und die diffuse Unterstützung. Die diffuse Unterstützung, die die abhängige Variable in dieser Analyse bildet, meint ein langfristiges, affektives Vertrauen und eine abstrakte Bewertung politischer Objekte. Derartige Einstellungen sind für die EU vor allem deshalb von Belang, weil von ihnen ausgehend ein bedeutender Einfluss auf die Stabilität des politischen Systems sowie auf die Implementationsmöglichkeiten verbindlicher Entscheidungen vermutet wird (Easton 1965, S. 475). Damit die Frage überprüft werden kann, ob sich die Relevanz einzelner Erklärungsmechanismen im Zeitverlauf verändert hat, ist es zunächst erforderlich, relevante Erklärungsmuster der politischen Zustimmung zur EU zu betrachten.

Nationale und europäische Identitäten

Soziale Identitäten, wie nationale oder europäische Identitäten, beeinflussen die politische Wahrnehmung, Einstellungen zu politischen Objekten und auch individuelles politisches Verhalten (Sniderman et al. 2004). Sie können beschrieben werden als ei„Teil des Selbstkonzepts eines Individuums, der aus dessen Wissen über seine Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe […] verbunden mit dem Wert und der emotionalen Bedeutung, die dieser Gruppenmitgliedschaft beigemessen werden, erwächst“ (Tajfel 1978, S. 63). Soziale Identitäten stellen folglich eine Verbindung zwischen dem Individuum und sozialen Gruppen her, die das Objekt der Identifikation bilden. Derartige Identitäten sind nicht auf ein Individuum bezogen, sondern werden innerhalb einer Gruppe kollektiv geteilt und basieren auf gegenseitigem Wissen über die Eigenschaften der Gruppenmitglieder und der Gruppe selbst.

Die Theorie der sozialen Identität (Tajfel und Turner 1986), die in den letzten Jahrzehnten in vielen Fällen empirischer und theoretischer Forschung zu Grunde lag, bildet ein geeignetes Analysekonzept, um die Wirkungsmechanismen sozialer Identitäten und Gruppeninteraktionen theoretisch erfassen zu können. Die Theorie versucht zu klären, welche Bedingungen notwendig und hinreichend sind, damit es zu einer Diskriminierung der Mitglieder anderer Gruppen kommt und sich damit ein Aggregat von Individuen als Gruppe wahrnimmt. Hinter diesem unterschiedlichen Verhalten gegenüber der Eigen- und der Fremdgruppe (im Folgenden auch In- und Outgroup genannt) stecken vier Mechanismen, welche die Theorie in ihrem Kern ausmachen: Erstens strukturieren Individuen ihre Wahrnehmungen anhand von sozialen Kategorien, die als Orientierungshilfe und Systematisierung einer ansonsten überkomplexen Welt dienen. Zweitens ordnet das Individuum sich und „die anderen“ in das Kategoriensystem ein, was zur Folge hat, dass es zugleich zu einer Selbstbestimmung anhand dieser Kategorien kommt. Der Vorgang sozialer Identifikationsbildung ergibt eine Vorstellung des Individuums von sich selbst und ist als eine „Transformation einer Eigenschaft der äußeren Kategorie in die interne Bestimmung seines Selbst“ (von Bogdandy 2003, S. 38) zu verstehen. Identitätsbildung findet drittens jedoch nur statt, wenn die vorangegangenen Abläufe durch Prozesse sozialer Vergleiche zwischen den eigenen und den anderen Gruppen ergänzt werden, die dem Individuum Informationen über die Bestandteile und Charakteristika seiner sozialen Identität liefern. Dabei hat jedes Individuum, egal welcher Gruppe oder Hierarchieebene, ein Bedürfnis, eine positive soziale Identität und Selbstbewertung vorzuweisen (Tajfel 1978, S. 83). Positiv ist diese dann, wenn die sozialen Vergleiche zwischen der Eigengruppe und den relevanten Vergleichsgruppen für die eigene Gruppe positiv ausfallen. Viertens zielen Mitglieder einer Gruppe darauf ab, sich durch Fremdgruppenabwertungen von anderen Kollektiven zu unterscheiden und eine Überlegenheit auf einigen bestehenden und situativ relevanten Vergleichsdimensionen zu erreichen (Mummendey 1985, S. 195)[1]. Zusammengefasst verknüpft die Theorie der sozialen Identität die vier genannten Komponenten zu einem gemeinsamen Modell.

