Der Einfluss der Krise und ihrer Perzeption auf die Unterstützung der EU

Um zu untersuchen, welchen Einfluss die Krise auf die Unterstützung der EU hat, wurde eine schrittweise Vorgehensweise gewählt. Diese schrittweise Modellierungsstrategie ist notwendig, um einen Eindruck über den Einfluss der Krisenperzeption auf die Unterstützung der EU im Gesamtkontext der Diskussion um die Unterstützung der EU zu ermöglichen und den Einfluss unter Berücksichtigung anderer Erklärungsfaktoren zu bestimmen. Dazu wurde zunächst ein Modell der Unterstützung der EU geschätzt, in welches die Kontrollvariablen einer input-orientierten Begründung der Unterstützung der EU sowie das Alter und die Bildung eingefügt wurden. Im nächsten Schritt werden die makroökonomischen und fiskalpolitischen Kontextfaktoren in die Analyse einbezogen. Dieses Modell ermöglicht erste Aussagen darüber, welchen Einfluss der Länderkontext auf die Unterstützung der EU hat. Im dritten Modell werden dann die Variablen der Krisenperzeption eingefügt und nach ihrem Einfluss auf die Unterstützung der EU sowie Veränderungen der anderen Einflussfaktoren gefragt. Die Interpretation der Ergebnisse wird so vorgenommen, dass zunächst die individuellen Einflussfaktoren und dann die Einflüsse der Kontextebene diskutiert werden.

Tabelle 2 fasst die Ergebnisse der Mehrebenenanalysen zusammen. Bezogen auf die Individualebene verdeutlichen das erste und dritte Modell, dass die Unterstützung der EU stark von input-orientierten Faktoren abhängig ist. Sie ist besonders groß, wenn die Menschen den Institutionen vertrauen und sich mit der EU identifizieren. Hypothese fünf und sechs finden sich somit bestätigt. Ein Blick auf die Modellgüte zeigt zudem, dass diese beiden Variablen rund 49 % der Varianz der abhängigen Variablen erklären. Die Hinzunahme der Krisenperzeption in das Modell verbessert die Modellanpassung auf gut 53 %. Dieses Ergebnis zeigt, dass die Krisenperzeption zwar zu einer Verbesserung des Modells beiträgt, diese aber mit vier Prozent relativ gering ausfällt. Ein Blick auf die Effekte der Wahrnehmungen bestätigt aber die dritte und vierte Hypothese. Beurteilen die Menschen die ökonomische Lage in der Krise eher zuversichtlich und schreiben der EU eine gute Krisenperformanz zu, so unterstützen sie die EU mehr als Menschen, die dies nicht tun.

Ein Vergleich der Effektstärken der input-bezogenen Faktoren und der Variablen der Krisenperformanz zeigen zudem, dass der Effekt der ersten mit Einbezug der zweiten zwar zurückgeht, dass input-bezogene Variablen allerdings in Bezug auf die Unterstützung am einflussreichsten bleiben. Die Effekte der Krisenperzeption fallen insgesamt geringer aus als die der input-bezogenen Erklärungsfaktoren. Über den Einfluss der individuellen Krisenperzeption kann daher gesagt werden, dass diese zwar einen Effekt auf die Unterstützung der EU hat, dass jedoch input-bezogene

Tab. 2 Mehrebenenmodell der Unterstützung der EU. (Quelle: EB 75.3, Europäische Kommission 2013, Eurostat 2013)

Variable

Modell 1

Modell 2

Modell 3

b

b

b

Auswirkungen Arbeitsmarkt Ökonomische Situation EU Krisenperformanz EU

Krise: geeigneter Akteur EU Vertrauen

0,64***

0,64***

0,41*** 0,25***

0,41***

0,32***

0,53***

Identität Alter Bildung

Bruttostaatsverschuldung BIP/Kopf Arbeitslosenquote Operative Haushaltssalden Konstante

Madalla-R2

0,83***

0,01*** 0,01

2,67***

0,49

0,83***

0,01*** 0,01

0,00a

0,02*** 0,03

0,00b

3,59***

0,49

0,70***

0,01*** 0,01

0,00*a

0,01*** 0,05*

0,00b

2,18***

0,53

Level 1-Bryk-Raudenbush

0,46

0,46

0,46

Level 2-Bryk-Raudenbush

0,55

0,60

ICC

0,10

0,05

0,04

2 Log-Likelihood

49.225

49.206

48.359

N

15.498

15.498

15.498

Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2011

a0,004

b0,00005

*p < 0,05; ***p < 0,001

Argumente einen größeren Beitrag für die Erklärung der Unterstützung der EU in der Krise leisten.

