Datengrundlage, abhängige und unabhängige Variablen und Validierung des Verantwortlichkeitsindex

Auf der Individualebene bildet die Studie zu den Europäischen Parlamentswahlen 2009 (PIREDEU) die Datengrundlage für unsere Analyse. Wir nutzen hierbei die Wählerstudie (van Egmond et al. 2011), für die zeitgleich in allen 27 EU-Mitgliedsstaaten eine Nachwahlbefragung durchgeführt wurde.11 Die nationalen Samples weisen jeweils eine Größe von ca. 1000 Befragten auf. Diese Daten wurden um Informationen auf der Makroebene zu Regierungszusammensetzung und wirtschaftlichen Kennziffern ergänzt.

Unsere abhängige Variable, der Verantwortlichkeitsindex, errechnet sich als Saldo der Verantwortungszuschreibung zu Europäischer Union und nationaler Regierung für die wirtschaftlichen Bedingungen im jeweiligen Land.12 Die Abfrage erfolgt

Abb. 3 Der Verantwortlichkeitsindex im Ländervergleich, Mittelwerte mit 95 % Konfidenzintervall

jeweils auf einer Skala von 0 (keine Zuständigkeit) bis 10 (volle Zuständigkeit). Zur Berechnung des Index wird für jede befragte Person der Wert für die nationale Regierung vom Wert der Europäischen Union subtrahiert. Es ergibt sich also ein Wertebereich von 10 (volle Verantwortlichkeit bei der nationalen Regierung) bis 10 (volle Verantwortlichkeit bei der Europäischen Union). Abbildung 3 gibt einen ersten Einblick in die Verteilung zwischen den Ländern. Es ist jeweils der gewichtete13 Mittelwert und das 95 %-Konfidenzintervall abgebildet. Die senkrechte, gestrichelte Linie stellt den Gesamtmittelwert dar.

Alle Ländermittelwerte – und damit auch der Gesamtmittelwert – liegen im negativen Wertebereich. Dies deckt sich mit den Ergebnissen von Hobolt et al. (2013). Substantiell bedeutet dies, dass mehr Verantwortung bei den nationalen Regierungen vermutet wird. Es ergeben sich durchaus signifikante Unterschiede zwischen den Ländern, die sich jedoch auf den ersten Blick nicht durch übliche Ländergruppen (z. B. Südeuropa, Skandinavien, Mittelosteuropa, etc.) erklären lassen. Im Vergleich zu den anderen Ländern liegt Deutschland im Mittelfeld zwischen den Extremen Lettland (stärkste Zuschreibung zugunsten der nationalen Regierung) und Zypern (schwächste Zuschreibung zugunsten der nationalen Regierung). Insgesamt kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass durchaus Varianz zwischen den Mitgliedsstaaten existiert, die sich – so auf der Mikroebene prinzipiell identische Erklärungsmuster für die Verantwortlichkeitszuschreibung existieren – auf Makrophänomene zurückführen lassen[1].

Abb. 4 Verteilung des Verantwortlichkeitsindex und marginaler Effekt der wirtschaftlichen

Lassen sich für die 27 EU-Mitgliedstaaten auf der Basis des Verantwortlichkeitsindex ähnliche Ergebnisse wie für die deutsche Bundestagswahl 2009 (Abb. 1) finden? Mit anderen Worten: Handelt es sich bei diesem Index um ein Äquivalent zur klassisch verwendeten, nationalen Abfrage der Regierungsverantwortung und ist er damit eine valide Kennzahl? Zur rudimentären Überprüfung dient eine logistische Mehrebenenanalyse. Die abhängige Variable bildet die Wahlabsicht (Sonntagsfrage für die nächste nationale Wahl), wobei lediglich zwischen Regierungs- und Oppositionsparteien unterschieden wird. Als unabhängige Variablen beinhaltet das Modell das BIP-Wachstum (pro Kopf) als typischen Indikator für die ökonomische Entwicklung, den Verantwortlichkeitsindex und eine Interaktion beider Variablen[2].

Abbildung 4 zeigt den marginalen Effekt der Veränderung des BIP-Wachstums um eine Einheit, in diesem Fall also einen Prozentpunkt, für verschiedene Werte des Verantwortlichkeitsindex und die 95 %-Konfidenzintervalle. Im Hintergrund ist die Verteilung des Verantwortlichkeitsindex mithilfe eines Histogramms abgetragen. Die Ergebnisse ähneln deutlich jenen zur Bundestagswahl 2009. Ein Effekt der wirtschaftlichen Entwicklung auf die Wahlabsicht einer Regierungspartei lässt sich nur dann signifikant nachweisen, wenn die Verantwortung klar bei der nationalen Regierung gesehen wird – konkret, bei Werten zwischen 5 und 10. Dies entspricht im Übrigen etwa einem Viertel der Befragten über alle Länder hinweg. Wird hingegen die Verantwortlichkeit der EU zugeschrieben, also bei positiven Werten auf der x-Achse, spielen wirtschaftliche Faktoren keine Rolle für die Wahlintention auf nationaler Ebene.

