Daten, Methode und empirische Ergebnisse

Die oben angeführten Hypothesen werden anhand von Umfragen in der Slowakei und Ungarn getestet, die im Rahmen eines Marie-Curie-Projektes zum Euroskeptizismus von Eliten und der Bevölkerung durchgeführt wurden. In beiden Ländern wurden von einem lokalen Umfrage-Unternehmen jeweils etwa 1.000 Befragte (Ungarn 1.012, Slowakei 1.002 Befragte) interviewt.

Als abhängige Variable für die Hypothesen H1 und H2 wählten wir eine Variable, welche die Entwicklung der Einstellung eines Befragten gegenüber europäischer Integration misst (0 = sehr stark zum Negativen verändert, bis 10 = sehr stark zum Positiven verändert)[1].

Für das Testen des Verwundbarkeits-Arguments verwenden wir drei Variablen, zwei einfache und eine Interaktions-Variable. Zuerst messen wir, ob Bürger das Wohlergehen des Staates durch die Krise als negativ beeinflusst ansehen. Zweitens messen wir das Vertrauen in die EU und das Vertrauen in die nationalen politischen Akteure über Fragen, welche die Befragten bitten, ihren Grad an Vertrauen darin anzugeben, ob bestimmte Akteure die eigenen Interessen vertreten (Skala jeweils von 0 bis 10). Dabei berechneten wir eine neue Variable, welche das durchschnittliche Vertrauen eines Befragten in nationale Akteure (nationales Parlament + nationale Regierung/2) vom durchschnittlichen Vertrauen in europäische Akteure (Europäisches Parlament + Europäische Kommission/2) abzieht. Die aus dieser Subtraktion entstehenden Werte für jeden Befragten addieren wir mit +10, so dass die Codierung von 0 (volles Vertrauen in nationale, kein Vertrauen in europäische Akteure) bis 20 (kein Vertrauen in nationale, volles Vertrauen in europäische Akteure) reicht. Um die UND-Bedingung innerhalb der Hypothese abzubilden, inkludieren wir in unserem Modell schließlich eine Interaktions-Variable.

Für die ‚Nationalist backlash'-Perspektive verwenden wir zwei unabhängige Variablen. Da keine überzeugende Operationalisierung für die Risikoaversion und die Rigidität von Befragten vorliegt, müssen wir dabei auf Proxys zurückgreifen.

Als Proxy für die Rigidität von Befragten nahmen wir die Position von Befragten gegenüber Minderheitsrechten. Wir nehmen dabei an, dass der Grad, zu dem man Menschen anderer Gruppen die gleichen Rechte verweigert, eng mit dem Grad an Rigidität zusammen hängen sollte. Daher messen wir die Rigidität eines Befragten über seine Einstellung gegenüber Minderheitenrechten. Die Dummy-Variable weist einem Befragten den Wert 1 zu, wenn er Minderheitenrechte eher oder sogar sehr ablehnt ( 5). Alle anderen Befragten erhalten den Wert 0. Als Proxy für die Risiko-Aversion inkludieren wir ebenfalls eine Dummy-Variable. Die Befragten wurden danach gefragt, ob sie verschiedene Gruppen und Akteure (Minderheiten, Immigranten, Nachbarstaaten, andere Länder, Terroristen) als Bedrohung des Landes oder der Gesellschaft einschätzen. Dabei argumentieren wir, dass Befragte, welche mindestens drei dieser Akteure oder Gruppen als Bedrohung wahrnehmen, als risikoavers eingestuft werden können. Wir weisen daher den Wert ‚1' auf der Variable allen Befragten zu, welche mindestens drei dieser Gruppen als Bedrohung ansehen, während allen anderen Befragten der Wert ‚0' zugewiesen wird. Die zusätzlichen unabhängigen Variablen aus den Hypothesen H3 erhalten wir dadurch, dass wir in den Rechnungen für das volle Modell Interaktionen mit einem Länder-Dummy einfügen. Dieser Dummy nimmt den Wert 1 für die Slowakei und den Wert 0 für Ungarn an. Zusätzlich haben wir den Modellen noch einige übliche Kontrollvariablen hinzugefügt: die Position des/der Befragten gegenüber Marktmechanismen (welche in MOE-Ländern oft als Ersatz für die Links-Rechts-Selbsteinstufung abgefragt wird), Alter, Geschlecht und Bildung.

  • [1] Da diese Frage als rückwärtsgewandte Frage möglicherweise zu hohe kognitive Anforderungen an die Befragten stellen könnte, haben wir überprüft, ob die Antworten auf diese Frage gleichbedeutend mit der tatsächlichen und gegenwärtigen EU-Einstellung der Befragten sind. Zwar besteht eine – auch theoretisch zu erwartende – hohe Übereinstimmung zwischen beiden Indikatoren. Diese Übereinstimmung ist jedoch zu gering, um von einer äquivalenten Bedeutung beider Fragen für die Befragten auszugehen. Wir sind daher zuversichtlich, dass der von uns gewählte Indikator tatsächlich das Ausmaß der Veränderung hinsichtlich der individuellen EU-Einstellung misst. Wir danken den Gutachtern für den Hinweis auf diese Problematik.
 
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