Output-orientierte Erklärungen der Unterstützung der EU

In diesem Abschnitt werden die output-bezogenen Erklärungsansätze der Unterstützung der EU diskutiert und in Bezug zur Krisenperzeption gesetzt. Aus dieser Diskussion werden Hypothesen entwickelt, wie sich die Krisenperzeption auf die Unterstützung der EU auswirkt. Der wohl einflussreichste Erklärungsansatz der öffentlichen Unterstützung der Europäischen Union ist der utilitaristischen Theorietradition entlehnt und bedient sich vor allem output-orientierter Argumente. Eine große Anzahl von Arbeiten greift auf diese Erklärungslinie zurück und sieht die Unterstützung der EU vor allem durch Kosten-Nutzen-Erwägungen des Einzelnen bestimmt. Diese Arbeiten begründen die öffentliche Unterstützung der EU durch wirtschaftliche Aspekte und beziehen sich in erster Linie auf den Output der Europäischen Union. Sie liefern wichtige Anhaltspunkte für den Einfluss der Krise und ihrer Perzeption auf die Unterstützung der EU.

Hooghe und Marks (2005) unterscheiden vier Perspektiven der utilitaristischen Argumentation, die sich aus der Kombination der Dimensionen egozentrisch/soziotropisch und subjektiv/objektiv ergeben. Denkt man über den Einfluss der individuellen Krisenperzeption auf die Unterstützung der EU nach, so ist vor allem die subjektive Dimension von Bedeutung. Die egozentrisch-subjektive Perspektive stellt die Einschätzung der Wirkungen der europäischen Integration für die persönliche Situation in den Mittelpunkt. Diejenigen also, die sich für das eigene Leben eine Verbesserung durch den Integrationsprozess versprechen, neigen eher dazu, diesen zu unterstützen (Anderson 1998; Hooghe und Marks 2005; Rohrschneider 2002). Neben den egozentrischen Beurteilungen wird auch den soziotropischen Evaluationen des Subjekts eine große Bedeutung für die Unterstützung des Integrationsprozesses zugschrieben (Anderson 1998; Gabel 1998a). Subjektiv-soziotropisch bezieht sich – analog zur subjektiv-egozentrischen Perspektive – auf die Einschätzung der ökonomischen Entwicklung der (nationalen) Umwelt durch das Subjekt. Es geht also um die Beurteilung, wie die nationalstaatlichen ökonomischen Bedingungen durch die EU-Mitgliedschaft verändert wurden. Diese Perspektive lässt sich allerdings noch erweitern, indem man argumentiert, dass auch die wirtschaftliche Entwicklung des gesamten Währungsraumes einen Einfluss auf die Unterstützung der EU hat. So könnten die Menschen zwar die wirtschaftliche Situation des eigenen Landes positiv beurteilen, durch negative Entwicklungen der europäischen Wirtschaft insgesamt aber der EU trotzdem ihre Unterstützung entziehen. Angesichts dieser Ergebnisse muss auch von einem Einfluss der Krisenperzeption ausgegangen werden, da diese die Nutzenzuschreibung zur EU verändern und dadurch die Unterstützung beeinflussen könnte. Aus diesen Überlegungen leitet sich die dritte Hypothese der Untersuchung ab:

H3: Je positiver die Menschen die Krise und die europäische Krisenpolitik wahrnehmen und je geringer sie die Gefahren für die eigene Umwelt einschätzen, desto stärker unterstützen sie die EU.

Die Ergebnisse objektiv-soziotropischer Untersuchungen legen zudem die Vermutung nahe, dass neben den Krisenperzeptionen auch die reale wirtschaftliche Entwicklung einen Einfluss auf die Unterstützung der EU hat. Die aktuelle Krise ist in erster Linie eine Wirtschafts- und Finanzkrise, deren Auswirkungen sich vornehmlich in makroökonomischen Ziffern ausdrücken lassen. Eichenberg und Dalton haben erstmals gezeigt, dass wirtschaftlich schlechte Entwicklungen einen negativen Einfluss auf die Unterstützung der EU haben. So wiesen sie nach, dass sich hohe Arbeitslosenzahlen negativ auf die Unterstützung der EU auswirken (Eichenberg und Dalton 1993). Spätere Studien belegen diese Ergebnisse weitgehend (Anderson und Kaltenthaler 1996; Eichenberg und Dalton 2007; Mahler et al. 2000). Demnach sinkt die Unterstützung des Integrationsprozesses, wenn in den Mitgliedsstaaten wirtschaftliche Probleme existieren. Daher wird zudem geprüft, welchen Einfluss der wirtschaftliche Kontext auf die Unterstützung der EU ausübt. Dazu wird folgende Kontexthypothese getestet:

H4: Je schlechter die wirtschaftliche und finanzpolitische Situation des Länderkontextes ist, desto niedriger fällt auch die Unterstützung der Menschen aus.

In der egozentrisch-objektiven Argumentationslinie profitieren vor allem diejenigen mit einem hohen sozioökonomischen Status von der europäischen Integration, während für gering qualifizierte Arbeitskräfte ein negativer Effekt erwartet wird (Gabel 1998a, b; Gabel und Palmer 1995; McLaren 2002). Die Unterstützung der EU kann in dieser Lesart als eine Funktion des Bildungsstands, der fachlichen beruflichen Ausbildung und des Einkommens begriffen werden (Hooghe und Marks 2004). Diese Dimension wird in Form des Bildungsstands als Kontrollvariable in die Untersuchung einbezogen.

Die utilitaristische Erklärung ist häufig herangezogen worden und kann als eine weitgehend belegte Theorie zur Erklärung der Unterstützung der europäischen Integration gelten (Sanchez-Cuenca 2000). Um den Einfluss der Krisenperzeption allerdings im Gesamtkontext der Diskussion um die Legitimation und Unterstützung der EU zu begreifen, ist es ebenso notwendig, andere Erklärungslinien in die Betrachtung einzubeziehen. So kam es im Zuge der 2000er Jahre zu einem Input-Turn der Legitimation europäischer Politik (Lindgren und Persson 2010). Daher folgen einige Überlegungen über den Einfluss der Krise auf die Input-Legitimation der EU.

 
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