Ergebnisse

Alles in allem sehen die Deutschen im Mai 2011 die gemeinsame Währung vergleichsweise skeptisch (Abb. 1). So teilt die Hälfte der Befragten nicht die Auffassung, dass die Einführung des Euro bisher ein großer Erfolg ist, während nur ein Viertel dieser Aussage zustimmt. Ebenso ist ein gutes Drittel der Meinung, dass der Euro in Zukunft an Stabilität einbüßen wird, wenngleich ein weiteres gutes Drittel vom Gegenteil ausgeht. Wenn man bedenkt, dass Vertrauen die Grundvoraussetzung für den Erfolg einer Währung ist, so erwecken diese Zahlen den Eindruck, dass es um den Euro in Deutschland nicht zum Besten bestellt ist[1]. So lehnt ein knappes Drittel den Euro rundheraus ab, während nur ein Fünftel die Einführung des Euro begrüßt und zugleich zuversichtlich in die Zukunft der gemeinsamen Währung blickt. Zusammengefasst beträgt die Zustimmung zum Euro 4,4 Punkte auf einer Skala von null (sehr euroskeptisch) bis zehn (starke Zustimmung).

Um den Einfluss der verschiedenen Erklärungsfaktoren überprüfen zu können, werden Modelle zu den verschiedenen Ansätzen mittels linearer Regressionen geschätzt. In einem ersten Schritt werden die vier Erklärungsansätze getrennt voneinander untersucht. Anschließend werden alle vier gemeinsam in ein Modell aufgenommen, bevor in einem letzten Schritt der Einfluss der interessierenden Variablen unter Kontrolle der Haltung des Befragten zur europäischen Integration bestimmt wird. Dabei wurden diejenigen Befragten aus der Untersuchung ausgeschlossen, deren Antwortverhalten Grund zu der Annahme gab, dass sie es mit der erforderlichen Sorgfalt während der Online-Befragung nicht allzu genau nahmen[2]. Ausgeschlossen wurden zudem alle Befragten, die im variablenreichsten sechsten Modell fehlende Werte aufweisen, um die Vergleichbarkeit der Modelle zu gewährleisten. Alle metrischen Variablen fließen zentriert und standardisiert in das Modell ein.

Tab. 1 Determinanten der Zustimmung zum Euro. (Quelle: GLES-Langfrist-Online-Tracking 14)

Modell

1

2

3

4

5

6

Kontrollvariablen

Alter

0,37***

0,20

0,26*

0,27*

0,26*

0,25*

Alter quadriert

0,23*

0,19*

0,21*

0,28**

0,15

0,11

Geschlecht: weiblich 0,98*** 1,11*** 0,81*** 0,97*** 0,88*** 0,72*** Mittlere Reife 0,36 0,39 0,43 0,55* 0,16 0,29

Abitur 1,75*** 1,89*** 2,03*** 2,07*** 1,10*** 1,14***

Ökonomische Variablen

Arbeiter 0,62 0,31 0,24

Haushaltseinkommen 0,32** 0,20* 0,19*

Persönliche wirtschaftliche Lage 0,44*** 0,27** 0,26*

Allgemeine wirtschaftliche Lage 0,62*** 0,39*** 0,41***

Verantwortlichkeit EU für AWL 0,17 0,23* 0,21*

PWL ´ Verantwortlichkeit EU 0,06 0,03 0,01

AWL ´ Verantwortlichkeit EU 0,29** 0,19* 0,18*

Identitäten

Nationale Identität 0,22* 0,09 0,18

Europäische Identität 1,13*** 0,72*** 0,47***

Elitensignale

Elitensignal 0,50*** 0,32*** 0,18

Politisches Interesse EU 0,52*** 0,18 0,20*

Wissen EU 0,36** 0,16 0,17

Elitensignal ´ Pol. Int. EU 0,18 0,22* 0,23**

Elitensignal ´ Wissen EU 0,24* 0,20* 0,21*

Pol. Int. EU ´ Wissen EU 0,02 0,02 0,00

Elitensig. ´ Pol. Int. EU ´ Wissen EU

Außenpolitische Grundorientierungen 0,11 0,16 0,17*

Multilateralismus 0,43*** 0,26** 0,24**

Isolationismus 0,89*** 0,37*** 0,30**

Haltung zur europäischen Integration

0,57***

Konstante

4,11***

4,02***

3,83***

3,75***

4,37***

4,27***

Fallzahl

753

753

753

753

753

753

Korr. R2

0,27

0,29

0,21

0,25

0,40

0,42

Korr. R2 (ohne Kontrollvariablen)

0,20

0,20

0,14

0,15

0,37

0,40

Lineare Regression; angegeben sind unstandardisierte Regressionskoeffizienten b.