Nationale Identitäten stellen eine spezielle Form sozialer Identitäten dar, wobei das die Identität konstituierende Kollektiv in diesem Fall der Nationalstaat darstellt. Die Intensitäten und die verschiedenen Erscheinungsformen des Nationalgefühls, im Zusammenspiel mit nationalen politischen Traditionen, stellen bedeutsame Faktoren zur Erklärung politischer Unterstützung der EU dar (Kaltenthaler und Anderson 2001, S. 148). Bei derartigen Identitäten handelt es sich um über die Zeit hinweg relativ stabile kulturelle Normen, die in der Regel im Verlaufe der Sozialisation eines Menschen entstehen und affektive Orientierungen von Individuen zu ihrer Nation und ihrem nationalen politischen System enthalten.

Für derartige Identitätsformen konnte in bisherigen Untersuchungen allerdings kein eindeutiges Verhältnis zu europäischer Unterstützung festgestellt werden, da hierfür die Erscheinungsform nationaler Identitäten maßgeblich ist. Unter Berücksichtigung der Annahmen der Theorie der sozialen Identität wäre einerseits grundsätzlich zu vermuten, dass ein starkes Bindungsgefühl an die nationale Eigengruppe eine Diskriminierung von Fremdgruppen begünstigt. Nationale Identitäten sind stark bezogen auf die Befürwortung von Nationalstaaten sowie ihrer Souveränität und Selbstbestimmung. Gilt diese Annahme, so sollten nationale Zugehörigkeiten bereits von sich aus die Unterstützung der EU reduzieren, da sie eine Ablehnung der Übertragung von Entscheidungskompetenzen auf EU-Ebene ausdrücken (Carey 2002, S. 397).

Eine zweite Perspektive zur Beschreibung des Verhältnisses nationaler Identität und Zustimmung zur EU besagt jedoch, dass starke nationale Zugehörigkeitsgefühle nicht unbedingt die Unterstützung der EU schmälern müssen. So können nationale mit europäischen Identitäten durchaus einhergehen, indem nicht Nationen innerhalb der EU, sondern Bevölkerungsgruppen außerhalb der EU als relevante Vergleichsgruppen zur Herstellung einer positiven Distinktheit angesehen werden. Darüber hinaus sind europäische Elemente in verschiedenen nationalen Identitäten heutzutage bereits ein fester Bestandteil. Angesichts der Vielzahl an Bedeutungsmöglichkeiten erscheint es daher geboten, lediglich für spezifische Erscheinungsformen nationaler Identitäten und nicht für eine allgemeine Wirkung solcher Identitäten Hypothesen zu formulieren.

Nationale Identitäten als Grundausstattung jedes Individuums können verschiedene Ausdrucksformen annehmen, die es einzeln zu berücksichtigen gilt. Erstens können nationale Identitäten eine patriotische Grundhaltung ausdrücken. Personen mit derartigen Haltungen verbinden die Nation mit demokratischen und humanistischen Werten, wie Verantwortlichkeit und Stolz, die deutlich über der Frage nach der ethnischen Herkunft stehen. Patrioten stehen ihrer Nation positiv gegenüber, betrachten die gemeinsame Geschichte und die Solidarität gegenüber ihren Gruppenmitgliedern auf eine reflektierende und kritische Art und Weise, weshalb sie in der Regel nicht zur Idealisierung ihrer Nation neigen (Blank et al. 1999). Ein positives Nationalgefühl in dieser Form ist somit nicht notwendigerweise verbunden mit einer Abwertung von Fremdgruppen, die anderen Nationen entstammen.

Verstehen Individuen ihre Zugehörigkeitsgefühle hingegen nationalistisch, so impliziert dies nationale Überlegenheit gegenüber anderen Nationen (Kosterman und Feshbach 1989, S. 271)2. Nationalisten idealisieren ihre Nation sowie die Geschichte ihrer Entstehung und stehen ihren politischen Autoritäten unkritisch gegenüber. Nationalistische und patriotische Identifikationen beeinflussen die Art und Weise sozialer Vergleichsprozesse. Nationalismus impliziert einen Vergleich mit einer relevanten Outgroup, in der Regel anderen Nationen, mit dem Ziel, die nationale Ingroup aufzuwerten und die Fremdgruppe abzuwerten. Im Gegensatz dazu verhalten sich Menschen mit einer patriotischen Haltung vorwiegend selbstbezogen, ohne dass dabei notwendigerweise soziale Vergleiche stattfinden.

Vom individuellen Inhalt nationaler Identitäten hängt folglich ab, was ein geeintes Europa für die Menschen subjektiv bedeutet. Für patriotische Nationalisten stellt der europäische Einigungsprozess keinen Anlass für Bedrohungen dar. Bürger mit patriotischen Haltungen verfügen zudem über eine erhöhte Toleranz gegenüber Fremdgruppen und ein positives nationales Selbstwertgefühl, das die Motivation fördert, über die Grenzen hinaus zu blicken und sich mit der EU zu identifizieren. Europäische Integration begünstigt multikulturalistische Haltungen und weicht bestehende Grenzziehungen in Eigen- und Fremdgruppen auf. Daher ist davon auszugehen, dass staatsbürgerliche Auffassungen nationaler Identitäten eine politische Zustimmung der EU wahrscheinlicher machen (Hypothese 1).

