Kontrollvariablen

Um die Effekte der hauptsächlich interessierenden Faktoren auf ihre Robustheit zu prüfen, wurde für mögliche Einflüsse anderer Erklärungsansätze kontrolliert. Das erste Konzept, der utilitaristische Erklärungsansatz, ist angelehnt an die ökonomische Theorie der Entscheidungsfindung, auch bekannt als Rational-Choice-Ansatz (Downs 1968). Übertragen auf den konkreten Forschungsgegenstand postuliert der Ansatz einen Zusammenhang zwischen rationalen Kosten-Nutzen-Kalkulationen, die durch ökonomisches Eigeninteresse motiviert sind, und der Zustimmung oder Ablehnung europäischer Integration. Innerhalb dieses Ansatzes sind zwei übergeordnete Perspektiven zur Bestimmung der politischen Unterstützung zu unterscheiden (Gabel und Palmer 1995, S. 12).

Im Zuge der ersten Perspektive verwenden Individuen verschiedene Anhaltspunkte, um zu Einschätzungen über die Arbeit der politischen Akteure zu gelangen (Hooghe und Marks 2005, S. 422). Personen bewerten subjektiv ihre eigenen wirtschaftlichen Umstände und die soziotropische nationale ökonomische Lage. Verschiedentlich wurden zudem, einer objektiven Sichtweise folgend, statistische Zusammenhänge zwischen objektiven ökonomischen Indikatoren und der Unterstützung der europäischen Integration festgestellt (Eichenberg und Dalton 1993). Das „policy appraisal model“ betont hingegen den Zusammenhang zwischen persönlichen ökonomischen Interessen und der Unterstützung europäischer Integration. Politische Zustimmung variiert in Abhängigkeit vom erwarteten Nutzen der Marktliberalisierung, wobei sozioökonomische Faktoren als Proxies darüber Auskunft geben, wer je nach Wettbewerbsfähigkeit als Gewinner des Integrationsprozesses hervorgeht (Gabel 1998, S. 336).

Um nicht zuletzt das Verhältnis von Identitäten und Einstellungen zu europäischer Integration besser verstehen zu können, erscheint es sinnvoll, den Blick auch auf die kognitive Architektur der Bürger zu richten. Zur individuellen Informationsverarbeitung besitzen Individuen ein Arbeitsgedächtnis, in dem die politische Meinungsbildung erfolgt, sowie ein Langzeitgedächtnis (Lodge und Taber 2005, S. 457). Die Aufmerksamkeit des Arbeitsgedächtnisses ist äußerst begrenzt, sodass zur Schonung dieser Ressourcen auch andere Mittel zur Entscheidungsfindung, wie z. B. Urteilsheuristiken, zum Einsatz kommen. Dabei spielen für die Zugänglichkeit vorhandener Einstellungen und Informationen vor allem eine wiederholte Aktivierung und die Salienz der Einstellung eine Rolle (Steenbergen und Lodge 2003, S. 143).

Eine Möglichkeit der Urteilsfindung beschreibt das Receive-Accept-SampleModel (RAS-Modell) von Zaller (1992). Sein Konzept basiert auf der Annahme, dass Bürger nicht über fixe Einstellungen zu den meisten politischen Sachfragen verfügen und das Antwortverhalten aufgrund dessen sehr volatil ausfällt. Zaller geht in seinem Konzept von stets ein und demselben kognitiven Mechanismus zur Urteilsbildung aus. Menschen empfangen Informationen, sie akzeptieren diese oder nicht, und sobald ihre Meinung zu einem Thema abgefragt wird, kommt es auf Grundlage einer Stichprobe aus den in diesem Moment zugänglichen Gedächtnisinhalten spontan zu einem Urteil.