*p < 0,05; **p < 0,01; ***p < 0,001

Wie der Vergleich der vier Ansätze zeigt, können der identitätsbezogene sowie der ökonomische Ansatz mit einem korrigierten R² von jeweils 0,20 die meiste Varianz erklären (Tab. 1). Außenpolitische Grundorientierungen und Elitensignale weisen hingegen eine etwas niedrigere Varianzaufklärung auf. Alles in allem können die vier Ansätze etwa 40 % der Varianz in den Einstellungen zur gemeinsamen Währung erklären, wobei jeder einzelne Ansatz seinen eigenständigen Beitrag zu leisten vermag.

Auffällig ist, dass die Kontrollvariablen in den ersten vier Modellen mit jeweils sieben Prozentpunkten zur Varianzaufklärung beitragen und sowohl Alter, Bildung als auch Geschlecht in allen Modellen bedeutsamen Einfluss auf die Haltung zum Euro aufweisen. Für das Alter zeigt sich ein U-förmiger Zusammenhang, wobei Menschen mittleren Alters den Euro am stärksten ablehnen. Auch der Einfluss eines (Fach-)Abiturs im Vergleich zu einem Hauptschulabschluss ist bemerkenswert, erhöht sich die Zustimmung doch um wenigstens einen Skalenpunkt. Frauen sind zudem euroskeptischer eingestellt als Männer, was angesichts der Kontrolle durch eine Vielzahl von Erklärungsansätzen, die sich in der Vergangenheit als relevant bei der Untersuchung von Einstellungen zur EU und zum Euro erwiesen haben, durchaus beachtlich ist.11

Die Vermutungen zur sozioökonomischen Position des Befragten können nur zum Teil bestätigt werden. So erhöht sich wie erwartet die Zustimmung zur gemeinsamen Währung mit steigendem Haushaltseinkommen. Für den Beruf des Arbeiters lassen sich dagegen nur schwache Effekte feststellen, und auch nur dann, wenn andere, nicht-ökonomische Erklärungsfaktoren nicht kontrolliert werden. In diesem Fall führt der Beruf des Arbeiters tendenziell zu einer höheren Ablehnung des Euro.

Hinsichtlich der vermuteten Entwicklung der wirtschaftlichen Lage ergeben sich dagegen beträchtliche Unterschiede. Knapp die Hälfte der Befragten erwartet für die allgemeine und die persönliche wirtschaftliche Lage im kommenden Jahr keine Veränderung, während jeweils ein Viertel eine Verbesserung bzw. eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage erwartet. Für die Unterstützung des Euro sind diese Wahrnehmungen durchaus folgenreich: Eine durchschnittliche Befragungsperson12, die für ihre eigene Lage eine Verbesserung erwartet, hat eine um gut einen halben Skalenpunkt höhere Zustimmung im Vergleich zu jemandem, der von einer Verschlechterung ausgeht. Bei der allgemeinen wirtschaftlichen Lage beträgt die entsprechende Differenz sogar knapp einen Skalenpunkt.

Wie aus Abbildung 2 ersichtlich wird, ist der Einfluss wirtschaftlicher Einschätzungen allerdings von der wahrgenommenen Verantwortlichkeit der europäischen Politik abhängig. Glaubt der Bürger, dass sich die allgemeine wirtschaftliche Lage völlig unabhängig von der Politik der Europäischen Union entwickelt, haben seine wirtschaftlichen Wahrnehmungen keinen Einfluss auf seine Haltung zur gemeinsamen Währung. Allerdings beeinflusst die Verantwortlichkeitszuschreibung nicht nur die Wirkung der ökonomischen Erwartungen, sie hat, wie man den Modellen 5 und 6 in Tabelle 1 entnehmen kann, darüber hinaus auch einen eigenständigen Einfluss auf die Zustimmung zum Euro. Geht man davon aus, dass die wirtschaftliche Situation Deutschlands von der Politik der EU abhängt, wird die gemeinsame Währung kritischer gesehen. Keinerlei Einfluss hat die Verantwortlichkeitszuschreibung allerdings auf den Effekt der persönlichen wirtschaftlichen Lage.13 Dies kann möglicherweise

Abb. 2 Wirkung wirtschaftlicher Wahrnehmungen nach Verantwortlichkeit der EU. (Quelle: GLES-Langfrist-Online-Tracking 14)

darauf zurückgeführt werden, dass sich die eigene ökonomische Situation ungleich schwerer politisieren lässt als die gesamtwirtschaftliche Lage. Aber auch die mangelnde Eignung des Indikators könnte natürlich ein Grund sein.

