Empirische Befunde

Krisenperzeption(en) im europäischen Vergleich

Die These, dass sich die einzelnen Staaten in ihren Krisenperzeptionen erheblich unterscheiden, wird durch die in Abb. 1 bis 4 präsentierten Ergebnisse gestützt. Die ausgewiesenen Ländermittelwerte variieren zum Teil erheblich. Zudem verdeutlicht Tab. 1, dass die Unterschiede mit wirtschafts- und finanzpolitischen Unterschieden in den einzelnen Mitgliedsstaaten in Zusammenhang stehen. Die wirtschaftlichen und finanzpolitischen Entwicklungen dienen offenbar als Ankerpunkte, die divergierende Wahrnehmungen der Bürger in den Mitgliedsstaaten begründen.

Abbildung 1 weist den Anteil der Menschen innerhalb der einzelnen Mitgliedsstaaten aus, die davon ausgehen, dass der Höhepunkt des negativen Einflusses der

Tab. 1 Korrelationen von Krisenperzeption und makroökonomischen, finanzpolitischen Faktoren. (Quelle: EB 75.3, Europäische Kommission 2013, Eurostat 2013)

Variable

BIP/

Wachstum

BIP/Kopf

Operative Haushaltssalden

Staatsschulden

Staatsschulden/ Wachstum

Arbeitslosenquote

Auswirkungen Arbeitsmarkt

0,59***

0,11

0,14

0,60***

0,67***

0,37

Ökonomische Situation EU

0,59***

0,21

0,16

0,58***

0,49***

0,14

Krisenperformanz EU

0,47*

0,13

0,15

0,45**

0,42**

0,31

Akteur EU

0,04

0,14

0,52**

0,04

0,01

0,36

Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2011, Wachstum der Staatsschulden auf die Jahre 2007–2011, N = 27, ausgewiesen sind Korrelationskoeffizienten (r) nach Pearson

*p < 0,05; **p < 0,01; ***p < 0,001

Abb. 1 Auswirkungen der Krise auf den Arbeitsmarkt: „Das Schlimmste steht noch bevor“. (Quelle: EB 75.3)

Krise auf den Arbeitsmarkt noch nicht erreicht ist. In Griechenland und Portugal glaubten im Jahr 2011 über 80 % der Bevölkerung, dass die größten Probleme für den Arbeitsmarkt noch bevorstehen. In Irland, Großbritannien, Frankreich, Zypern und Slowenien liegen die Werte bei über 60 %. Als besonders optimistisch bezogen auf den Arbeitsmarkt zeigen sich Dänen, Österreicher und Esten. Die Auswertungen der Korrelationen zwischen den makroökonomischen und fiskalpolitischen Faktoren verdeutlichen, dass sich die erste Hypothese bezogen auf die Einschätzung der Entwicklung der Arbeitslosenzahlen weitgehend bestätigt. In Staaten, wo die unter wirtschaftlichen Problemen in Form sinkender Wachstumsraten leiden und die Rezession mit besonders hohen Staatsschulden einhergeht, ist die Angst vor zukünftigen Steigerungen der Arbeitslosenzahlen besonders groß.

Wendet man sich der Einschätzung der ökonomischen Situation in der EU zu, so ist zu erkennen, dass diese in den meisten Mitgliedsstaaten mehrheitlich negativ eingeschätzt wird (Abb. 2). Am schlechtesten wird die Gesamtlage in den im Jahr 2011 bereits von der Krise betroffenen Staaten beurteilt. In Irland, Spanien, Portugal,

Abb. 2 Ökonomische Situation EU: Gut. (Quelle: EB 75.3)

Mehrheitlich positiv wird die wirtschaftliche Situation in der EU nur in einem Teil der neuen Mitgliedsstaaten beurteilt. Hierzu zählen Estland, Lettland, Litauen, Polen, Bulgarien und Rumänien. Diese Staaten gehören insgesamt zu den wirtschaftsschwächsten innerhalb der EU, deren Staatsverschuldung im Jahr 2011 gleichzeitig deutlich unter dem europäischen Mittel lag. Die Ergebnisse der Korrelationsanalysen zeigen, dass sowohl die Staatsschulden als auch die wirtschaftliche Entwicklung einen Beitrag zur Erklärung der unterschiedlichen Einschätzungen leisten können. Die Menschen in den Mitgliedsstaaten, deren Wirtschaftswachstum über und deren Staatsschulden unter dem europäischen Mittel lagen, beurteilen die wirtschaftliche Lage der EU insgesamt besser. Zudem verdeutlichen die Ergebnisse, dass die aktuelle Krise von einer großen Mehrheit tatsächlich als eine ökonomische Krise der gesamten EU wahrgenommen wird.

