Daten, Operationalisierung und Methode

Die Untersuchung der aufgestellten Hypothesen im Analyseteil erfolgt anhand jährlich erhobener Eurobarometer-Daten aus 2006 und 2009 (EB 65.2 und 71.3). Der Beginn des Untersuchungszeitraums wurde so gewählt, dass er noch völlig frei von Einflüssen der Wirtschafts- und Finanzkrise ist. Die Analyse ist auf zwölf Mitgliedstaaten begrenzt[1]. Dabei wird erwartet, dass sich die Länder hinsichtlich der Wirkung fortschreitender Europäisierungsprozesse und der Wirkungsweise der untersuchten Determinantenmuster politischer Unterstützung sowie hinsichtlich möglicher Reaktionen auf die Kontextveränderungen ähneln. Da die Originaldatensätze für die untersuchte Ländergruppe keine Gewichtungsvariablen bereithalten, wurden zur Anpassung der Anteile der jeweiligen Länderteilstichproben an die realen Bevölkerungsverhältnisse auf Basis der Einwohnerzahlen für jeden Erhebungszeitpunkt eigene Gewichtungsfaktoren berechnet, die sowohl bei den deskriptiven als auch bei den multivariaten Analysen Verwendung finden.

Für die empirische Untersuchung der Forschungsfrage wird die diffuse politische Unterstützung der EU durch einen Indikator operationalisiert, der die Bewertung der EU-Mitgliedschaft des eigenen Landes durch die Befragten erfasst[2]. Während wenige Autoren in diesem Indikator eine Tendenz zu spezifischen und instrumentellen Evaluationen über die Kosten und Nutzen der Mitgliedschaft in der EU erkennen (Inglehart et al. 1987, S. 140), scheint sich die Mehrzahl der Autoren darin einig zu sein, dass er diffuse Orientierungen ohne genaue Vorstellungen davon erfasst, ob die Mitgliedschaft ökonomisch Sinn macht oder nicht (Boomgaarden et al. 2011, S. 245). Um die Stärke nationaler Identitäten bei den Befragten zu messen, wurden diese 2006 gebeten, auf einer vierstufigen Skala ihr Verbundenheitsgefühl zu ihrem Land anzugeben5. Die Stärke der europäischen Identität wird für diesen Zeitraum ebenfalls vierstufig und mit einer analogen Formulierung erhoben[3]. Aufgrund der inhaltlichen Beschaffenheit der Indikatoren für Identitäten, die eine Interpretation der Abstände zwischen den Kategorien alles andere als sinnvoll erscheinen lassen, wurde eine Operationalisierung durch jeweils eine Dummy-Variable für nationale und europäische Identität gewählt. Menschen, die sich sehr stark oder teilweise mit der EU verbunden fühlen, bekommen zu allen Erhebungszeitpunkten eine eins zugeordnet. Befragte, die sich nicht wirklich oder überhaupt nicht europäisch sehen, stellen die Referenzgruppe dar. Bei nationalen Identitäten bekommen diejenigen eine eins zugewiesen, die sich „voll und ganz“ (2006) oder „sehr verbunden“ (2009) mit ihrer Nation füh-

len. Die restlichen drei Kategorien bilden die Referenzkategorie.

Des Weiteren erlauben die Daten für den Zeitverlauf keine angemessene Messung von staatsbürgerlichem und ethnischem Nationalismus, weshalb hier, um diese Gesichtspunkte nicht völlig aus der Analyse ausschließen zu müssen, auf Hilfskonstruktionen zurückgegriffen wird. Um messbar zu machen, welche der Komponenten nationaler Identitäten die Befragten aufweisen, werden drei Items mit in das Modell aufgenommen, die die persönliche Bedeutung der EU für den Befragten enthalten. Es wird dabei angenommen, dass Menschen, die Demokratie oder kulturelle Diversität als persönliche Bedeutung nannten, ihre Identität tendenziell als staatsbürgerlich begreifen, wohingegen solche, die mit der EU einen möglichen Verlust ihrer kulturellen Identität assoziieren, zu ethnischem Nationalismus neigen.