Zu den einflussreichsten Determinanten von Einstellungen zur gemeinsamen Währung gehören europäische Identitäten. Bei Vorliegen einer starken europäischen Identität erhöht sich die Zustimmung um zweieinhalb Skalenpunkte im Vergleich zu einer Person, die keinerlei Verbundenheitsgefühle gegenüber Europa aufweist.14 Verbundenheitsgefühle mit Deutschland sind demgegenüber nur von untergeordneter Bedeutung[3]. Lediglich in Modell 2 entfalten sie einen statistisch von null verschiedenen Einfluss, wobei der substantielle Einfluss im Vergleich zu europäischen Identitäten zweitrangig ist.

Es finden sich deutliche Hinweise darauf, dass Bürger auf Elitensignale zurückgreifen, um zu Einstellungen zur gemeinsamen Währung zu gelangen. Ein durchschnittlicher Befragter in Modell 5 ändert seine Haltung um 1,4 Skalenpunkte, wenn er statt durchweg negativer sehr positive Hinweise von der ihm nahestehenden Partei wahrnimmt. Interesse an Themen der EU und entsprechendes Wissen erhöhen nicht nur bei einem durchschnittlichen Befragten tendenziell die Zustimmung zur gemeinsamen Währung, wie es etwa Ingleharts (1970) Theorie der kognitiven Mobilisierung nahelegt. Sie beeinflussen vor allen Dingen, in welcher Form ein Befragter Elitensignale zur Generierung einer Haltung zum Euro verwendet. Wie erwartet haben Elitensignale vor allem dann einen Einfluss, wenn der Befragte auf entsprechendes Kontextwissen zurückgreifen kann (Krosnick und Brannon 1993). Umgekehrt verlieren Elitenhinweise bei steigendem Interesse an Themen der europäischen Integration an Bedeutung. Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass interessierte Personen mit größerer Wahrscheinlichkeit kognitive und zeitliche Ressourcen dafür aufwenden, um zu einer eigenständigen, fundierten Haltung zum Euro zu gelangen.

Abb. 3 Einfluss von Elitensignalen nach Wissen und Interesse an europäischer Politik. (Quelle: GLES-Langfrist-Online-Tracking 14)

In diesem Fall stellen Elitensignale nur eine weitere Form von Information dar, die den eigenen Voreinstellungen entsprechend akzeptiert oder verworfen werden kann. Dies wird auch in Abbildung 3 ersichtlich: Fehlt die Aufmerksamkeit für Themen der europäischen Integration, haben Elitensignale keinerlei Wirkung, weder auf Interessierte, die ohnehin in der Regel mit einer eigenen Einstellung aufwarten können, noch auf Uninteressierte, für die Hinweise von Seiten der Parteien grundsätzlich eine Möglichkeit zur Einstellungsgenerierung darstellen. Sind die Bürger jedoch mit entsprechendem Kontextwissen ausgestattet, kommt es auf den Grad ihres politischen Interesses zu Themen der EU an: Sind sie sehr interessiert, haben sie für gewöhnlich bereits Einstellungen ausgebildet. In diesem Fall haben Elitensignale keinen Einfluss. Interessieren sie sich jedoch nicht für die EU, verringern negative Elitensignale

die Zustimmung zur gemeinsamen Währung.

Allerdings finden sich nur wenige Befragte, die einerseits Themen der europäischen Integration aufmerksam verfolgen, aber andererseits sich nicht sonderlich dafür interessieren. Gleiches gilt im umgekehrten Fall, wenngleich sich hier etwas mehr Personen finden lassen, die angeben, sehr interessiert zu sein, ohne jedoch über genaueres Wissen zum Lissabon-Vertrag zu verfügen. Bei mehr als drei Vierteln der Befragten geht hingegen ein steigendes Interesse mit einem höheren Grad an Wissen einher. In Abbildung 4 wird daher davon ausgegangen, dass sich Wissen und Interesse gleichmäßig erhöhen, um zu überprüfen, in welchen Involvierungsgruppen

Abb. 4 Effektstärke ElitensigGLES-Langfrist-Online-Tracking 14)

