Empirische Befunde

In der folgenden Analyse soll der Frage nachgegangen werden, welche Reaktionen die Determinantenmuster der politischen Unterstützung auf die Veränderungen der Kontextbedingungen im Verlauf der Wirtschaftskrise gezeigt haben, wobei die Einflüsse territorialer Identitäten im Analysefokus liegen.

In Tab. 1 sind die Häufigkeitsverteilungen der abhängigen und unabhängigen Variablen dokumentiert. Aus der Betrachtung der Bewertung der EU-Mitgliedschaft im Zeitverlauf geht hervor, dass sich der Anteil der Bürger, die die EU-Mitgliedschaft als „gute Sache“ bezeichnen würden, im betrachteten Zeitraum praktisch nicht verändert. Auch die Anteile der Befragten, die die Mitgliedschaft als „schlechte Sache“ ansehen, erfahren keinerlei Veränderung. Auf der Aggregatebene sind damit im Verlauf der Wirtschaftskrise keine Einbußen an politischer Unterstützung der EU erkennbar, was darauf hindeutet, dass die massiven ökonomischen Veränderungen kurzfristig nicht in einem Rückgang der diffusen politischen Unterstützung der EU münden. Die Anteile der Mittelkategorie bleiben im Zeitverlauf ebenso stabil.

Bei Betrachtung der zentralen erklärenden Variablen werden Veränderungen in den Häufigkeitsverteilungen vor allem für nationale und europäische Identitäten offenkundig. Die Ursache hierfür kann letztlich nicht exakt spezifiziert werden, da

Tab. 1 Bewertung der EU-Mitgliedschaft und Überblick über Variablen zur Messung von nationaler und europäischer Identität. (Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis der EB 65.2 und 71.3)

2006

2009

Bewertung EU-Mitgliedschaft

Gute Sache

56,5

56,6

Weder gut noch schlecht

26,7

26,4

Schlechte Sache

13,1

13,6

Weiß nicht

3,8

3,4

Nationale Identität

Keine

2,0

1,6

Schwach

7,9

3,2

Stark

40,3

18,4

Sehr stark

49,3

76,4

Weiß nicht

0,5

0,5

Europäische Identität

Keine

11,3

6,2

Schwach

29,5

16,1

Stark

41,4

43,3

Sehr stark

15,4

33,6

Weiß nicht

2,3

0,9

EU-Bedeutung: Demokratie

Genannt

24,7

22,9

Nicht genannt

75,3

77,1

EU-Bedeutung: kulturelle Diversität

Genannt

29,2

21,0

Nicht genannt

70,8

79,0

EU-Bedeutung: Verlust kulturelle Identität

Genannt

88,5

90,3

Nicht genannt

11,5

9,7

N

12.111

12.153

Ergebnisse gewichtet. Angaben in Prozent

die erheblichen Schwankungen möglicherweise auf den Wechsel der Indikatoren zurückzuführen sind.

In den Nullmodellen der späteren Ordered-Logit-Mehrebenenmodelle [1] wird anhand der Intraklassenkorrelation deutlich, dass sich je nach Erhebungszeitpunkt rund 3,7 % (2006) bis 5,6 % (2009) der Variabilität der abhängigen Variable zwischen den Befragten auf Effekte der Länderebene zurückführen lassen. Daher kann von einer moderaten Kontextabhängigkeit der diffusen politischen Unterstützung der EU ausgegangen werden. Zudem findet durch die Hinzunahme der erklärenden Variablen im Vergleich zu den Nullmodellen eine deutliche Reduzierung der Devianz statt. Im Folgenden werden die empirischen Befunde der Mehrebenenmodelle präsentiert. Da die Logitkoeffizienten nur wenig aussagekräftig sind, wurden auf dieser Basis

Tab. 2 Effekte verschiedener Determinanten auf die politische Unterstützung der EU. (Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis der EB 65.2 und 71.3)

Individualebene: 2006 2009

Nationale Identität 0,6 8,5*

Europäische Identität 19,7*** 18,9***

EU-Bedeutung: Demokratie 14,2*** 12,9***

EU-Bedeutung: kulturelle Diversität 11,4*** 9,2*** EU-Bedeutung: Verlust kulturelle Identität 16,9*** 20,6***

persönliche Wirtschaftslage 8,2*** 9,8***

nationale Wirtschaftslage 2,5 1,0

Parteisignal 0,7 9,4***

Vertrauen in nationale Institutionen (mittel) 7,6*** 6,0***

Vertrauen in nationale Institutionen (hoch) 18,0*** 17,7***

Politische Involvierung 5,4** 5,6*

Responsivität EU (mittel) 17,5*** 20,3***

Responsivität EU (hoch) 29,2*** 34,7***

Geschlecht (Mann) 3,1* 2,1

Alter 2,7 5,4

Bildung (mittel) 3,3* 4,0

Bildung (hoch) 14,6*** 11,9***

Kontextebene:

Nettotransferzahlungen 13,4*** 13,2***

Wirtschaftswachstum 7,0*** 1,5

Ergebnisse gewichtet. Angegeben sind Wahrscheinlichkeitsveränderungen in Prozentpunkten. Die Angaben stellen jeweils die Differenz zwischen niedrigster und höchster Ausprägung dar (bei Nettotransferzahlungen und Wirtschaftswachstum jeweils eine Standardabweichung über und eine unter dem Mittelwert). Sie beziehen sich auf die Wahrscheinlichkeit, die EU-Mitgliedschaft des eigenen Landes für eine „gute Sache“ zu halten. Alle Variablen bis auf die interessierende Variable wurden auf den entsprechenden Mittelwert gesetzt. Beispielinterpretation: Für einen durchschnittlichen Befragten aus der Stichprobe 2006, der mit der EU den Verlust seiner kulturellen Identität assoziiert, liegt die Wahrscheinlichkeit, die EU als „gute Sache“ zu bewerten, um 16,9 Prozentpunkte niedriger als für einen Befragten, der diese Assoziation nicht aufweist

*p < 0,05; **p < 0,01; ***p < 0,001

zusätzlich erwartete Wahrscheinlichkeiten und deren Veränderungen berechnet, die in Tab. 2 dokumentiert sind[2].

  • [1] Auf eine tabellarische Dokumentation der Ergebnisse der Nullmodelle wurde aus Platzgründen verzichtet.
  • [2] Die Koeffizienten aller Modelle sind im Anhang in Tab. 3 zusammengestellt. Zusätzlich zu den drei Modellen wurde zur Überprüfung der Robustheit der Befunde ein viertes Modell ohne Interaktionseffekte geschätzt. Da sich inhaltlich nichts an den Befunden ändert, wurde auf die Dokumentation der Koeffizienten verzichtet
 
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