Zur Operationalisierung ökonomischer Abwägungen fließen verschiedene Variablen in die Untersuchung mit ein. Die persönliche Wirtschaftslage wird durch einen Indikator abgebildet, bei dem die Befragten ihre persönliche finanzielle Situation auf einer vierstufigen Antwortskala einschätzen sollen. Dementsprechend sollte auch die nationale wirtschaftliche Lage eingestuft werden[4]. Um zu überprüfen, ob auch die objektive soziotropische Lage einen Einfluss auf die politische Unterstützung der EU hat, werden neben den genannten Variablen auf der Individualebene auch zwei Kontextmerkmale in die Analyse mit einbezogen. Beim ersten Kontextfaktor handelt es sich um das Wirtschaftswachstum (in % des BIP). Ein unmittelbarer finanzieller Nutzen durch die EU-Mitgliedschaft entsteht zudem in den Ländern, die als Nettoempfängerländer finanzielle Unterstützung von der EU bekommen. Daher gehen die Beträge des Fiskaltransfers gemessen am operativen Haushaltssaldo (in Mrd. Euro) mit in die Modelle ein.

Die politische Involvierung der Befragten wurde über ihr tatsächliches spezifisches Faktenwissen zu Europa operationalisiert. Für 2006 steht ein vierstufiger Wissensindex aus drei Fragen zur Verfügung, aus dem aus Gründen der Einheitlichkeit mit der verfügbaren Variable für 2009 zwei Gruppen gebildet wurden [5].

Die Operationalisierung von Parteisignalen kann lediglich auf indirektem Wege erfolgen. Die Bestimmung der Positionen der jeweiligen Parteien zur europäischen Integration wurde unter Rückgriff auf die Rohdaten der Chapel Hill Expertenbefragung (CHES) von 2006 und 2010 vorgenommen9. Dabei wird angenommen, dass Personen aufgrund ihrer ideologischen Selbsteinstufung bestimmten Parteien näher stehen, daher gleichzeitig auch stärker ihren Signalen ausgesetzt sind und diese auch zur politischen Orientierung verwenden (Steenbergen et al. 2007, S. 22).

Zur Operationalisierung nationaler Proxies hätte die Wahlmöglichkeit in Indikatoren für Demokratiezufriedenheit oder Regierungsunterstützung bestanden. Da derartige Indikatoren nicht zur Verfügung stehen, wurde zur Messung der diffusen Unterstützung nationaler Institutionen stattdessen ein dreistufiger Index gebildet, der sich aus Einschätzungen zum Vertrauen in die nationale Regierung und das nationale Parlament zusammensetzt. In die Modelle wurde eine Dummy-Variable für mittleres und ein Dummy für hohes Vertrauen in nationale Institutionen aufgenommen, die Referenzkategorie bildet die Gruppe mit sehr niedriger politischer Unterstützung.

Das Alter der Befragten wurde in Jahren erfasst. Zudem erfolgte für das Alter, genau wie für alle anderen metrischen Variablen in den Modellen, eine Zentrierung um den jeweiligen Stichprobenmittelwert. Der Indikator Geschlecht wurde so rekodiert, dass Männern eine Eins und Frauen eine Null zugewiesen wurde. Die Bildung wird ebenfalls als Kontrollvariable mit in die Modelle einbezogen[6].

Das politische Responsivitätsgefühl der Befragten, ebenfalls Teil der wahrgenommenen politischen Performanz der EU, wurde über die Einschätzungen darüber ermittelt, ob nationale Länderinteressen innerhalb der EU berücksichtigt werden und ob die persönliche Stimme in der EU zählt. Daraus resultierte die Bildung eines dreistufigen Zählindizes, wobei die niedrigste Kategorie politischer Responsivität als Referenzkategorie für die beiden einbezogenen Dummyvariablen dient, bei denen Befragte mit mittlerem bzw. hohem Responsivitätsgefühl eine Eins zugeteilt bekamen.