Im Sinne der Theorie der sozialen Identität kann ethnischer Nationalismus als Haltung begriffen werden, die unter allen Umständen zu einer Abgrenzung von Fremdgruppen führt. Eine fortschreitende europäische Integration impliziert eine Souveränitätsübertragung von der nationalen auf die Ebene der EU. Für ethnische Nationalisten ist dies gleichbedeutend mit einem Kontrollverlust und der Bedrohung ihrer nationalen und politischen Kulturen. Individuen, die sich vermehrt um eine Degradierung ihrer nationalen Kultur sorgen, sind vermutlich gegen alle Maßnahmen oder Institutionen, die die eigene Kultur bedrohen. Aus diesen Gründen werden Menschen mit einem ethnischen Verständnis nationaler Identität dem europäischen Projekt die allgemeine Zustimmung verweigern (Hypothese 2).

Um zu verstehen, wie die Wirtschafts- und Schuldenkrise im Zeitverlauf die Erklärungsmuster der politischen Unterstützung der EU möglicherweise beeinflusst hat, ist es erforderlich zu untersuchen, über welche Kanäle die veränderten ökonomischen Bedingungen einen Zugriff auf die Einstellungen der Bürger zur EU erlangt haben könnten. Zunächst stellt sich die Frage, wie nationale Identitäten als Bestimmungsgrößen auf die Veränderungen der äußeren Umstände reagiert haben könnten. Wie Zallers RAS-Modell beschreibt, auf das im Folgenden noch näher eingegangen wird, hängen ausgedrückte Haltungen von Individuen von den salient gemachten Erwägungen und der Situation, in der nach Einstellungen gefragt wird, ab (Zaller 1992, S. 93). Der Einfluss von Identitäten richtet sich somit danach, wie und in welchem Maße sie im öffentlichen Diskurs für die Bürger salient gemacht und welche Komponenten bspw. durch Elitensignale aktiviert werden. Die Wirtschafskrise hat dahingehend vermutlich zu einer Änderung der Situation geführt, indem sich als Folge der Politisierungsprozesse die Salienz nationalistischer Komponenten von Identitäten und der Kategorisierung in Nationen erhöht hat. Die Kontextveränderungen ermöglichten es damit bspw. rechtspopulistischen Parteien, die Streitfrage über Europa neu aufzunehmen, in die öffentliche Diskussion zu heben und damit nationale Identitäten zu aktivieren. Die Diskussionen um finanzielle Nothilfepakete sorgten verschiedentlich für politische Spannungen zwischen einzelnen EU-Staaten. In der Folge wurden öffentliche Diskussionen teilweise verstärkt in Anspielung auf nationale Ressentiments geführt und Trennlinien zwischen den wohlhabenderen und den wirtschaftlich angeschlagenen Staaten betont (Spiegel online 2012). Dies führte vermutlich dazu, dass ethnisch-nationalistische Bestandteile nationaler Identitäten im Verlauf der Wirtschaftskrise an Einflussstärke gewinnen und ihr Potenzial zur Diskriminierung von Fremdgruppen aktiviert wird. Andererseits sendeten bspw. in Deutschland Parteieliten einer breiten geschlossenen Mehrheit an proeuropäischen Parteien im Verlauf der Krise Appelle eines solidarischen innereuropäischen Zusammenhalts an die Bevölkerung, sodass Bürger vor allem auch proeuropäischen Signalen ausgesetzt waren. Analog könnte dies dazu geführt haben, dass staatsbürgerliche Aspekte nationaler Identitäten angeregt wurden und starke nationale Identitäten positive Einstellungen zur EU hervorriefen. Da dieser Beitrag grundsätzlich europafreundliche Mitgliedstaaten einschließt, wird der positive Effekt in dieser Stichprobe vermutlich den negativen Effekt überlagern und es kommt im Verlauf der Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise dazu, dass sich ein positiver Einfluss nationaler Identität auf politische Unterstützung der EU einstellt (Hypothese 3).