Elitensignale den größten Einfluss entfalten. Wie erwartet sind es die mäßig Involvierten mit geringem Grad an Interesse und Aufmerksamkeit, bei denen Elitensignale einen bedeutsamen Einfluss entfalten.16 An diesem Personenkreis geht das politische Geschehen auf der europäischen Ebene nicht spurlos vorüber, jedoch sind Interesse und Wissen nicht so stark ausgeprägt, dass die Befragten eine vollkommen eigenständige Haltung aufweisen. Mit der Aufgabe konfrontiert, eine Meinung zum Euro zu äußern, greift dieser Personenkreis durchaus auf die Position der nahestehenden Eliten zurück. Bei geringer oder hoher Involvierung hingegen lässt sich kein von null verschiedener Effekt feststellen. Dies dürfte in den niedrigsten Involvierungsgruppen darauf zurückzuführen sein, dass die Befragten keine Kenntnis von den Issue-Positionen der Parteien erlangt haben und dementsprechend nicht auf diese zurückgreifen können. Bei den Hochinvolvierten ist hingegen davon auszugehen, dass sie sehr wohl die Positionen der Parteien kennen. Allerdings dürfte ihre Einstellung vor allem auf ökonomischen Erwägungen, nationalen und europäischen Identitäten sowie außenpolitischen Grundorientierungen beruhen, so dass Elitensignale, auch wenn sie mit der eigenen Haltung übereinstimmen, keinen eigenständigen Einfluss mehr entfalten. Einen großen Einfluss auf Einstellungen zur gemeinsamen Währung haben über die gängigen Erklärungsfaktoren hinaus außenpolitische Grundorientierungen. Isolationisten lehnen dabei nicht nur das internationale Engagement Deutschlands ab, auch der supranationale Charakter der europäischen Integration scheint ihnen Unbehagen zu bereiten, was sich in niedrigeren Zustimmungsraten zum Euro ausdrückt. Auch Unilateralisten stehen der gemeinsamen Währung kritisch gegenüber, was angesichts der Einschränkungen nationaler Entscheidungshoheit etwa durch die Maastricht-Kriterien und die wirtschaftlichen Verflechtungen mit anderen Ländern kaum verwunderlich ist. Vergleicht man die Modelle, so fällt auf, dass isolationistische Orientierungen in deutlich stärkerem Maße als multilaterale Grundhaltungen unter Kontrolle anderer Einflussfaktoren an Erklärungskraft einbüßen. Während in Modell 4 isolationistische Grundorientierungen einen beachtlichen und erheblich stärkeren Einfluss als multilaterale Orientierungen auf Haltungen zum Euro ausüben, sind die Unterschiede zwischen beiden in Modell 5 vernachlässigbar. Dies lässt sich auf enge Zusammenhänge von isolationistischen Grundhaltungen mit ökonomischen Einschätzungen und Gruppenbindungen zurückführen. Wird die wirtschaftliche Lage als schlecht wahrgenommen, wird der Bewältigung nationaler Probleme Vorrang vor internationalen Problemen eingeräumt (Chittick et al. 1995, S. 319). Ebenso finden sich unter Isolationisten weniger stark ausgeprägte europäische Identitäten als unter Internationalisten, wobei die Kausalitätsrichtung aber weniger eindeutig ist. Nichtsdestotrotz leisten aber außenpolitische Grundorientierungen auch einen eigenständigen Beitrag bei der Erklärung von Einstellungen zum Euro.

  • [1] Verglichen mit anderen Euro-Mitgliedsländern lag im Mai 2011 die Zustimmung zur gemeinsamen Währung nur knapp unter dem Eurozonen-Mittel, wobei 30 % der Westdeutschen und 37,5 % der Ostdeutschen den Euro ablehnten (Europäische Kommission 2013). Auch im Vergleich zu früheren Jahren war die Zustimmung nicht außergewöhnlich niedrig.
  • [2] Ausgeschlossen wurden 64 Befragte, die aufgrund der Beantwortungsdauer des Fragebogens als einer von zwei Typen von Zeitunterschreitern klassifiziert wurden. Die Ergebnisse unterscheiden sich bei Aufnahme aller Befragten oder bei Einbeziehung eines Typs von Zeitunterschreitern nicht substantiell. Gleiches gilt für die Verwendung von Gewichten zur Anpassung der Stichprobe an den Mikrozensus oder die Online-Grundgesamtheit.
  • [3] Auch nationale und europäische Identitäten hängen vergleichsweise stark zusammen. Werden nur nationale Identitäten in die Modelle aufgenommen, so finden sich bedeutsame positive Effekte. So erhöht sich etwa im Modell 6 die Zustimmung zum Euro um 1,2 Skalenpunkte (nicht ausgewiesen).
 
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