Die Finanzkrise und ihre Effekte auf individuellen Euroskeptizismus – theoretische Überlegungen

Der Effekt von Krisen auf die Einstellungen der Bevölkerung ist bereits seit geraumer Zeit ein wichtiges Thema in der Forschung zur öffentlichen Meinung. Insbesondere die Forschung zum sogenannten ‚rally-round-the-flag'-Phänomen, welches den Anstieg an Unterstützung für einen US-Präsidenten in Krisenzeiten charakterisiert, kann dafür als Beispiel genannt werden. Krisen wurden zudem als Faktoren identifiziert, welche die Ansichten der Bevölkerung gegenüber internationalen Beziehungen beeinflussen können. Seit 2008, dem Beginn der Finanzkrise in den USA, wurden jedoch nur wenige Studien zum indirekten oder direkten Effekt der Finanzkrise auf nationale politische Einstellungen und Positionen durchgeführt. Daher sollte, wie wir in dieser Arbeit darlegen, die Finanzkrise als Ursache eines Anstiegs des Euroskeptizismus und einer Vertiefung nationalistischer Gefühle innerhalb der Bevölkerung begriffen werden, welche wiederum, wie bereits ausgeführt, die Wahrscheinlichkeit der Wahl euroskeptischer und extremer Parteien auf der nationalen Ebene erhöhen. Im folgenden Abschnitt möchten wir aus zwei unterschiedlichen theoretischen Perspektiven zeigen, warum die Finanzkrise (Teile der) Bürger euroskeptischer machen sollte. Anschließend wird dargestellt, warum wir hinsichtlich der zwei unterschiedlichen theoretischen Herleitungen des Argumentes unterschiedliche Effekte in den beiden hier untersuchten Ländern, der Slowakei und Ungarn, erwarten.

Wenden wir uns zunächst dem Effekt der Finanzkrise auf die Veränderung des Euroskeptizismus der Bürger zu. Wir schlagen zwei unterschiedliche theoretische Herangehensweisen vor, von denen eine von einer rationalistischen und die andere von einer sozialpsychologischen Perspektive ausgeht. Beide Ansichten führen zu der Erwartung eines Anstiegs des Euroskeptizismus im Verlauf der Finanzkrise. Sie divergieren aber in der Erklärung, warum die Finanzkrise zu einem solchen Anstieg führen sollte. Wir nennen die beiden Zugänge die Verwundbarkeits-Perspektive (rationalistisch) und die ‚Nationalist backlash'-Perspektive (sozialpsychologisch).

Die Verwundbarkeits-Perspektive

Die Verwundbarkeits-Perspektive argumentiert, dass ‚Europa' nun stärker in den Fokus der Elektorate gerückt ist, und europäische Themen in den Köpfen der Wähler nun mit wichtigen ökonomischen und sozialen Belangen, die den Alltag der Bürger betreffen, verbunden sind. Wir nehmen weiter an, dass innerhalb des Informationskontexts, der den Wählern zur Verfügung steht, diese rational auf die Finanzkrise reagieren. Das bedeutet, dass sie Politiken unterstützen sollten, welche den wahrgenommenen Schaden der Krise nicht nur für die Nation als Ganzes (soziotropisches Verhalten), sondern auch für die subjektive Situation des einzelnen Wählers minimieren. Dies erfordert nicht, dass die Wähler über detaillierte und objektive Informationen verfügen, sondern vielmehr, dass sie sich eine Meinung auf der Grundlage von Hinweisen und Quellen darüber gebildet haben, welcher Handlungskurs mehr oder weniger Risiken beinhaltet bzw. besser oder schlechter für das Land sei. Als Beispiel verweisen wir auf Fragen, wie sie in US-amerikanischen Umfragen zu finden sind, bei denen Bürger danach gefragt werden, ob das Land ihrer Meinung nach

‚on-track' oder ‚off-track' sei. Je mehr Wähler die Eurokrise als Ausdruck dessen wahrnehmen, dass die europäische Integration zu weit vorangeschritten sei, desto wahrscheinlicher sollten sie eine euroskeptische Position einnehmen. Gleiches gilt für die Abwägung eines Alleingangs ihres Landes in der Eurokrise im Vergleich mit gemeinsamem Handeln innerhalb der EU. Je höher Bürger den Vorteil eines Alleingangs des eigenen Landes gegenüber den Vorteilen des gemeinsamen Handelns in der EU einschätzen, desto euroskeptischer sollten diese sein. Gleichermaßen sollten Wähler, die aufgrund einer vermeintlich als von Brüssel aufgezwungen empfundenen Sparpolitik persönliche Verluste befürchten oder bemerken, zunehmend EU-feindliche Ansichten annehmen. Zusätzlich sollten Wähler in Ländern, in denen nationale Ressourcen dafür verwendet werden, wirtschaftlich stärker betroffene Mitgliedsstaaten mit vermeintlich unverantwortlichen Regierungen zu stützen, eine solche Politik als unvorteilhaft betrachten und als Folge stärker euroskeptisch werden.

