Mikroanalysen

Die Analysen in diesem Abschnitt konzentrieren sich auf die Betrachtung des Effekts europaspezifischer Einstellungen auf die individuelle Wahlbeteiligung bei den Europawahlen zwischen 1979 und 2009. Wie in Abschn. 3 angesprochen, ist die Vergleichbarkeit der Eurobarometer und Europawahlstudien über diesen Zeitraum das größte Problem für eine longitudinale Analyse der Prädiktoren der Wahlbeteiligung. Wegen der begrenzten Verfügbarkeit der einschlägigen Prädiktoren ist eine Aufteilung der Analysen unerlässlich. In einem ersten Schritt wird ein für alle Wahlen identisches Modell gerechnet. Da in diesem Modell außer der Stärke der Parteiidentifikation keiner der Standardprädiktoren aus der Gruppe der politischen Einstellungen enthalten ist, kann man davon ausgehen, dass hier die Bedeutung der Unterstützung der EU-Mitgliedschaft des eigenen Landes überschätzt wird. Im zweiten Schritt wird dann ein Modell berechnet, das alle verfügbaren Prädiktoren auf der Individualebene einschließt. Die Ergebnisse dieser Analysen sind über die sieben Europawahlen hinweg nicht vergleichbar, bieten aber eine bessere Kontrolle und somit konservativere Schätzung des Einflusses und der Bedeutung europaspezifischer Einstellungen für die Beteiligung an Wahlen zum Europäischen Parlament. Im dritten Schritt werden dann in dieses Modell noch Prädiktoren der Aggregatebene aus dem Modell in Abschn. 4.1 integriert, um länderspezifische Unterschiede besser erklären zu können.

Die Tabellen 5, 6 und 7 zeigen die unstandardisierten logistischen Regressionskoeffizienten für die Erklärung der Wahlbeteiligung bei Europawahlen in den einzelnen Wahljahren für das über alle Wahlen vergleichbare Modell (Tab. 5), das Modell mit allen verfügbaren Prädiktoren auf der Individualebene (Tab. 6) und dieses Modell inklusive Variablen auf der Aggregatebene (Tab. 7). Die Analysen berücksichtigen die Klumpung der Befragten auf der Länderebene und in der Analyse nicht explizit eingeschlossene länderspezifische Einflussfaktoren (geclusterte logistische Regression). Die Zweiebenenstruktur der Daten wird so adäquat abgebildet, eine explizite Mehrebenenanalyse ist aufgrund der geringen Zahl an Ländern nicht möglich (Maas und Hox 2005). Da mit den logistischen Regressionskoeffizienten nur Informationen über die Signifikanz und Richtung der Effekte der einzelnen Variablen gewonnen werden können, werden zusätzlich noch durchschnittliche marginale Effekte berechnet, mit denen sich auch die relative Bedeutung von Variablen im Vergleich zu anderen Prädiktoren feststellen lässt. Wegen des Fokus dieses Beitrags auf die Bedeutung europaspezifischer Einstellungen, wird auf eine vollständige Präsentation der durchschnittlichen marginalen Effekte für alle Variablen in den jeweiligen Modellen verzichtet. Tabelle 8 enthält daher lediglich Informationen zum Einfluss der EU-Unterstützungsvariable und zum Rangplatz des durchschnittlichen marginalen Effekts für diese Variable im Vergleich zu den anderen Prädiktoren[1].

Tab. 5 Erklärung der Wahlbeteiligung auf der Individualebene bei den Europawahlen 1979–2009, vergleichbares Modell (Basismodell) über alle Europawahlen. (Quelle: EB 12, 22, 31A, 41-1, EES 1999, 2004, 2009)

Variable

1979

1984

1989

1994

1999

2004

2009

Unterstützung

0,82***

0,69***

0,38***

0,28***

0,36***

0,39***

0,43***

EU-Mitgliedschaft

(0,20)

(0,13)

(0,09)

(0,07)

(0,07)

(0,09)

(0,10)

Demokratiezufrie-

0,41

0,52

0,04

0,03

0,01

0,29

0,30

denheit national

(0,55)

(0,30)

