Daten und Operationalisierung

Die Wahlbeteiligungsquoten für die EU insgesamt wie für die einzelnen Mitgliedsstaaten in den Analysen auf der Aggregatebene stammen von den statistischen Ämtern der EU wie der Mitgliedsländer, aus der Datenbank des Institute for Democracy and Electoral Assistance (IDEA) sowie der Webseite „Parties and Elections in Europe“ (Parties and Elections 2013). Tabelle 1 zeigt die Entwicklung der Wahlbeteiligung im Zeitraum zwischen 1979 und 2009. Sieht man von Belgien und Luxemburg ab, wo bei allen Wahlen die Wahlpflicht galt, ergibt sich in vielen der älteren Mitgliedsländer im Zeitverlauf eine deutliche Abnahme, beispielhaft seien hier Deutschland (von

Tab. 1 Offizielle Wahlbeteiligung bei den Europawahlen 1979 bis 2009. (Quelle: Statistische Ämter der EU und der Mitgliedsstaaten, IDEA, parties-and-elections.de/)

Land

1979

1984

1989

1994

1999

2004

2009

Mittelwert

FR

60,7

56,7

48,7

52,7

47,0

42,8

40,6

49,9

BE

91,6

92,2

90,7

90,7

91,0

90,8

90,4

91,1

NL

57,8

50,6

47,2

35,6

30,0

39,3

36,8

42,5

DE

65,7

56,8

62,4

60,0

45,2

43,0

43,3

53,8

IT

84,9

83,4

81,5

74,8

70,8

73,1

65,1

76,2

LU

88,9

88,8

87,4

88,5

87,3

89,0

90,8

88,7

DK

47,8

52,4

46,2

52,9

50,4

47,9

59,5

51,0

IE

63,6

47,6

68,3

44,0

50,5

58,8

58,6

55,9

UK

32,3

32,6

36,2

36,4

24,0

38,8

34,7

33,6

EL

78,6

77,2

79,9

71,2

75,3

63,4

52,6

71,2

ES

68,9

54,6

59,1

63,0

45,1

44,9

55,9

PT

72,4

51,2

35,5

40,0

38,6

36,8

45,8

SE

41,6

38,8

37,8

45,5

40,9

FI

60,3

31,4

39,4

40,3

42,9

AT

67,7

49,4

42,4

46,0

51,4

MT

82,4

78,8

80,6

PL

20,9

24,5

22,7

CZ

28,3

28,2

28,3

SK

17,0

19,6

18,3

EE

26,8

43,9

35,4

LV

41,3

53,7

47,5

LT

48,4

21,0

34,7

HU

38,5

36,3

37,4

SI

28,3

28,3

28,3

CY

71,2

59,4

65,3

BG

29,2

39,0

34,1

RO

29,5

27,7

28,6

EU

63,0

61,0

58,5

56,8

49,8

45,7

43,0

54,0

EU-9

61,7

58,0

57,9

56,0

47,4

49,9

47,2

54,0

EU-15

56,8

49,8

48,8

46,6

54,9

EU-15+

27,8

28,8

28,3

Mittelwerte für EU, EU-9 (Mitglieder vor 1979), EU-15 (Mitglieder vor Beitrittswelle 2004/2007) und EU-15+ (Beitrittsländer 2004/2007) gewichtet mit Bevölkerungsgröße

65,7 auf 43 %) und Frankreich (von 60,7 auf 40,6 %) genannt. In Dänemark, Irland und Großbritannien hingegen bleibt die Wahlbeteiligung auf einem relativ ähnlichen Niveau. In einigen der Beitrittsländer der Erweiterungsrunde 2004/2007 ist die Teilnahme an Europawahlen besonders schwach. In Polen, Tschechien, Slowenien und Rumänien geht weniger als jeder dritte Bürger zur Wahl, in der Slowakei nicht einmal jeder fünfte.

