Forschungs- und Erkenntnisinteresse

Grundsätzlich geht es um die Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Religiosität für die Entwicklung der eigenen Identität. Identitätssichernde Strukturen lösen sich zunehmend auf, wie ich im Theorieteil zur Identitätsentwicklung insbesondere in der Postmoderne verdeutlichen werde. Es werden somit neue Anforderungen an die Menschen gestellt, sich individuell zu stabilisieren bzw. sich in ihrer persönlichen Lebensweise Wege zu suchen, auch im Sinn von Copingstrategien, um Halt zu finden. Hier gilt es die Tragfähigkeit und Akzeptanz von Religiosität, die ebenfalls zunehmend individualisiert gelebt wird, als eine Möglichkeit einer Basisvariablen für eine sinnbildende Struktur im Leben zu erforschen. Damit geht die Frage einher, ob Religiosität in der Postmoderne überhaupt Relevanz im Leben der Menschen hat. Diese Frage ist allein über die Ergebnisse des Religionsmonitors positiv zu beantworten. In meiner Arbeit möchte ich dies qualitativ vertiefen.

Ein weiteres Anliegen ist es, durch die Auseinandersetzung mit der Kategorie Geschlecht in der biographischen Entwicklung Hinweise bzgl. der Reflektion der Geschlechtsrolle bei den interviewten Frauen zu finden und inwieweit ihre Verbindung zu einer geistig-religiösen Ausrichtung, hier zum Buddhismus, einen Einfluss auf die weibliche Identitätsentwicklung hat. Ein anderes Forschungsinteresse war, das Interviewmaterial nach möglichen Hinweisen einer Verbindung zwischen Buddhismus und der weiblichen Identitätsentwicklung zu untersuchen. Eine solche Verbindung, und das nehme ich an dieser Stelle vorweg, hat sich jedoch in der Analyse nicht gezeigt. Die gestellten Fragen weisen auf die Verknüpfung von Biographie und Lernen hin, einen Forschungsbereich, den Sandra Tiefel als „noch in den Kinderschuhen“ steckend (Tiefel, 2005, S. 72) bezeichnet.

Es geht also um die Verknüpfung von Biographie und geistig-religiöser Entwicklung. Damit sind Bereiche berührt, in denen sich in der Gesamtheit aktuell viele rasante und neue Entwicklungen zeigen. Ulrich Beck beschreibt diesen Kontext mit seinem Forschungsdesiderat wie folgt:

„Im europäischen Kontext der individualisierten Moderne gibt es keinen religiösen Glauben mehr, der nicht durch das Nadelöhr der Reflexivität des eigenen Lebens, der eigenen Erfahrung und Selbstvergewisserung hindurchgegangen ist (Ausnahmen bestätigen die Regel). Der Einzelne baut sich seinen religiösen Erfahrungen seine individuelle religiöse Überdachungen, seinen ›heiligen Baldachin‹ (nach Peter Berger, 1980). Das Individuum entscheidet über seinen Glauben, nicht mehr nur oder primär die Herkunft und/oder die religiöse Organisation. Das bedeutet allerdings nicht das Ende der Religion, sondern den Einstieg in die widerspruchsvolle Erzählung der ‚säkularen Religiosität', die es zu entschlüsseln gilt“ (Beck, 2008, S. 30f).

Durch die Explikation signifikanter Erfahrungen (Werbick, in: Simon/ Delgado, 1991, S. 31) in den Biographien der interviewten Frauen, wird der Versuch unternommen, Hinweise zur Entschlüsselung der „säkulären Religiosität“ (ebd.) zu finden.

An dem Zitat von Kraul (s.o.) wird deutlich, dass die Auseinandersetzung mit weiblichen Lebensgeschichten dazu beitragen kann, kreative Zugänge zur Beantwortung der Fragen danach, wie neue Wege der IdentitätsentwicklungsArbeit heute gefunden und gelebt werden können, zu finden. Dies mag auch für den Bereich der Religiosität im speziellen gelten, da Frauen hier traditionell besonders wenig Macht und Einfluss haben und somit weniger zu verlieren haben, was mehr Freiheiten bedeutet, Gegebenes in Frage zu stellen und die Notwendigkeit eigene, neue Antworten zu finden, um sich als Frau einen eigenständigen und gleichberechtigten Wert und Platz im religiösen Kontext zu erarbeiten. Vertiefend kann auf die Lernund Bildungsprozesse der interviewten Frauen die Auseinandersetzung mit dem, was fremd ist, wirken. Die Frauen eint, dass sie sich mehr oder weniger bewusst und gezielt auf ein ihnen fremdes, auch unserer Kultur eher fremdes, religiös-philosophische Konzept einlassen. Die Begegnung mit Fremdem hilft, sich selbst vertrauter zu werden. Es liegen Möglichkeiten darin, Konflikthaftes klarer zu sehen und integrieren zu können.

Rohr fasst die Wesenheit des Fremden in Bezug auf die eigene Identitätsentwicklung zusammen: „Jede Begegnung mit Fremdem ist immer eine Begegnung mit den verdrängten und unbewussten Konflikten der eigenen Identität, mit dem, was uns selbst fremd in uns ist“ (Rohr, 2007, S. 1). Diese Begegnung, so Rohr weiter, gehe mit regressiven Prozessen einher, die Wünsche freisetzen können, die im vertrauten Rahmen nicht ins Bewusstsein kommen. Auch Aufruhr oder Rebellion könne eine Folge sein. (vgl. ebd., S. 7). Zur Begrenzung von regressiven Prozessen werden „Verhaltensanordnungen“ eingesetzt, z.B. ritualisierte Abläufe. So lässt sich vermuten, dass die Hinwendung zu etwas Fremdem, wie es bei den Protagonistinnen dieser Untersuchung in hohem Maße der Fall ist, es die jeweilige Sehnsucht nach die Persönlichkeit erweiternden Anregungen ist, die erfüllt werden soll.

 
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