(0,45)

(0,35)

(0,19)

(0,19)

(0,19)

Extremismus

0,11***

0,01

0,02

0,04

0,09**

0,05

0,04*

(0,03)

(0,02)

(0,04)

(0,03)

(0,03)

(0,04)

(0,02)

Stärke PID

1,22***

1,41***

1,49***

1,10***

0,99***

1,43***

0,99***

(0,18)

(0,23)

(0,29)

(0,17)

(0,12)

(0,28)

(0,23)

Mann

0,10

0,10

0,06

0,18*

0,04

0,04

0,04

(0,06)

(0,19)

(0,08)

(0,07)

(0,09)

(0,03)

(0,05)

Alter

0,07***

0,06***

0,05*

0,05**

0,01

0,06**

0,05***

(0,01)

(0,02)

(0,02)

(0,02)

(0,02)

(0,02)

(0,01)

Alter quadriert

0,01***

0,00***

0,00

0,00**

0,00

0,00

0,00***

(0,00)

(0,00)

(0,00)

(0,00)

(0,00)

(0,00)

(0,00)

Bildung

0,06

0,02

0,05

0,15***

0,17

0,12***

0,18***

(0,06)

(0,06)

(0,06)

(0,04)

(0,09)

(0,03)

(0,04)

Urbanisierung

0,37**

0,62***

0,19

0,57***

0,32

0,07

0,11

(0,11)

(0,12)

(0,12)

(0,13)

(0,20)

(0,13)

(0,14)

Konstante

1,23

0,97

1,00

0,99*

1,09**

2,43***

2,20***

(0,65)

(0,57)

(0,68)

(0,41)

(0,39)

(0,32)

(0,41)

Nagelkerkes R2

0,17

0,16

0,10

0,10

0,12

0,16

0,08

N

6.377

7.163

6.230

6.649

7.314

15.663

19.803

Logistische Regression mit auf der Ebene der Mitgliedsstaaten geclusterten Befragten, unstandardisierte Koeffizienten, robuste Standardfehler in Klammern

*p < 0,05; **p < 0,01; ***p < 0,001

Die Ergebnisse für das Basismodell in Tabelle 4 zeigen für alle Europawahlen zwischen 1979 und 2009 einen positiven signifikanten Effekt des Unterstützungsindikators für die EU-Mitgliedschaft. Personen, welche die Mitgliedschaft des eigenen Landes in der EU positiv bewerten, zeigen also eine größere Bereitschaft, sich an der Europawahl zu beteiligen. Gemessen an den durchschnittlichen marginalen Effekten ist der Einfluss dieses Indikators bei den Wahlen 1979 (0,133) und 1984 (0,126) besonders stark (Tab. 8). Ab 1989 schwächt sich die Bedeutung der Zufriedenheit mit der Mitgliedschaft des eigenen Landes in der EU für die Erklärung der Wahlbeteiligung ab. Eine Verbesserung der Bewertung der EU-Mitgliedschaft des eigenen Landes um einen Skalenpunkt erhöht die Wahrscheinlichkeit der Wahlbeteiligung durchschnittlich zwischen 4,6 und 7,7 Prozentpunkten. Allerdings ist die europaspezifische Einstellung damit immer noch der zweitoder drittstärkste Prädiktor im Basismodell. Aufgrund des Fehlens wichtiger Erklärungsvariablen der Wahlbeteiligung wird das Modell eindeutig von der Stärke der Parteiidentifikation dominiert. Erwartungsgemäß haben Befragte mit einer starken Parteibindung eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, an einer Europawahl teilzunehmen.