Die Individualdaten kommen aus den Eurobarometer-Studien (EB 12, 22, 31A, 41-1) und den Europäischen Wahlstudien (European Election Studies (EES)) 1999, 2004, 2009. Alle sieben Umfragedatensätze für die Europawahlen zwischen 1979 und 2009 sind Nachwahlstudien und enthalten daher die Rückerinnerung als Operationalisierung für die Wahlbeteiligung. Auch wenn die Rückerinnerung (im Vergleich zur Wahlabsicht) als der geeignetere und zuverlässigere Indikator für die individuelle Wahlbeteiligung anzusehen ist (Steinbrecher et al. 2007, S. 115–123), wird die reale Beteiligungsquote durch die Informationen aus Umfragen in der Regel überschätzt[1]. Dies zeigt Tabelle 2, in der die Differenz zwischen der Höhe der Wahlbeteiligung in den Ländern der EU aus offiziellen Quellen und in den verwendeten Umfragen für die Europawahlen zwischen 1979 und 2009 dargestellt wird. Für die Ursprungswerte sei auf die Tabellen 1 und 9 im Anhang verwiesen. Das Ausmaß der Überschätzung erreicht häufig zweistellige Prozentpunktwerte. Schweden und Österreich sind mit 33,6 bzw. 30,9 Prozentpunkten Differenz zwischen der realen und der aus der Umfrage geschätzten Wahlbeteiligung bei der Europawahl 2009 die drastischsten Beispiele. Eine Unterschätzung der Wahlbeteiligung tritt nur in wenigen Fällen für Belgien und Luxemburg, also in Ländern mit Wahlpflicht, auf. Wegen dieser systematischen Verzerrung der abhängigen Variable für die Analysen auf der Individualebene ist davon auszugehen, dass die präsentierten Ergebnisse zu konservativen Schätzungen des Effektes der unabhängigen Variablen inklusive der Bewertung der Mitgliedschaft des eigenen Landes in der EU führen. Für die Analysen auf der Aggregatebene gibt es solche Verzerrungen nicht.

„Europaspezifische“ Einstellungen umfassen eine Vielzahl unterschiedlicher Einstellungen zur EU, ihren Institutionen und Akteuren sowie zum Prozess der europäischen Integration. Dazu zählen zum Beispiel Zufriedenheit mit der Demokratie auf europäischer Ebene, die Bewertung von und Vertrauen in Institutionen wie dem Europaparlament oder der Europäischen Kommission, Einstellungen zur Geschwindigkeit oder Tiefe des Integrationsprozesses oder die Bewertung der Mitgliedschaft des eigenen Landes in der EU. Diese Gruppe von Einstellungen kann aber auch kurzfristige Einstellungen wie Kandidaten- und Themenorientierungen bei Europawahlen oder Wissen über die europäische Politik, europäische Institutionen oder Mitglieder der Europäischen Kommission umfassen. Diese Vielfalt an möglichen Kandidaten macht es notwendig, eine Auswahl geeigneter Indikatoren für die Analyse zu treffen.

Tab. 2 Differenz zwischen offizieller Wahlbeteiligung und der in Umfragen gemessenen Wahlbeteiligung bei Europawahlen zwischen 1979 und 2009. (Quelle: Statistische Ämter der EU und der Mitgliedsstaaten, IDEA, parties-and-elections.de/)