Im vorangegangen Abschnitt wurden verschiedene potentielle Erklärungen für die Zuschreibung von Verantwortlichkeit für die wirtschaftlichen Bedingungen zwischen den politischen Ebenen bzw. Akteuren vorgestellt. An dieser Stelle soll nun kurz auf die konkrete Operationalisierung der einzelnen erklärenden Variablen eingegangen werden.

Für die Messung eines potentiellen Bias bezüglich der nationalen Regierung nutzen wir die Parteiidentifikation mit einer Regierungspartei (PI Regierung). Weist ein Befragter eine Identifikation mit einer der Parteien in der nationalen Regierung auf, so wird ein Wert von 1 zugewiesen. Identifikation mit einer anderen Partei oder Befragte, die keine Parteiidentifikation haben, bilden die Referenzgruppe.

Als Äquivalent für die Europäische Union nutzen wir die Beurteilung der Mitgliedschaft des eigenen Landes in der EU (EU Mitgliedschaft). Hier wird eine positive Bewertung auf 1 und eine neutrale bzw. negative Bewertung auf 0 gesetzt. Letzteres ist vergleichbar mit der Kodierung der Parteiidentifikation mit einer Regierungspartei, bei der eine PI für die Regierung zugleich keiner (neutral) und einer Identifikation mit einer anderen Partei (entgegengesetzt/negativ) gegenübergestellt wird.

Auf der Individualebene finden drei weitere (Kontroll-)Variablen Verwendung. Die retrospektive Beurteilung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage (AWL, retro) wird dabei als kategoriale Variable mit drei Ausprägungen (1 = Verbesserung der Lage; 2 = keine Veränderung; 3 = Verschlechterung der Lage) operationalisiert. Die beiden verbliebenen Kontrollvariablen stellen ‚Spiegelvariablen' dar; sie geben jeweils Aufschluss darüber, ob die nationale Regierung (Effekt Regierung) bzw. die Europäische Union (Effekt EU) aus der Sicht des Befragten einen positiven, negativen oder gar keinen Effekt auf die wirtschaftliche Entwicklung gehabt hat. Wenn Effekte der jeweiligen Ebene wahrgenommen werden, sollte sich dies auch entsprechend in der Verantwortung für die wirtschaftliche Entwicklung niederschlagen. Somit wird auf die Höhe des perzipierten Einflusses kontrolliert, den die beiden hier kontrastierten Ebenen auf das Wirtschaftsgeschehen ausüben. Indirekt ist damit ebenfalls der Einfluss von dritten Akteuren (andere Staaten, internationale Institutionen, große Wirtschaftsunternehmen) in das Modell aufgenommen.

Die Entwicklung des BIP pro Kopf (BIP-Wachstum, pK) stellt den zentralen Indikator auf der Makroebene dar. Dies folgt der oben aufgestellten Annahme, dass sowohl der Effekt einer Parteineigung für eine Regierungspartei als auch jener der Beurteilung der EU-Mitgliedschaft durch realökonomische Entwicklungen konditioniert wird. Konkret nutzen wir die relativen Veränderungen des BIP pro Kopf vom Jahr 2008 zum vorangegangenen Jahr. Da die Wahl zum Europäischen Parlament bereits im Juni stattfand, erscheint dies sinnvoller, als den entsprechenden Wert für das Jahr 2009 auszuwählen. Zusätzlich kontrollieren wir auf der Makroebene auf die Mitgliedschaft in der Eurozone (Euro). Tatsächlich schränkt die Einführung des Euros die Handlungsfähigkeiten nationaler Regierungen zu Gunsten der europäischen Ebene ein, weshalb hier auch ein direkter Effekt auf die Verantwortungszuschreibung zu erwarten ist.

  • [1] Eine Berechnung der Intra-Klassen-Korrelation (ICC) im Mehrebenenmodell schwächt diese Einschätzung etwas ab. Lediglich 5,3 % der vorhandenen Varianz lassen sich auf Unterschiede zwischen den Gruppen, in diesem Fall also den Ländern, zurückführen. Daraus folgt, dass sich ein Großteil der Unterschiede zwischen Ländern auf eine Ungleichverteilung von individuellen Charakteristika zurückführen lässt. Nichtsdestotrotz ergibt sich ein signifikanter LR-Test für das Mehrebenenmodell im Vergleich zum einfachen Regressionsmodell.
  • [2] Die detaillierten Ergebnisse der Analyse finden sich im Anhang (Tab. 4). Im Gegensatz zu allen anderen Berechnungen in diesem Papier beruht dieses Modell nicht auf durch Anpassungsgewichte korrigierten Daten. Die xtmelogit-Prozedur in Stata ist leider nicht in der Lage, Berechnungen mit Gewichten vorzunehmen. Es ist aber nicht davon auszugehen, dass dies zu einer signifikanten Verzerrung der Ergebnisse führt.
 
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