Analyse eines potentiellen Bias

Zur Überprüfung unserer Hypothesen nutzen wir eine lineare Mehrebenenregression (Random Intercept Model), wobei insgesamt 19.223 Befragte in 27 Ländern

Tab. 3 Regressionsergebnisse für den Verantwortlichkeitsindex. (Quelle: European Parliament Election Study 2009 (van Egmond et al. 2011))

gruppiert sind[1]. In Tab. 3 präsentieren wir neben dem analytischen Modell auch ein Nullmodell zur Darstellung der Varianzverteilung zwischen den beiden Ebenen. Die Gesamterklärungskraft des Modells, das sehr sparsam modelliert ist, beträgt moderate 0,06. Ein Blick auf die Varianzkomponenten im Nullmodell zeigt, dass die Varianz sehr ungleich zwischen den beiden Ebenen verteilt ist, was sich auch in der relativ geringen Intra-Klassen-Korrelation (ICC) von 0,05 widerspiegelt. D. h., dass die Varianz des Verantwortlichkeitsindexes nur in geringem Maß auf Unterschiede zwischen Ländern, sondern primär auf Unterschiede zwischen Individuen innerhalb der Länder zurück zu führen ist. Berechnet man die Aufklärungskraft getrennt nach den Ebenen, so ergibt sich für die Individualebene ein R2 von 0,03 und für die Länderebene ein Wert von immerhin 0,56[2]. Mit anderen Worten: Dieses sparsame Modell erklärt Unterschiede zwischen Ländern deutlich besser als Unterschiede zwischen Individuen innerhalb eines Landes. Da in diesem Papier nicht die Erklärung der Verantwortungszuschreibung, sondern vielmehr die Frage im Vordergrund steht, inwiefern sich hierbei ein Bias nachweisen lässt, ist dieses eher moderate Erklärungsausmaß allerdings unproblematisch.

Die retrospektive Einschätzung der nationalen wirtschaftlichen Entwicklung zeigt signifikante Effekte. Im Vergleich zu Befragten, welche keine Veränderung konstatieren, sehen Befragte mit einer positiven Einschätzung die Verantwortung um über 0,2 Skalenpunkte eher bei der EU. Bei negativen Beurteilungen wird die Verantwortung um fast 0,3 Punkte mehr bei der nationalen Regierung gesehen. Im Gegensatz zur – zumindest zuweilen medialen – Debatte führen als negativ wahrgenommene Entwicklungen damit keineswegs automatisch zu einer Schuldzuweisung an die EU.

‚Brüssel' scheint damit nicht der natürliche Sündenbock für schlechte Wirtschaftszahlen zu sein.

Die beiden Effektvariablen, welche messen, ob der die befragte Person einen positiven, negativen oder gar keinen Effekt der Politik der EU bzw. der nationalen Regierung auf die wirtschaftliche Entwicklung wahrnimmt, verhalten sich erwartungstreu. Im Vergleich zu einer Situation, in welcher der jeweiligen Ebene kein Effekt attestiert wird, sind die entsprechenden Koeffizienten theoriekonform gerichtet und signifikant. Der Index wird um 0,25 Punkte in Richtung nationaler Verantwortung verschoben, wenn die Politik der nationalen Regierung als positiv wirksam bewertet wird und um 0,68, wenn sie als negativ wirksam wahrgenommen wird. In jedem Fall wird der Regierung Verantwortung zugeschrieben, wenn der Eindruck entstanden ist, dass das Regierungshandeln etwas bewirkt. Wird die Wirkung der Politik der Europäischen Union als positiv eingeschätzt, verschiebt sich der Verantwortlichkeitsindex um 0,54 Punkte hin zum EU-Pol, bei negativer Einschätzung um 0,73 Punkte. Interessant ist, dass für beide Ebenen negative Einflussnahme einen stärkeren Effekt besitzt. Entsprechend führen negative Effektwahrnehmungen zu einer stärkeren Verschiebung der Verantwortlichkeit als positive.

Auf der

Abb. 5 Marginale Effekte nach wirtschaftlicher Lage

tion zu den anderen Faktoren relativ stark; er beträgt fast einen ganzen Skalenpunkt der abhängigen Variablen.18 Schon Mitte 2009 war Befragten aus Ländern der Eurozone also deutlich bewusst, dass ihre nationalen Regierungen an Einflussmöglichkeiten verloren haben und wichtige Entscheidungen auch auf europäischer Ebene getroffen werden.

Was aber lässt sich über eine mögliche Verzerrung bei der Zuschreibung von Verantwortlichkeit aussagen? Zur Überprüfung wurde sowohl die Identifikation mit einer der Regierungsparteien als auch die Beurteilung der EU-Mitgliedschaft mit dem BIPWachstum interagiert. Die marginalen Effekte der Parteiidentifikation und der Mitgliedschaftsbeurteilung sind in Abb. 5 abgetragen. Auf der x-Achse ist wiederum der empirische Wertebereich des BIP-Wachstums pro Kopf abgebildet, mit welchem die beiden Variablen jeweils interagiert wurden. Zur leichteren Interpretation sind zudem die 95 % Konfidenzintervalle abgebildet. Schneiden diese die gestrichelte Linie, übt die jeweilige Variable – Parteineigung für eine der Regierungsparteien bzw. Einstellung zur EU-Mitgliedschaft – für den jeweiligen Bereich des Wirtschaftswachstums keinen signifikanten Effekt aus.