Land

1979

1984

1989

1994

1999

2004

2009

Mittelwert

FR

4,2

9,4

7,3

11,9

16,8

17,6

27,1

13,5

BE

4,7

2,4

8,7

4,6

1,8

1,6

0,5

NL

12,0

9,6

14,2

17,3

18,3

28,2

27,3

18,1

DE

5,0

8,6

9,4

16,0

22,3

19,0

28,6

15,6

IT

10,8

8,9

3,5

7,6

15,7

18,4

18,7

11,9

LU

4,9

4,2

5,0

5,4

1,4

9,3

4,5

3,3

DK

20,5

9,7

14,8

15,7

19,0

16,8

29,2

18,0

IE

16,1

23,0

5,6

11,3

21,1

25,6

22,8

17,9

UK

21,7

17,9

18,1

13,7

17,0

19,0

18,2

17,9

EL

12,5

6,8

16,9

13,4

19,1

25,3

15,7

ES

7,5

10,9

18,5

18,4

23,9

15,8

PT

3,9

14,7

18,9

26,4

28,1

18,4

SE

18,4

6,3

33,6

19,4

FI

14,3

25,5

23,7

21,2

AT

14,4

15,4

30,9

20,2

MT

10,3

10,3

PL

12,9

11,1

12,0

CZ

22,2

22,0

22,1

SK

16,4

17,1

16,8

EE

16,0

21,8

18,9

LV

8,2

14,8

11,5

LT

10,5

10,5

HU

13,8

12,0

12,9

SI

10,0

27,2

18,6

CY

7,8

22,3

15,1

BG

20,8

20,8

RO

21,6

21,6

EU

9,1

8,8

8,4

10,8

16,6

17,5

26,9

14,0

EU-9

10,4

11,0

9,4

11,1

19,0

17,7

27,3

15,2

EU-15

56,8

49,8

8,8

6,7

21,1

EU-15+

12,2

24,5

18,4

Mittelwerte für EU, EU-9 (EU-Mitglieder vor 1979), EU-15 (EU-Länder vor Beitrittswelle 2004/2007) und EU-15+ (Beitrittsländer 2004/2007) gewichtet mit Bevölkerungsgröße

Für die folgenden Analysen wird mit der Frage nach der Bewertung der EU-Mitgliedschaft des eigenen Landes einer der Standardindikatoren aus den Eurobarometern und Europäischen Wahlstudien verwendet. Hier müssen die Befragten angeben, ob die Mitgliedschaft ihres Landes ihrer Meinung nach eine gute Sache (+ 1), eine schlechte Sache (1) oder keines von beiden ist (0). Dieser Indikator ist besonders geeignet, da nach Easton (1965) die spezifische Unterstützung eines politischen Systems von dessen Outputs abhängig sein sollte. Die Bürger sollten also ein sehr großes Augenmerk darauf richten, wie ihr Land von der Mitgliedschaft in der EU profitiert. Daneben spricht für die Wahl dieses Indikators auch eine methodische Überlegung: Dies ist die einzige EU-spezifische Unterstützungsvariable, die über die Zeitspanne von 1979 bis 2009 in den Eurobarometern und Europäischen Wahlstudien enthalten ist. Tabelle 3 zeigt den Mittelwert des Unterstützungsindikators in den Ländern der EU im Zeitraum zwischen 1979 und 2009. Es wird deutlich, dass es mit wenigen Ausnahmen (Großbritannien, Tschechien, Schweden, Lettland) in allen Ländern der EU in den hier berücksichtigten Jahren mit Wahlen zum Europaparlament eine im nationalen Mittel eher oder stark positive Einschätzung der Mitgliedschaft in der EU gibt. Das von Easton (1965, 1975) sowie Almond und Verba (1965) geforderte Mindestmaß an Unterstützung ist somit wohl in allen Mitgliedsländern gegeben. In einigen Ländern wie zum Beispiel Dänemark oder Portugal gibt es im Zeitverlauf teilweise sehr starke Veränderungen bzw. Schwankungen.5 Trotz der im Mittel positiven Bewertungen kann man deutlich den „Post-Maastricht-Blues“ erkennen: In fast allen Ländern erreicht der Zustimmungsindikator 1994 seinen niedrigsten Wert. Für die Aggregatanalysen wird der nationale Mittelwert über alle Befragten als Indikator verwendet, auf der Individualebene die persönliche Einschätzung der Befragten.

Auf beiden Analyseebenen wird also nur ein Indikator europaspezifischer Unterstützung verwendet und dieser einem größeren Satz an Kontrollvariablen auf Individual- und Aggregatebene gegenübergestellt. Aufgrund der longitudinalen Herangehensweise dieses Artikels ist es unmöglich, auf der Individualebene alle Standardprädiktoren der Wahlbeteiligung zu berücksichtigen. Hauptziel der Eurobarometer- und EES-Studien war nicht die Erklärung der Teilnahme an Europawahlen. Konstrukte wie die Wahlnorm, interne und externe Efficacy sowie politisches Interesse sind also gar nicht oder nur in ausgewählten Studien abgefragt worden. Dementsprechend beschränken sich die folgenden Ausführungen auf die Wirkung einer Variablenauswahl auf die Wahlbeteiligung bei Europawahlen. Für diese Analysen wird folglich auch zwischen zwei Modellen unterschieden. Eines enthält vollkommen identische Prädiktoren und ist über alle Europawahlen hinweg vergleichbar. Das zweite Modell verfolgt einen maximalen Anspruch und berücksichtigt alle in den jeweiligen Umfragestudien vorhandenen Variablen, ist daher also nicht über die Wahlen hinweg vergleichbar. Zu den Variablen im Basismodell gehören sowohl sozialstrukturelle Eigenschaften (Geschlecht, Alter, Bildung und Urbanisierung) als auch politische Einstellungen (Stärke der Parteiidentifikation und Demokratiezufriedenheit auf nationaler Ebene). Für das erweiterte Modell kommen Religiosität und Klasse, interne und externe Efficacy sowie politisches Interesse hinzu. Das Fehlen von wichtigen Erklärungsvariablen wie der Wahlnorm führt dazu, dass die Bedeutung europaspezifischer Einstellungen für die Erklärung der Wahlbeteiligung in diesen Analysen überschätzt wird.6