Verfügt ein Individuum über eine europäische Identität, so kann dies als Ausdruck positiver Erwartungen an fortschreitende Integration gewertet werden. Da der Integrationsprozess weder ein selbstverständlicher Prozess in der Geschichte Europas ist, noch die EU auf einem bereits existierenden gesellschaftlichen Substrat aufbaut, sondern Resultat einer politischen Strategie ist (von Bogdandy 2003, S. 21), weist die europäische Identität einen konstruierten Charakter auf, bei dem die Identitätsbildungsprozesse bewusst in Gang gesetzt wurden. Nach der jahrzehntelangen ökonomischen Zusammenarbeit wandelte sich der Charakter der Integration mit der Zeit und die Fürsprecher der EU strebten seit Beginn der 1990er Jahre an, auch die soziale Integration der Europäer voranzutreiben. Die Institutionen der EU haben in ihrer aktiven Rolle im Verlauf des Integrationsprozesses durch stetigen Bezug auf eine gemeinsame europäische Bürgerschaft, unter Hervorhebung einer übergeordneten Ingroup, immer wieder erfolgreich Einfluss auf die Identitätskonstruktion genommen (Herrmann und Brewer 2004, S. 2).

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie das Verhältnis einer europäischen Identität zu anderen Identitäten, vor allem nationalen, beschaffen ist. In Turners Konzeption der Selbstkategorisierung können nationale und europäische Identitäten problemlos koexistieren, wenn sie auf sich gegenseitig ausschließenden Abstraktions- und Kategorisierungsebenen zu Stande kommen und auch entsprechend wahrgenommen werden (Cinnirella 1997, S. 21). In wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema besteht nahezu Konsens, dass Menschen in der Regel über multiple Identitäten verfügen (Westle 2003, S. 146). Menschen mit europäischer Identität werden somit vermutlich weniger Vorbehalte gegen eine Übertragung von Kompetenzen und Souveränität von der nationalen auf die supranationale Ebene der EU haben. Vergangene Studien zeigten, dass die entscheidende Trennlinie für Einstellungen zur europäischen Integration zwischen Personen mit ausschließlich nationalen Identitäten auf der einen und Menschen mit nationalen sowie europäischen Identitäten verläuft (Citrin und Sides 2004, S. 175). Demnach ist es für die politische Unterstützung zentral, dass Individuen sich überhaupt ein Stück weit mit Europa identifizieren. Eine Identifikation, die Europa vollends über den Nationalstaat stellt und nationale durch europäische Identitäten ersetzt, ist hingegen nicht erforderlich. Es wird daher vermutet, dass Menschen mit einem europäischen Zugehörigkeitsgefühl die EU politisch deutlich stärker befürworten, als Menschen ohne europäische Identität (Hypothese 4).

Europäische Identitäten stellen langfristige Faktoren dar, weshalb sich auf den ersten Blick durch die „Euro-Krise“ nichts am Einfluss von sozialen Identitäten ändern sollte. Dennoch sind sie nicht völlig statisch. Ihre Entwicklungen sind über einen längerfristigen Zeitraum durchaus beeinflussbar (Bruter 2009, S. 2). Es stellte im Zuge der Euro-Einführung und des Aufbaus einer Wirtschaftsunion ein zentrales Argument dar, dass diese Schritte den Prozess europäischer Identitätsbildung maßgeblich vorantrieben und das Gefühl europäischer Einheit vermittelten. Die Befürworter europäischer Integration hofften, dass durch die Erleichterung der wirtschaftlichen Transaktionen zwischen den Mitgliedsländern der Zusammenhalt der Mitgliedsländer gefördert würde (Kirsch 2010, S. 3). Dieses Argumentationsmuster könnte der EU nun in Krisenzeiten zum Verhängnis werden, indem es längerfristig gesehen zum Aufweichen europäischer Identitäten führt. Darüber hinaus hat die „Euro-Krise“ dazu geführt, dass sich die Staaten in einem Wettbewerb um möglichst geringe negative Folgen der Krise gegenüberstehen, was das Aufkommen nationaler Egoismen und das bereits angesprochene Denken in nationalen Sphären fördert. Dies lässt ethnischnationalistische Komponenten nationaler Identitäten stärker salient werden und Menschen vermehrt die eigene Nation und nicht mehr die EU als Ingroup sehen. Da die Krise zudem die positive Bewertung der Eigengruppe „EU“ auf eine harte Probe stellt, werden sich vermutlich viele Bürger auf Basis des Strebens nach einer positiven Selbstgruppenbewertung der Strategie der sozialen Mobilität bedienen, sodass die nationale Identität zum dominanten Zugehörigkeitsgefühl wird und in stärkerem Maße die Wahrnehmung der EU beeinflusst. Damit sollte sich insgesamt betrachtet der positive Effekt europäischer Identitäten auf die politische Unterstützung im Verlauf der „Euro-Krise“ reduzieren (Hypothese 5).

  • [1] Sind Personen unzufrieden mit ihrer gegenwärtigen Identität oder haben soziale Vergleichsprozesse einen negativen Ausgang für die Eigengruppe, so existieren verschiedenen Strategien, dies zu verändern (Martiny et al. 2011, S. 697).
 
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