Auf den Annahmen des RAS-Modells basieren weitere Beispiele für Urteilsheuristiken, wie z. B. nationale Proxies (Anderson 1998). Hierbei werden von Individuen Wahrnehmungen zur Performanz des in der Regel vertrauten nationalen politischen Systems herangezogen, um auf Bewertungen der EU zu schließen, für die oftmals keine eigene Informationsgrundlage zur Bewertung vorliegt. Um diese nicht erfüllte Bedingung zu kompensieren und unter niedrigen Informationskosten zu einer Bewertung der Politik auf EU-Ebene zu gelangen, bedienen sich Bürger stattdessen Erfahrungen nationaler Institutionen (Kritzinger 2003). Daher wird erwartet, dass die politische Unterstützung der EU von der Zufriedenheit mit nationalstaatlicher Politik beeinflusst wird.

Wie sich ebenso im RAS-Modell von Zaller andeutet, wird auch Eliten eine zentrale Rolle bei der politischen Meinungsbildung zugeschrieben. Sie sind durch das Aussenden von Signalen in der Lage, Bürgern in der komplexen politischen Welt eine Orientierung zu bieten sowie grundlegende Prädispositionen zu aktivieren und diese politisch bedeutsam zu machen (Zaller 1992, S. 96–117). Eliten- und Parteisignale können für Parteianhänger als Heuristik fungieren, indem diese ohne eigene Einstellungen oder eine ausgeprägte Informationssuche die Auffassung der ihr nahestehenden Partei übernehmen. Personen absorbieren Informationen selektiv entsprechend ihrer Prädispositionen, wie z. B. ihrer ideologischen Selbstausrichtung (Steenbergen et al. 2007, S. 15). Gerade im Fall der Wirtschaftskrise ist davon auszugehen, dass Eliten starke Anreize haben, die öffentliche Diskussion zu prägen. Aufgrund dessen wird für die politische Unterstützung der Befragten und der Position der ihnen nahestehenden politischen Eliten mit einem positiven Zusammenhang gerechnet.

In der vorliegenden Arbeit werden nicht nur relevante Einflüsse von Einschätzungen der ökonomischen, sondern auch Wirkungen der wahrgenommenen politischen Performanz europäischer Institutionen auf ihre politische Unterstützung vermutet. Wahrgenommene Bedenken über die Responsivität des demokratischen Politikprozesses der EU sind in der Lage, die diffuse politische Unterstützung zu reduzieren (Easton 1975, S. 456).

Auch die politische Involvierung hat sich in vergangenen Studien als einflussreicher Indikator erwiesen (Kritzinger 2003, S. 230). Grundsätzlich kann dabei für politisch höher involvierte Personen vermutet werden, dass sie die EU in stärkerem Maße unterstützen, da für sie die EU in der Regel erfahrbarer und die Berührungsängste geringer sind, was die Zustimmung steigen lassen sollte (Clark und Hellwig 2012, S. 18).

Schließlich werden die Analyseergebnisse für eine Reihe soziodemografischer Merkmale kontrolliert, für die theoretisch ebenfalls Einflüsse auf die politische Unterstützung zu erwarten sind. Jüngere Menschen haben ihre Sozialisationsphase in einem vereinten Europa unter Einfluss sämtlicher europäischer Symbole erlebt, was eine offenere Haltung gegenüber der EU und anderen Nationen fördern sollte. Ältere hingegen wurden in einem Umfeld sozialisiert, das die Macht und Souveränität von Nationalstaaten betont (McLaren 2002, S. 555). Für die formale Bildung wird ein positiver Einfluss auf die politische Unterstützung vermutet, da europäische Integration zu Handelsliberalisierung führt und Faktormobilität begünstigt. Daher profitieren Menschen mit hohem Humankapital tendenziell vom gemeinsamen Binnenmarkt (Hooghe und Marks 2005, S. 421). Unterschiedliche Niveaus an politischer Unterstützung der EU von männlichen und weiblichen Befragten werden nicht vermutet, da die erwarteten Wirkungsrichtungen in unterschiedliche Richtungen verlaufen.

 
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