Tab. 6 Erklärung der Wahlbeteiligung auf der Individualebene bei den Europawahlen 1979–2009, Maximal-Modell. (Quelle: EB 12, 22, 31A, 41-1, EES 1999, 2004, 2009)

Variable

1979

1984

1989

1994

1999

2004

2009

Unterstützung

0,82***

0,67***

0,33***

0,22**

0,27**

0,32***

0,32***

EU-Mitgliedschaft

(0,20)

(0,12)

(0,08)

(0,07)

(0,08)

(0,09)

(0,08)

Demokratiezufrieden-

0,41

0,51

0,08

0,02

0,20

0,27

0,22

heit national

(0,55)

(0,31)

(0,38)

(0,32)

(0,17)

(0,19)

(0,17)

Extremismus

0,11***

0,02

0,05

0,06

0,11***

0,05

0,03

(0,03)

(0,03)

(0,04)

(0,04)

(0,03)

(0,04)

(0,02)

Stärke PID

1,22***

1,36***

1,31***

0,95***

0,72***

1,16***

0,67**

(0,18)

(0,22)

(0,35)

(0,21)

(0,13)

(0,27)

(0,25)

Politisches Interesse

0,44

0,51

0,64*

1,23***

1,53***

(0,49)

(0,37)

(0,27)

(0,16)

(0,22)

Interne Efficacy

1,40***

(0,24)

Externe Efficacy

0,37**

(0,13)

Mann

0,10

0,17

0,11

0,24*

0,02

0,02

0,09

(0,06)

(0,20)

(0,09)

(0,10)

(0,09)

(0,05)

(0,07)

Alter

0,07***

0,06***

0,05*

0,04*

0,01

0,05**

0,05***

(0,01)

(0,01)

(0,02)

(0,02)

(0,02)

(0,02)

(0,01)

Alter quadriert

0,01***

0,00***

0,00

0,00

0,00

0,00

0,00***

(0,00)

(0,00)

(0,00)

(0,00)

(0,00)

(0,00)

(0,00)

Bildung

0,06

0,01

0,00

0,05

0,07

0,02

0,04

(0,06)

(0,06)

(0,05)

(0,05)

(0,05)

(0,03)

(0,04)

Urbanisierung

0,37**

0,53***

0,13

0,53***

0,35

0,09

0,10

(0,11)

(0,09)

(0,12)

(0,14)

(0,20)

(0,11)

(0,13)

Religiosität

0,79***

1,20***

1,12***

0,97***

0,91***

0,06

(0,09)

(0,15)

(0,23)

(0,23)

(0,25)

(0,20)

Klasse

0,14

0,75*

0,50

0,33

0,70***

(0,29)

(0,32)

(0,36)

(0,20)

(0,15)

Konstante

1,23

1,65***

1,49*

1,41***

2,24***

2,87***

2,57***

(0,65)

(0,44)

(0,68)

(0,39)

(0,41)

(0,35)

(0,33)

Nagelkerkes R2

0,17

0,18

0,12

0,13

0,18

0,20

0,11

N

6.377

7.163

6.230

6.649

7.314

15.663

19.803

Logistische Regression mit auf der Ebene der Mitgliedsstaaten geclusterten Befragten, unstandardisierte Koeffizienten, robuste Standardfehler in Klammern

*p < 0,05; **p < 0,01; ***p < 0,001

Für eine konservativere Schätzung der Bedeutung europaspezifischer Einstellungen für die Erklärung der Wahlbeteiligung auf Individualebene sei auf Tabelle 6 verwiesen. Hier werden zusätzliche politische Einstellungen und sozialstrukturelle Eigenschaften in der Analyse berücksichtigt, die allerdings dazu führen, dass die Modelle über die Wahlen hinweg nicht mehr vergleichbar sind. Auch in diesen umfassenderen Modellen zeigt sich stets ein positiver signifikanter Effekt des EUUnterstützungsindikators. Europaskeptiker sind demnach weniger bereit zur Beteiligung an Europawahlen als Europabefürworter. Die relative Stärke und Bedeutung der hier verwendeten europaspezifischen Einstellung ist insbesondere bei den Wahlen ab 1989 relativ gering (Tab. 8): Die durchschnittlichen marginalen Effekte variieren zwischen 3,6 und 6 Prozentpunkten. Der Rangplatz der EU-Unterstützung in der

Tab. 7 Erklärung der Wahlbeteiligung auf der Individualebene bei den Europawahlen 1979–2009, Maximal-Modell und zusätzliche Prädiktoren der Aggregatebene. (Quelle: EB 12, 22, 31A, 41-1, EES 1999,

2004, 2009)

