Kontrollvariablen

Wie theoretisch angenommen können für die Kontrollvariablen teils erhebliche Einflüsse auf die allgemeine politische Unterstützung konstatiert werden. Die vorliegenden Ergebnisse belegen die Bedeutsamkeit verschiedener utilitaristischer Erwägungen für die Erklärung politischer Unterstützung der EU. In den Euro-Staaten finden sich auch unter Kontrolle der übrigen Einflussgrößen für die aktuelle persönliche Wirtschaftslage die erwarteten Wirkungen auf die Zustimmung zur EU. So hat eine als gut wahrgenommene persönliche Lage zur Folge, dass ein Befragter die EU mit einer um 8 bis 10 Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit politisch unterstützt als Respondenten in schlechter ökonomischer Lage. Die Stärke der Wirkungen der egozentrischen Lage schwankt zwischen den Erhebungszeiträumen leicht, sodass in diesen Resultaten ebenfalls keine durch die Krisen hervorgerufenen Veränderungen der Kontextbedingungen sichtbar werden. Entgegen den Erwartungen hat die vom Individuum wahrgenommene nationale Wirtschaftslage zu keinem Zeitpunkt einen Einfluss auf die politische Unterstützung der EU.

Für die Wirkungen der einbezogenen objektiven Wirtschaftsindikatoren ergeben sich überwiegend Resultate, die die theoretischen Erwartungen untermauern. Beim Verhältnis zwischen den Nettotransferzahlungen und der politischen Unterstützung der EU deutet sich anhand der dokumentierten Effekte an, dass je positiver die Nettotransferhaushaltsbilanz für ein Land ausfällt, desto stärker unterstützen die Bürger dieses Landes die EU politisch.

Personen aus Ländern mit hohem Wirtschaftswachstum unterstützen die EU ebenfalls mit größerer Wahrscheinlichkeit als Bürger aus Nationen mit vergleichsweise unterdurchschnittlichem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Dies gilt allerdings lediglich für 2006.

Parteisignalen wurde theoretisch ebenfalls eine Orientierungsfunktion für solche Bürger unterstellt, die mit europäischen Sachverhalten nur wenig vertraut sind oder ohne große Informationskosten zu einer Haltung in diesen Fragen gelangen wollen. Für 2006 liegt keine empirische Evidenz dafür vor, dass Bürger sich zur Ausbildung europaspezifischer Haltungen der Positionen der ihnen ideologisch nahestehenden Parteien bedienen. Für 2009 hingegen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, die EU politisch zu unterstützen, wenn dies auch von der ideologisch nahestehenden Partei verfolgt wird. Folglich lässt sich hier ein Trend für die Bedeutung eines Einflussfaktors im Verlauf der Krise erkennen. Die in Krisenzeiten verstärkte Aussendung von Elitensignalen, sei es jene rechtspopulistischer oder sei es jene proeuropäischer Parteien, scheint sich im Zeitvergleich deutlich bemerkbar zu machen. Der Einfluss der Eliten ist in Notsituationen besonders stark, da in diesen Zeiten die Bürger den politisch Verantwortlichen besonders aufmerksam folgen und es zudem wahrscheinlich ist, dass die Positionen der Eliten in prekären Lagen ähnlich oder gleich sind (Zaller 1992).

Da der Großteil der Bürger vergleichsweise uninformiert über europäische Belange ist, jedoch beispielsweise in Meinungsumfragen zu seinen Haltungen befragt wird, kommt es oft über andere Wege zur Ausbildung dieser europabezogenen Einstellungen. In den empirischen Ergebnissen zeigt sich, dass ein möglicher Weg zu derartigen Urteilen über die Bewertung nationaler politischer Institutionen und die Übertragung dieser Bewertung auf europäische Institutionen erfolgen kann, um zu entscheiden, ob man die EU persönlich befürwortet oder ablehnt. Die Koeffizienten für die EU-12 weisen dabei das erwartete positive Vorzeichen auf. Obwohl man annehmen könnte, dass das Faktenwissen über die EU im Zeitverlauf ansteigt und die Wirtschafts- und Finanzkrise für ein allgemein höheres Informationsangebot zu europäischen Themen in der Öffentlichkeit gesorgt hat, kann kein abnehmender Einfluss nationaler Proxies im späteren Erhebungsjahr festgestellt werden.

Die Wahrnehmung der Befragten, die EU verfüge über eine hohe politische Responsivität, treibt für Bürger mit derartigen Ansichten die Wahrscheinlichkeit, die Mitgliedschaft in der EU als positiv anzusehen, in ungeahnte Höhen. Bei Menschen mit hohem politischen Responsivitätsgefühl erhöht sich dabei unter Konstanthaltung aller übrigen Faktoren die Wahrscheinlichkeit für eine positive EU-Bewertung, im Vergleich zu Personen, die der EU eine niedrige Responsivität zuschreiben, um bis zu 35 Prozentpunkte. Damit avanciert die wahrgenommene politische Performanz der EU zur erklärungsstärksten Determinante im Modell.

Effekte der soziodemografischen Merkmale der Befragten sind ebenfalls feststellbar. Für das Geschlecht ergeben sich lediglich 2006 Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Die bei Männern um 3,1 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit einer positiven EU-Bewertung erscheint jedoch substanziell vernachlässigbar. Das Alter eines Befragten spielt praktisch keine Rolle, die Unterschiede zwischen dem Altersminimum und -maximum in der Stichprobe sind marginal. Die überwiegend positiven Wirkungen der Bildung bestätigen die theoretische Vermutung, dass für formal höher Gebildete die Wahrscheinlichkeit, die EU politisch zu unterstützen, deutlich höher liegt, als für niedrig gebildete Menschen. Besonders eine formal hohe Bildung erhöht die Wahrscheinlichkeit einer günstigen Bewertung der EU-Mitgliedschaft. Eine höhere politische Involvierung führt erwartungsgemäß in 2006 und 2009 ebenfalls zu relevanten Veränderungen der EU-Bewertung.

 
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