Die Krise und ihre Wahrnehmung(en)

Für Krisen gibt es in den Sozialwissenschaften kein einheitliches Begriffsverständnis. Bohrmann und Vobruba (1993) schreiben, dass jedoch „im Begriff von Krise, soll er sozialwissenschaftlich tragfähig sein, ein gewisses Maß an Kriseninterpretation immer schon impliziert“ sein müsse (Bohrmann und Vobruba 1993, S. 33). Eine Krisensituation, die nicht als solche wahrgenommen wird, in der nicht über eine Krise geredet wird, ist demnach nicht denkbar. Die durch die Pleite von Lehman Brothers sowie den Staatsbankrott Griechenlands eingeleiteten Finanz- und Schuldenkrisen, die weit über ihren eigentlichen Herd hinaus strahlten, lösten ein tiefgreifendes Krisenbewusstsein aus, welches den öffentlichen Diskurs bis heute weltweit begleitet. Wir haben es mit zwei Krisenlagen zu tun, die in zeitlich kurzer Abfolge und engem Zusammenhang zueinander auftraten. Zum einen kann die Krise als eine Krise der internationalen Finanzwirtschaft und zum anderen als eine Krise der öffentlichen Haushalte betrachtet werden. Die mit der Pleite von Lehman Brothers ausgelöste Krisensituation kann als eine weltweite Finanzwirtschaftskrise begriffen werden, die eine Bedrohung für die Weltwirtschaft insgesamt darstellt. Die Krisensituation, die durch den drohenden Staatsbankrott Griechenlands und die massiven finanzpolitischen Probleme anderer Mitgliedsstaaten der EU ihren Anfang nahm, ist dagegen eine Krise, die in erster Linie die Europäische Union und den europäischen Währungsraum bedrohen und nur in der Folge weltwirtschaftliche Konsequenzen hätte.

Wenn nun also diese Krise Gegenstand von Interpretationen und damit auch Perzeptionen ist und man annehmen muss, dass die Artikulation dieser Interpretationen in fragmentierten Öffentlichkeiten mit weitgehend getrennten Kommunikationskontexten stattfindet, so muss gleichsam davon ausgegangen werden, dass sich die Perzeption der Krise in der Öffentlichkeit zwischen den einzelnen Diskussionskontexten deutlich unterscheidet. Man kann nicht annehmen, dass sich z. B. die Kriseninterpretationen Deutschlands und Griechenlands gleichen. So wäre es beispielsweise denkbar, dass die Krise in Deutschland eher als eine europäische Krise begriffen wird, die Deutschland angesichts positiver wirtschaftlicher Entwicklung nicht in großem Maße betrifft, wogegen sie in Griechenland im Gegensatz dazu vor allem als eine nationale Krise interpretiert werden könnte. So wäre es auch denkbar, dass sich die Wahrnehmung über die zukünftigen Auswirkungen der Krise auf die Wirtschaft zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten unterscheidet. Während in einigen Mitgliedsstaaten der Höhepunkt der Krise vielleicht als bereits überschritten betrachtet wird, könnten die größten Auswirkungen in anderen Mitgliedsstaaten noch als zukünftige Ereignisse gefürchtet werden.

Die Frage nach den Unterschieden der Krisenperzeptionen steht nicht im Mittelpunkt dieser Untersuchung, vielmehr geht es um ihren Einfluss auf die Unterstützung der EU. Doch will man diesen Einfluss beurteilen, ist zunächst ein Bild der Krisenperzeption zu zeichnen. Daher erscheint es sinnvoll, einige theoretische Überlegungen anzustellen, welche Faktoren Einfluss auf die Krisenperzeption der Bürger haben.

Um zu solchen theoretischen Annahmen zu gelangen, ist es zweckdienlich, zunächst die Frage zu reflektieren, wie sich Perzeptionen herausbilden. In der Sozialpsychologie wurde eine Reihe verschiedener Ansätze entwickelt, die die Wahrnehmung eines Objektes durch ein Subjekt zu erklären versuchen (Bierhoff und Frey 2011). Eine bis heute einflussreiche Theorie geht davon aus, dass diese Wahrnehmung mit Hilfe sogenannter Urteilsheuristiken gebildet wird (Strack und Deutsch 2002). Die zentrale Annahme dieses Ansatzes ist, dass „people rely on a limited number of heuristic principles which reduce the complex tasks of assessing probabilities and predicting values to simpler judgmental operations“ (Tversky und Kahneman 1974, S. 1124). Es ist plausibel anzunehmen, dass in der aktuellen Krise, die ihren Ausdruck vor allem in ökonomischen und finanzpolitischen Problemen findet, unterschiedliche wirtschaftliche sowie finanzpolitische Entwicklungen wichtige Erklärungsfaktoren für divergierende Perzeptionen der Krise in den einzelnen Mitgliedsstaaten bilden. Makroökonomische und finanzpolitische Kennziffern, die auch die Medien als Orientierungspunkte für ihre Berichterstattung nutzen, sollten in engem Zusammenhang mit der Wahrnehmung der Krise stehen.