Im Gegenzug ist natürlich zu erwarten, dass Bürger, die die EU oder Handlungen auf europäischer Ebene als hilfreich in der Verbesserung der jeweiligen Situation empfinden – weil dadurch etwa die Banken und somit die individuellen Einlagen sicherer, die Zinssätze niedriger, Kredite verfügbarer und Währungen stabiler werden –, die EU positiver bewerten. Eine solche Einschätzung ist vergleichbar mit dem, was Boomgarden et al. (2011) zur positiven Wirkung der Bewertung des Funktionierens und der Performanz europäischer Institutionen herausgefunden haben. Wenn die Involvierung europäischer Akteure für die Bürger vorteilhaft erscheint, erwarten wir, dass eine Krise zu einer Reduzierung des Euroskeptizismus führen sollte. Um zu einer solchen Einschätzung zu gelangen, schätzen Wähler nicht nur die Fähigkeiten der europäischen Ebene, sondern gleichzeitig die Fähigkeiten und die Responsivität ihrer nationalen Akteure ein und ziehen daraus ihre Schlüsse. Diese Einschätzung erfordert damit nicht eine grundsätzlich positive Disposition zugunsten Europas, sondern kann auch einfach eine Entscheidung zwischen dem geringeren zweier Übel sein. Im Endeffekt bedeutet dies, dass Bürger, die mit dem Zustand europäischer Angelegenheiten unzufrieden sind, aber dennoch ihr Land nach einem möglichen Alleingang als noch schlechter dastehend wahrnehmen, durch die Krise europafreundlicher werden.

Es ist nachvollziehbar, sich in Zeiten der Krise Stabilität und Vorhersehbarkeit zu wünschen. Es ist gleichermaßen rational, wahrgenommene Fähigkeiten vor wahrgenommener Inkompetenz zu bevorzugen. Daher sollten Wähler in Zeiten der Unsicherheit sich eher jenen Institutionen zuwenden, denen sie stärker vertrauen. Wir wissen etwa, dass Wähler in Mittel- und Osteuropa durchschnittlich mehr Vertrauen in die Institutionen der EU als in ihre nationalen Regierungen haben (Eurobarometer 70.1, 71.2). Daher könnte die wahrgenommene Verwundbarkeit des eigenen Landes und des eigenen persönlichen Wohlergehens den Appetit der Wähler für einen radikalen Wandel deutlich verringern, insbesondere wenn letzteres quasi als Vorbedingung ein Vertrauen ausschließlich in nationale politische Akteure und Institutionen erfordert. Eher sollten sich Bürger dem Umstand bewusst sein, dass der Verbleib in einer größeren Ökonomie verschiedene wirtschaftliche Risiken reduziert und das eigene Gewicht in der globalen Wirtschaft erhöht. Dieses Konzept ist unserer Ansicht nach keineswegs so kompliziert, dass es nicht von großen Teilen der Bevölkerung verstanden werden kann. Es scheint zudem für Wähler offensichtlich zu sein, dass Schritte hinsichtlich der Desintegration der EU nicht rückgängig gemacht werden können und damit der Schaden im Jetzt für die Zukunft permanent ist.

Aus der Sicht der Verwundbarkeits-Perspektive ergibt sich zusammengefasst, dass die europäische Finanzkrise und ihre ökonomischen Effekte zu einem Anstieg des Euroskeptizismus führen können, wenn Bürger ihr Land als in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation befindlich wahrnehmen UND wenn sie gleichzeitig den europäischen Institutionen darin misstrauen, im Interesse des eigenen Landes zu handeln. Diese Erwartungen können in der folgenden Hypothese formalisiert werden.

H1: Aus der Sicht der Verwundbarkeits-Perspektive werden Bürger im Verlauf der Finanzkrise eher euroskeptischer, wenn diese das eigene Land durch die Finanzkrise als ökonomisch verwundbar wahrnehmen und nationalen Institutionen stärker vertrauen als europäischen Institutionen.

 
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