Variable

1979

1984

1989

1994

1999

2004

2009

Unterstützung

0,50**

0,52**

0,19**

0,18**

0,15*

0,26**

0,24*

EU-Mitgliedschaft

(0,18)

(0,16)

(0,07)

(0,05)

(0,06)

(0,08)

(0,11)

Demokratiezufrie-

0,31***

0,06

0,41**

0,39

0,17

0,39***

0,29**

denheit national

(0,08)

(0,32)

(0,13)

(0,25)

(0,09)

(0,11)

(0,11)

Extremismus

0,10***

0,02

0,04

0,02

0,07***

0,03

0,03*

(0,02)

(0,02)

(0,04)

(0,03)

(0,02)

(0,03)

(0,02)

Stärke PID

1,09***

1,37***

1,00***

0,86**

0,66***

0,85***

0,49**

(0,19)

(0,27)

(0,21)

(0,25)

(0,17)

(0,10)

(0,18)

Politisches

0,94**

1,01***

1,03***

1,49***

1,63***

Interesse

(0,28)

(0,17)

(0,08)

(0,06)

(0,18)

Interne Efficacy

1,34***

(0,23)

Externe Efficacy

0,40***

(0,10)

Mann

0,08

0,14

0,02

0,19

0,01

0,06*

0,11

(0,05)

(0,19)

(0,08)

(0,10)

(0,09)

(0,03)

(0,07)

Alter

0,07***

0,07***

0,05*

0,04

0,03

0,05***

0,05***

(0,01)

(0,02)

(0,02)

(0,02)

(0,02)

(0,01)

(0,01)

Alter quadriert

0,00***

0,00***

0,00

0,00

0,00

0,00

0,00***

(0,00)

(0,00)

(0,00)

(0,00)

(0,00)

(0,00)

(0,00)

Bildung

0,00

0,07

0,04

0,05

0,06

0,03

0,08

(0,06)

(0,04)

(0,05)

(0,03)

(0,05)

(0,03)

(0,04)

Urbanisierung

0,31*

0,57***

0,13

0,49***

0,26***

0,21

0,13

(0,13)

(0,13)

(0,16)

(0,14)

(0,07)

(0,12)

(0,12)

Religiosität

0,56***

0,90***

0,97***

0,73***

0,51***

0,03

(0,08)

(0,20)

(0,20)

(0,16)

(0,08)

(0,11)

Klasse

0,10

0,19

0,25

0,30

0,50***

(0,19)

(0,12)

(0,26)

(0,18)

(0,10)

Erste Europawahl

0,80*

(0,32)

Gleichzeitige

0,16

0,73**

0,78

1,70**

0,67

0,45

1,21***

nationale Wahl

(0,63)

(0,28)

(0,58)

(0,61)

(0,38)

(0,27)

(0,26)

Abstand vom

0,81

1,18

0,97

0,43

0,43

0,17

0,41

Mittelpunkt des

Hauptwahlzyklus

(0,82)

(0,71)

(0,65)

(0,79)

(0,54)

(0,20)

(0,26)

Wahlpflicht

2,98***

1,97***

1,87***

0,75

1,75**

1,26**

0,72**

(0,44)

(0,25)

(0,25)

(0,38)

(0,66)

(0,39)

(0,22)

Sonntag als

0,06

0,45***

0,16

1,03**

1,03*

0,74***

0,24

Wahltag

(0,21)

(0,07)

(0,25)

(0,34)

(0,50)

(0,11)

(0,22)

Kommunistische

0,36

0,66***

Vergangenheit

(0,40)

(0,14)

Unterstützung

0,03

0,38

0,93

0,16

0,69

1,26***

0,20

EU-Mitgliedschaft

agg.

(1,22)

(0,30)

(0,89)

(1,20)

(0,52)

(0,22)

(0,46)

Demokratiezufrie-

0,07

2,41*

4,76***

1,70

8,59

0,02

0,20

denheit national

agg.

(1,79)

(1,03)

(1,36)

(1,96)

(4,81)

(0,60)

(1,07)

Tab. 7 (Fortsetzung)

Variable

1979

1984

1989

1994

1999

2004

2009

Extremismus agg.