„Yet, no rate of economic growth is innately high or low. What may be considered weak growth in an international context in the 1990s might pass for stellar growth during the global recession of 2008–2009“ (Kayser und Peress 2012, S. 680). Daher geht der Benchmarking-Ansatz davon aus, dass der Wähler seiner Entscheidung nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung des eigenen Landes, sondern vor allem den Vergleich der wirtschaftlichen Situation im Land mit der Situation des internationalen Kontextes (hier: des europäischen Kontextes) zu Grunde legt. Kayser und Peress (2012) haben bezogen auf den Economic-Voting-Ansatz gezeigt, dass weniger die absolute ökonomische Entwicklung des eigenen Landes die Wahlentscheidung beeinflusst, sondern dass die Menschen diese mit der Situation in anderen Staaten vergleichen. Die Wähler sind vor allem dann geneigt, ihre Regierung für wirtschaftlich schlechte Entwicklungen abzustrafen, wenn diese hinter der Entwicklung in anderen Staaten zurückbleibt. Gerade in Krisenzeiten sollte dieser Vergleich von besonderer Bedeutung sein. Diese Annahme lässt sich auch auf die Beurteilung der Krise sowie der Krisenperformanz der EU übertragen. Es ist theoretisch plausibel, dass Menschen in Mitgliedsstaaten, deren wirtschaftliche Entwicklung über dem europäischen Mittel liegt, die Krise weniger kritisch beurteilen. Sie sollten die Krise und ihre Auswirkungen insgesamt positiver wahrnehmen als Menschen in Staaten, deren ökonomische Performanz unter dem Durchschnitt der EU liegt.

Aus den dargestellten Überlegungen leitet sich die erste Hypothese ab, die im Verlauf der Arbeit empirisch überprüft wird:

H1: Für die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Krise sind vor allem Unterschiede der wirtschaftlichen Entwicklung sowie der öffentlichen Haushalte verantwortlich. Liegen diese unter dem Durchschnitt der EU, so fällt auch die Krisenwahrnehmung schlechter aus.

Doch zeichnen sich Krisen nicht nur dadurch aus, dass sie als bedrohliche Situationen empfunden werden, sondern auch dadurch, dass sie eine umfangreiche Debatte über ihre Eindämmung und ihre politischen Konsequenzen nach sich ziehen. So bewirken Krisen eine Reflektion über ihre Wirkungszusammenhänge und die Diskussion von Auswegen aus der Krise, die dann in Politik umgesetzt werden. Die bisher von der EU verfolgte Strategie basiert darauf, den betroffenen Staaten mit Finanzhilfen und Bürgschaften aus den Zahlungsengpässen herauszuhelfen und gleichzeitig in Form von Sparprogrammen die Haushalte der betroffenen Staaten zu sanieren. Dies geschieht zum einen durch Gründung neuer Institutionen, dem EFSF sowie dem ESM, die Finanzhilfen für bedrohte Staaten bereitstellen, und der Verpflichtung zu strikter Haushaltsdisziplin, die durch eine Ausweitung des Wachstums- und Stabilitätspakts bekräftigt wurde und vor allem die Empfänger der Finanzhilfen unter großen politischen Druck setzt. Es ist anzunehmen, dass auch diese Politik in den einzelnen Staaten unterschiedlich wahrgenommen wird. Auch hier ist davon auszugehen, dass die wirtschaftliche und finanzpolitische Entwicklung einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Krisenpolitik hat, bedenkt man die unterschiedlichen Auswirkungen, welche die Entwicklung auf Staaten mit sehr divergierenden Problemlagen hat. Daher wird folgende Hypothese angenommen:

H2: In den Staaten, die besonders von der Krise betroffen sind, sollte die Krisenpolitik negativer bewertet werden, als in den Staaten, die weniger Probleme haben.

Im Folgenden werden die unterschiedlichen Ansätze zur Unterstützung der EU vorgestellt. Die Zusammenfassung der Forschungsergebnisse wird dazu genutzt, Hypothesen über den Einfluss der Krisenperzeption auf die Unterstützung der EU zu generieren. Weiterhin dient die Darstellung der Ableitung alternativer Erklärungsansätze, die zur Kontrolle der Ergebnisse genutzt werden können.

 
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