Ein Blick auf die Perzeption der politischen Leistung der europäischen Krisenpolitik zeigt, dass 17 der 27 Mitgliedsstaaten diese mehrheitlich gut beurteilen (Abb. 3). Mehrheitlich negativ wird die Krisenperformanz der EU dagegen in Griechenland, Großbritannien, Spanien, Frankreich, Portugal, Finnland, Schweden, Zypern, Lettland und Slowenien beurteilt.

Bemerkenswert scheint, dass die Beurteilung der Krisenpolitik in Deutschland nur sehr knapp positiv ausfällt, obwohl sich bis ins Jahr 2011 die deutsche Position auf europäischer Ebene zumeist durchsetzte. In den alten Mitgliedsstaaten bewerten die Politik der EU in der Krise vor allem Belgier, Luxemburger, Dänen und Österreicher positiv. Überraschend ist, dass mit Dänemark und Österreich zwei Länder darunter sind, die weithin als euroskeptisch bekannt sind. Die Korrelationsanalysen in Tab. 1 zeigen, dass die Unterschiede der Wahrnehmung zum einen mit unterschiedlichen Niveaus der Staatsverschuldung sowie den Steigerungsraten derselben im Laufe der Krise und zum anderen mit ökonomischen Wachstumsraten über dem EU-Mittel korrelieren. In überdurchschnittlich hoch verschuldeten Staaten, die alle unter großem Druck der europäischen Politik stehen, werden nach diesen Ergebnissen die auferlegten Sparmaßnahmen mehrheitlich kritisch gesehen.

In leichtem Kontrast zu diesem Ergebnis fallen die Zuschreibungen für die EU als geeigneten Akteur zur Bewältigung der Krise in den südeuropäischen Staaten nicht am niedrigsten aus (Abb. 4). Zwar wird in keinem Staat die EU mit einer absoluten Mehrheit als der beste Akteur bewertet. Jedoch halten in Griechenland, Portugal,

Abb. 3 Krisenperformanz EU: Gut. (Quelle: EB 75.3)

Abb. 4 Krise: geeigneter Akteur EU. (Quelle: EB 75.3)

Spanien und auch Irland, also den 2011 am stärksten von der Krise betroffenen Staaten, überdurchschnittlich viele Menschen die EU für den geeignetsten Akteur zur Bewältigung der Krise. Dagegen zeigen die als besonders euroskeptisch bekannten Bürger Dänemarks, Großbritanniens und Schwedens keine großen Sympathien für die EU als Krisenakteur. Gleiches kann über die Gründungsmitglieder Frankreich und Niederlande gesagt werden. Es scheint als sähen die Bürgerinnen dieser Mitgliedsstaaten die sensiblen von der Krise betroffenen Politikbereiche lieber in der Hand ihrer nationalen Regierungen.

Die bivariaten Untersuchungen in Tab. 1 offenbaren zudem einen interessanten Befund. So zeigt sich ein positiver Zusammenhang zwischen den operativen Haushaltssalden und der Feststellung, dass die EU der geeignete Akteur zur Bearbeitung der Krise ist. Die Menschen in den Empfängerstaaten sehen die EU eher als den geeigneten Akteur als diejenigen in den Nettozahlerstaaten. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass die Bevölkerungen der Nettozahlerstaaten Befürchtungen hegen, größere Kompetenzen der EU könnten in der Krise weiteren Kapitalabfluss in die Empfängerstaaten bedeuten. Zweifelsfrei belegen lässt sich diese Feststellung anhand der vorgelegten Daten allerdings nicht.

Die deskriptiven Vergleiche der Krisenperzeption haben verdeutlicht, dass sich diese zwischen den Mitgliedsstaaten der EU erheblich unterscheidet und dass diese Unterschiede in Beziehung mit der nationalen ökonomischen und finanzpolitischen Entwicklung stehen. So nehmen die Krise vor allem die Menschen in den am meisten betroffenen Staaten negativ wahr. Als besonders wichtig erweist sich in diesem Zusammenhang die ökonomische Entwicklung, der Schuldenstand und die Entwicklung desselben. Gleiches gilt für die Beurteilung der Krisenpolitik. Im nächsten Schritt wird nun empirisch geprüft, welchen Einfluss die Krisenperzeption auf die Unterstützung der EU hat.

 
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