Die Ergebnisse des zweiten und dritten Modells lassen Rückschlüsse auf den Einfluss der Kontextfaktoren zu. Es zeigt sich, dass durch den Einbezug der Variablen Bruttostaatsverschuldung, BIP pro Kopf, Arbeitslosenquote sowie der operativen Haushaltssalden die Anpassung des Modells an die Daten nochmals verbessert werden kann. Die Koeffizienten der vier verwendeten Kontextvariablen zeigen, dass die ökonomische und fiskalpolitische Situation in den einzelnen Mitgliedsstaaten Auswirkungen auf die Unterstützung der EU hat. In Kontexten mit überdurchschnittlicher Bruttostaatsverschuldung sowie überdurchschnittlicher Arbeitslosenquote fällt auch die Unterstützung der EU insgesamt größer aus. Diese Ergebnisse widersprechen der These, dass in Kontexten mit hoher Bruttostaatsverschuldung sowie hoher Arbeitslosigkeit auch die Unterstützung der EU abnehmen müsste. Dies ist offenbar nicht der Fall. Eine mögliche Erklärung für diesen Befund könnte sein, dass in den höher verschuldeten Staaten die Bürger ihre Hoffnungen in die EU setzen, eine Lösung für diese Krise zu finden und die Schuldensituation zu entspannen. So ließe sich aus dem Ergebnis ableiten, dass die EU in Staaten mit überdurchschnittlicher Arbeitslosenquote und Bruttostaatsverschuldung mehr Unterstützung erfährt, da die EU Mitglieder, die unter massiven Schuldenproblemen leiden, unter Druck setzt, diese Probleme zu lösen. Offenbar werden die finanziellen Probleme in den meisten Mitgliedsstaaten nicht der EU zugerechnet, sondern eher als nationale Probleme interpretiert, die aber auf europäischer Ebene gelöst werden sollten.

Die operativen Haushaltssalden sowie das BIP pro Kopf dagegen weisen negative Vorzeichen auf, was bedeutet, dass in Kontexten, in denen mehr an den EU-Haushalt gezahlt wird als in das Land zurückfließt, sowie in Staaten mit überdurchschnittlichem BIP pro Kopf, die Unterstützung niedriger ausfällt als in den Empfängerstaaten mit unterdurchschnittlichem BIP pro Kopf. Bezogen auf die operativen Haushaltssalden bestätigt dieses Ergebnis die Befunde bisheriger Forschungen. So konnte gezeigt werden, dass die Unterstützung der EU in Polen mit der Zeit angestiegen ist und dass die Zahlungen aus dem EU-Haushalt eine wichtige Determinante für diesen Anstieg gewesen sind (Jackson et al. 2011). Auch Untersuchungen, die die Unterstützung der EU im Ländervergleich analysiert haben, deuten auf diesen positiven Effekt hin. Klare Aussagen über den Einfluss der operativen Haushaltssalden können auf Grundlage der hier präsentierten Ergebnisse allerdings nicht getroffen werden, da der Koeffizient der operativen Haushaltssalden knapp an der verwendeten Signifikanzgrenze scheitert. Bezogen auf das BIP pro Kopf widersprechen die Ergebnisse denen einer Reihe vorheriger Untersuchungen. Diese wiesen dem BIP pro Kopf einen positiven Effekt auf die Unterstützung der EU zu. Jedoch wurden die meisten dieser Ergebnisse vor der Osterweiterung produziert, so dass davon auszugehen ist, dass sich der Effekt des BIP nach der Osterweiterung verändert hat. Jeder der Staaten, die 2004 und 2007 der EU beigetreten sind, weist ein BIP pro Kopf auf, welches deutlich unter dem europäischen Durchschnitt liegt. So zeigen die Ergebnisse der Mehrebenenanalysen, dass in den Mitgliedsstaaten mit überdurchschnittlichem BIP pro Kopf die Unterstützung insgesamt niedriger ausfällt. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass die Bevölkerungen der reicheren Staaten der EU seit der Osterweiterung um ihren Wohlstand fürchten, wohingegen in den mittelost- und osteuropäischen Staaten Wohlstandsgewinne erhofft werden.

 
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