Die beiden marginalen Effekte sind über den Wertebereich der ökonomischen Entwicklung entgegengerichtet. Der Einfluss der Parteineigung für eine Regierungspartei sinkt, je besser sich die ökonomische Entwicklung gestaltet hat (Abb. 5, links): Bei schlechter wirtschaftlicher Entwicklung weisen Anhängerinnen und Anhänger der nationalen Regierung signifikant mehr Verantwortung der europäischen Ebene zu als Personen ohne eine solche Bindung. Je stärker die Wirtschaft gewachsen ist, desto geringer wird dieser Unterschied. Eine positive Bewertung der EU-Mitgliedschaft führt hingegen zu einer schwächeren Verantwortlichkeitszuweisung an die Regierung, wenn das BIP pro Kopf im Vergleich zum Vorjahr gestiegen ist (Abb. 5, rechts). Bei einer vergleichsweise schlechteren wirtschaftlichen Entwicklung sprechen EU-Skeptikerinnen und -Skeptiker der Europäischen Union also deutlich mehr Verantwortung zu als EU-Befürworterinnen und -Befürworter. Für beide marginalen Effekte gilt jedoch, dass sich die Punktschätzungen nicht signifikant über den Wertebereich unterscheiden. Allerdings sind die Effekte bei guter – im Fall der Parteiidentifikation mit einer Regierungspartei sehr guter – wirtschaftlicher Entwicklung nicht mehr signifikant unterschiedlich von null.

Personen mit einer positiven Einstellung zu einem der beiden Objekte, denen Verantwortlichkeit attribuiert werden kann, machen also das jeweils andere Objekt bei schlechter wirtschaftlicher Entwicklung verantwortlich. Befragte aus Ländern mit besonders schlechter ökonomischer Entwicklung, z. B. Estland oder Lettland, die eine Parteiidentifikation für eine Regierungspartei aufweisen, haben im Durchschnitt einen um 0,6 Punkte höheren Wert auf dem Verantwortlichkeitsindex als ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger ohne eine solche affektive Bindung an eine der Regierungsparteien; Bürgerinnen und Bürger mit einer positiven Bewertung der EUMitgliedschaft machen in diesen Ländern mit sehr schlechter Wirtschaftsentwicklung die nationale Regierung um 0,4 Punkte mehr verantwortlich als EU-skeptische Individuen. Führt man sich erneut die Darstellung der Unterschiede in den Ländermittelwerten vor Augen (Abb. 3), so sind dies durchaus relevante Unterschiede. Die Ergebnisse bestätigen die Generalhypothese: Die Verantwortlichkeit wird nicht quasi-objektiv zugewiesen. Vielmehr sehen die Bürgerinnen und Bürger die Schuld für schlechte Entwicklungen a) in höherem Maße bei der EU, wenn sie Anhänger der nationalen Regierungsparteien sind und b) verstärkt bei den nationalen Regierungen, wenn sie der EU-Integration positiv gegenüber stehen.

Weiterhin ist interessant, dass weder nationale Regierungen noch die EU für eine positive Entwicklung wirklich belohnt werden. In beiden Unterabbildungen sind die marginalen Effekte weit davon entfernt, bei einer positiven Entwicklung auch signifikante Werte mit dem jeweils umgekehrten Vorzeichen aufzuweisen. Damit kann also geschlussfolgert werden, dass selbst bei Vorliegen einer Verzerrung gute Performanz

– im Sinn eines Anstiegs des BIP pro Kopf – nicht belohnt wird.

  • [1] Die Befragtenzahl schwankt dabei zwischen 535 und 872 pro Land. Um zu überprüfen, inwiefern die Ergebnisse durch Ausfälle von Befragten aufgrund fehlender Werte verzerrt werden, haben wir ein identisches Modell mit imputierten Daten berechnet. Die multiple Imputation basiert auf einem iterativen Markov Chain Monte Carlo (MCMC)-Verfahren (Rubin 2004) in Stata 13, wobei die hierarchische Struktur der Daten beachtet wurde. Bereits bei einer geringen Anzahl von Imputationen (N= 10) erwiesen sich die Parameter als robust. Im Vergleich zum durch fehlende Werte reduzierten Sample ergeben sich keine relevanten Veränderungen, außer, dass durch die Fallzahl von über 27.000 noch höhere Signifikanzniveaus erreicht werden. In Summe kann geschlussfolgert werden, dass die Ausfälle keinen systematischen Einfluss auf die Ergebnisse haben, was für ihre Verallgemeinerbarkeit spricht.
  • [2] In anderen, ebenfalls komparativen Studien zu ökonomischem Wählen (Alt und Lowry 2010; Anderson 2000; Powell und Whitten 1993) wird die Relevanz der durch das politische System bestimmten Klarheit der Verantwortlichkeit betont. Abträglich für eine solche Klarheit sind etwa Koalitionsregierungen oder Föderalismus. Wir verzichten in unserem Modell aus zwei Gründen auf die Inklusion einer entsprechenden unabhängigen Variable. Zum einen erscheint es äußerst schwierig, ein entsprechendes Klarheitsmaß für die EU zu bestimmen, da dieses Varianz zwischen Mitgliedsstaaten aufweisen müsste. Politische Informiertheit und Medienaufmerksamkeit bezüglich der Europäischen Union variieren stark (de Vries et al. 2011; Schuck et al. 2011). Zum anderen ist das Ausmaß an zusätzlich zu erklärender Varianz zwischen Ländern äußerst gering.
 
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