Fazit

Die Zustimmung zur gemeinsamen Währung bewegt sich in Deutschland, wie auch in den meisten Ländern des Euroraums, ungeachtet der seit mehreren Jahren anhaltenden Finanz- und Staatsschuldenkrise auf vergleichsweise hohem Niveau. Angesichts des weitverbreiteten Unmuts über die Milliardenbeträge zur Stabilisierung überschuldeter Euromitgliedsländer hätte man erwarten können, dass die Unzufriedenheit mit der gemeinsamen Währung in der Bevölkerung deutlich zunimmt. Auch scheint die Krise nicht dazu geführt zu haben, dass sich die Grundlagen, auf denen Bürger sich ihre Meinung zur gemeinsamen Währung bilden, gewandelt haben. Die gleichen Ansätze, die sich schon in früheren Jahren als erklärungskräftig erwiesen haben, tragen auch während der Krise zum Verständnis über die Ursachen von Einstellungen zum Euro bei. Die Bürger scheinen also nicht krisenbedingt einen anderen Blick auf die gemeinsame Währung entwickelt zu haben.

Allerdings müssen hinsichtlich der Verallgemeinerbarkeit der Befunde einige Einschränkungen berücksichtigt werden: So können die Ergebnisse nur unter Vorbehalt auf die Gesamtbevölkerung übertragen werden, da die Daten mittels einer Onlinebefragung erhoben wurden. Daher ist davon auszugehen, dass sozioökonomischer Status und politische Involvierung höher sind als im Durchschnitt der Bevölkerung (Sanders et al. 2007). Zudem muss ein beträchtlicher Teil der Fälle wegen Nichtbeantwortung einzelner Fragen oder Abbruchs des Interviews aus den Analysen ausgeschlossen werden. Der Anteil der politisch hoch Involvierten dürfte daher weit über dem Durchschnitt liegen, während der Anteil der niedrig Involvierten deutlich unterschätzt werden könnte. Dies ist insofern problematisch, als dass sich die Art und Weise, wie über politische Fragen nachgedacht wird, mit dem Grad der politischen Involvierung ändert (Saris 2004). Letztlich sollten diese Befunde daher auf eine breitere empirische Basis gestellt werden.

Was die Untersuchung aber deutlich gemacht hat, ist, dass bei künftigen Untersuchungen von Einstellungen zu europäischen Themen außenpolitischen Grundorientierungen mehr Aufmerksamkeit zu Teil kommen sollte. Allen voran isolationistische Grundhaltungen können neben den drei klassischen Ansätzen der Integrationsforschung einen beachtlichen eigenständigen Erklärungsbeitrag leisten. Auch wenn die europäische Integration mittlerweile in vielen Bereichen weit über das intergouvernementale Stadium hinaus vorangeschritten ist, so bestimmen nach wie vor außenpolitische Erwägungen zu einem guten Teil die Einstellungen der Bürger zur Europäischen Union.

Des Weiteren zeigen die Ergebnisse, dass sich die Bürger einerseits durchaus tiefergehende Gedanken über ihre Haltung zum Euro machen. Denn selbst wenn man von einer Verschlechterung der ökonomischen Situation ausgeht, so bleibt das für die Zustimmung zur gemeinsamen Währung folgenlos, wenn man der Politik der EU keine Verantwortung für die wirtschaftliche Entwicklung zuschreibt. Angesichts des mangelnden Interesses und des niedrigen Wissens zu Themen der europäischen Integration hätte man auch erwarten können, dass die Wahrnehmung der wirtschaftlichen Lage undifferenziert als Heuristik bei der Bewertung des Euro herangezogen wird.

Es wird aber auch deutlich, dass bezüglich europäischer Themen beträchtliche Unterschiede hinsichtlich des Interesses und Wissens in der Bevölkerung zu verzeichnen sind. Dies macht sich insbesondere bei der Nutzung von Elitenhinweisen bemerkbar. Während ein kleine Gruppe von Bürgern die ‚Issue-Public' (Converse 1964) stellt und nicht auf die Nutzung von Elitensignalen angewiesen ist, teilt sich der Rest der Bevölkerung in zwei Lager: Das eine verfolgt Nachrichten zu Europa immerhin leidlich, und kann sich daher auch einen Reim auf Hinweise der Eliten machen und diese im Falle einer Befragung zur Konstruktion einer Meinung zum Euro nutzen. Dem anderen Lager hingegen steht aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit nicht einmal diese Möglichkeit der Einstellungsgenerierung bei Bedarf offen.

Ob die Deutschen die gemeinsame Währung auch in Zukunft unterstützen, hängt also zum einen von der weiteren Entwicklung der wirtschaftlichen Lage ab. Sollte die Eurokrise auch in Deutschland spürbar werden, wird auch der Euro an Rückhalt in der Bevölkerung einbüßen. Ein möglicher Vertrauensverlust ließe sich aber durch ein entschiedenes und deutlich vernehmbares Bekenntnis der politischen Eliten zur gemeinsamen Währung in Grenzen halten. Allerdings wird sich zeigen, ob nach dem respektablen Abschneiden der „Alternative für Deutschland“ bei der vergangenen Bundestagswahl eurokritische Töne nicht noch häufiger zu vernehmen sein werden. Da der Euro für einen erheblichen Teil der Deutschen ein wahlrelevantes Thema darstellt, könnte eine stärkere Politisierung der Euromitgliedschaft Deutschlands ebenfalls zu sinkenden Zustimmungsraten gerade in den mäßig involvierten Teilen der Bevölkerung führen. Die negativen Auswirkungen einer sich verschlechternden wirtschaftlichen Lage und eines zunehmend eurokritischen Diskurses werden aber durch längerfristig stabile Grundorientierungen und Gruppenzugehörigkeiten gedämpft. Nicht nur Zugehörigkeitsgefühle zu Europa, sondern auch zu Deutschland führen zu einer besseren Bewertung der gemeinsamen Währung. Allerdings hängt gerade die Wirkung von nationalen Identitäten nicht zuletzt von der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung ab. Denn wird der Euro etwa aufgrund hoher Teuerungsraten nicht mehr als „Deutschmark writ large“ (Kaelberer 2005, S. 293) wahrgenommen, könnte auf lange Sicht auch der stabilisierende Einfluss von Verbundenheitsgefühlen mit Deutschland verloren gehen.

 
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