Die verwendeten Daten, die um zwei aggregierte Kontextmerkmale ergänzt wurden, liegen in einer Mehrebenenstruktur vor. Zudem wird angesichts des Erhebungsdesigns der Daten ersichtlich, dass die Annahme der Unabhängigkeit der einzelnen Beobachtungen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gerechtfertigt ist. Es wird stattdessen davon ausgegangen, dass sich Befragte innerhalb der einzelnen Nationen ähnlicher sind, als Befragte unterschiedlicher Länder. Da zudem die abhängige Variable ordinales Skalenniveau aufweist, werden für die Untersuchungszeiträume ordinale logistische Mehrebenenmodelle gerechnet11. Zur Untersuchung der Veränderungshypothesen wurden die beiden Datensätze vereint und zusätzlich Interaktionsterme der unabhängigen Variablen mit dem Zeitpunkt aufgenommen. Zur Berechnung wurde das in Stata implementierte Programm gllamm verwendet, das die Möglichkeit einer Gewichtung einzelner Fälle vorsieht. Fehlende Werte wurden stets aus der Analyse ausgeschlossen.

  • [1] Fragetext: „Ist die Mitgliedschaft Deutschlands in der Europäischen Union Ihrer Meinung nach – Eine gute Sache, eine schlechte Sache oder weder gut noch schlecht?“
  • [2] Es handelt sich um die elf Staaten, in denen im Jahre 1999 zuerst der Euro eingeführt wurde (Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Portugal, Spanien) sowie Griechenland, das 2001 die gemeinsame Währung einführte.
  • [3] Die Modifizierung der Frageformulierung für 2009 erscheint problematisch, da das geografische Zugehörigkeitsgefühl wohl eher eine nachgeordnete Komponente von Identitäten darstellt. Somit werden von den beiden Items vermutlich verschiedene Komponenten nationaler Identitäten abgefragt. Darüber hinaus dürfte diese Frageformulierung die Angabe starker Identitäten begünstigen, da eine geografische Zugehörigkeit unter den Befragten weitaus öfter vorkommen dürfte, als ein kulturelles oder ethnisches Zugehörigkeitsgefühl.
  • [4] Diese beiden Indikatoren wurden zu zwei Dummy-Variablen rekodiert, in denen jeweils Personen, die eine sehr gute oder ziemlich gute persönliche oder nationale Lage wahrnehmen, eine Eins zugewiesen bekamen.
  • [5] Fragetext nationale/europäische Identität (2006): „Man kann sich ja unterschiedlich stark verbunden fühlen mit seinem Dorf oder seiner Stadt, seiner Region, seinem Land oder mit Europa. Bitte sagen Sie mir, wie stark Sie sich verbunden fühlen mit DEUTSCHLAND/EUROPA? – Sehr verbunden, ziemlich verbunden, nicht sehr verbunden, überhaupt nicht verbunden“; (2009): „Denken Sie nun bitte über die Idee der geografischen Identität nach. Dazu gibt es ja verschiedene Ansichten. Leute können sich in unterschiedlichem Ausmaß als Europäer, Deutsche oder Einwohner einer bestimmten Region betrachten. Manche sagen auch, dass die Menschen sich durch die Globalisierung als ‚Weltbürger' immer näher kommen. Wie ist das bei Ihnen? In welchem Ausmaß fühlen Sie sich als DEUTSCHER/EUROPÄER – Voll und ganz, in gewissem Maße, nicht wirklich, überhaupt nicht“.
  • [6] Die Befragten der Gruppe mit niedriger formaler Bildung, die im späteren Modell die Referenzkategorie darstellen, beendeten ihre Ausbildung bis zum 17. Lebensjahr oder lassen einen Bildungsabschluss grundsätzlich vermissen. Die Gruppe mit mittlerer Bildung beinhaltet Bürger, die ihre schulische Ausbildung mit 18 bis 20 Jahren abschlossen. Jene mit hoher Bildung sind Studierende sowie Individuen, welche das Bildungssystem mit 21 oder mehr Jahren verlassen.
 
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