Tab. 3 Mittlere Unterstützung der EU-Mitgliedschaft des eigenen Landes 1979 bis 2009. (Quelle: EB 12, 22, 31A, 41-1, EES 1999, 2004, 2009)

Land

1979

1984

1989

1994

1999

2004

2009

Mittelwert

FR

0,58

0,60

0,60

0,28

0,69

0,45

0,53

0,53

BE

0,63

0,63

0,54

0,35

0,42

0,63

0,52

0,53

NL

0,78

0,78

0,78

0,71

0,83

0,50

0,74

0,73

DE

0,66

0,55

0,54

0,18

0,68

0,59

0,63

0,55

IT

0,78

0,73

0,82

0,59

0,71

0,62

0,62

0,70

LU

0,84

0,77

0,66

0,63

0,87

0,85

0,79

0,77

DK

0,14

0,06

0,23

0,35

0,35

0,50

0,54

0,31

IE

0,48

0,29

0,70

0,71

0,73

0,79

0,77

0,64

UK

0,11

0,05

0,44

0,25

0,31

0,04

0,00

0,14

EL

0,33

0,77

0,50

0,65

0,68

0,57

0,58

ES

0,74

0,30

0,70

0,65

0,71

0,62

PT

0,67

0,13

0,78

0,68

0,50

0,55

SE

0,02

0,10

0,39

0,16

FI

0,27

0,26

0,32

0,28

AT

0,34

0,25

0,45

0,35

MT

0,38

0,38

PL

0,36

0,56

0,46

CZ

0,09

0,30

0,11

SK

0,36

0,52

0,44

EE

0,39

0,63

0,51

LV

0,27

0,03

0,15

LT

0,40

0,40

HU

0,52

0,16

0,34

SI

0,57

0,53

0,55

CY

0,69

0,57

0,63

BG

0,44

0,44

RO

0,57

0,57

EU

0,49

0,49

0,62

0,35

0,61

0,47

0,57

0,51

EU-9

0,49

0,49

0,60

0,35

0,62

0,48

0,55

EU-15

0,61

0,49

0,58

0,56

EU-15 +

0,32

0,52

0,42

Gewichtet mit Repräsentativgewicht. EU-9: EU-Mitglieder vor 1979, EU-15: Mitglieder vor Beitrittswelle 2004/2007, EU-15+: Beitrittsländer 2004/2007

  • [1] Für die Überschätzung der Wahlbeteiligung gibt es drei Gründe. Erstens geben einige nichtwählende Befragte absichtlich falsche Informationen hinsichtlich ihrer Beteiligung an, weil sie die Wahlnorm als gesellschaftlich geltende Norm internalisiert haben und die Wahlbeteiligung als sozial wünschenswertes Verhalten gilt. Zweitens können einige Befragte sich in einer Befragung (mehrere Wochen oder gar Monate) nach der Wahl nicht mehr erinnern, ob sie sich beteiligt haben und geben unabsichtlich eine falsche Antwort. Drittens ist es möglich, dass der Fragebogen, sein Design, die Fragen und die Antwortmöglichkeiten zu einer Verzerrung der Antworten führen (Schuman und Presser 1996). In fast allen europäischen Ländern ist eine Validierung der aus Umfragen ermittelten Wahlbeteiligung mit Hilfe von Informationen aus den Wählerverzeichnissen nicht möglich.
 
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