1,60*

2,75

1,74

0,07

1,47

0,77

0,47

(0,72)

(1,64)

(1,07)

(0,94)

(1,03)

(0,43)

(0,28)

Konstante

1,35

3,78

8,07**

1,85

10,87**

3,74***

4,07***

(1,46)

(3,41)

(2,37)

(1,71)

(3,71)

(0,61)

(1,05)

Nagelkerkes R2

0,26

0,27

0,21

0,21

0,28

0,25

0,14

N

6.377

7.163

6.230

6.649

7.314

15.663

19.803

Logistische Regression mit auf der Ebene der Mitgliedsstaaten geclusterten Befragten, unstandardisierte Koeffizienten, robuste Standardfehler in Klammern

*p < 0,05; **p < 0,01; ***p < 0,001

Reihe der Prädiktoren der Beteiligung bei Europawahlen schwankt zwischen 3 und 6. Bei zusätzlicher Berücksichtigung einiger klassischer Erklärungsvariablen der Wahlbeteiligung nimmt also – wenig überraschend – die relative Bedeutung EU-spezifischer Unterstützung als Prädiktor des Urnengangs bei Europawahlen ab. Wesentlich wichtiger für die Vorhersage der Stimmabgabe sind andere, nicht-europabezogene politische Einstellungen wie die Stärke der Parteiidentifikation, das politische Interesse oder interne und externe Efficacy, die alle in der erwarteten Richtung auf die individuelle Bereitschaft zur Wahlteilnahme einwirken.

Die Erweiterung des Analysemodells um die Prädiktoren auf der Aggregatebene aus Abschn. 4.1 führt zu einem weiteren relativen Bedeutungsverlust der individuellen Unterstützung der EU-Mitgliedschaft des eigenen Landes für die Erklärung der Wahlbeteiligung. Der Effekt dieser Variable ist für die einzelnen Wahljahre immer noch durchgängig positiv und stets statistisch signifikant (Tab. 7), aber die durchschnittlichen marginalen Effekte bewegen sich nur noch im Bereich zwischen 2,6 und 8,7 Prozentpunkten (Tab. 8). Wie für die weniger komplexen Modellierungen zeigt sich auch hier insbesondere ab der Europawahl 1989 ein vergleichsweise schwacher Erklärungsbeitrag des EU-Indikators für die Erklärung der Wahlbeteiligung. Im Vergleich zu den anderen Prädiktoren im Modell rangiert die Erklärungsleistung – mit Ausnahme der ersten Wahl 1979 – stets auf dem 7. Platz oder schlechter. Neben den allgemeinen politischen Einstellungen sind auch einige der Makrofaktoren wichtiger für die Vorhersage der individuellen Wahlbeteiligung als prooder antieuropäische Orientierungen.

Interessant ist zuletzt noch ein Blick auf den Einfluss der Unterstützung der EU auf Landesebene auf die individuelle Neigung, an Europawahlen teilzunehmen. Diese Variable hat mit Ausnahme der Wahl 2004 nie einen signifikanten Effekt. Bei dieser Wahl ist die Wahrscheinlichkeit der Wahlbeteiligung in europafreundlicheren Ländern höher. Die generelle europapolitische Stimmung in einem Land hat also nur in ausgewählten Fällen eine Wirkung auf individuelle Wahlentscheidungen bei Europawahlen. Hypothese 3 kann also im Gegensatz zu den Hypothesen 1 und 2 nicht bestätigt werden.

Insgesamt zeigt sich, dass europaspezifische Einstellungen für die Erklärung der Wahlbeteiligung bei Europawahlen zwischen 1979 und 1984 deutlich wichtiger waren als bei den Wahlen seit 1989. Betrachtet man nur die Länder, die 1979 schon EU-Mitglied waren, über den gesamten Zeitraum, zeigt sich eine vollständig identische Entwicklung. Das Niveau der marginalen Effekte weicht (bis auf eine Aus-

Tab. 8 Durchschnittliche marginale Effekte der EU-Unterstützungsvariable auf die individuelle Wahlbeteiligung bei Europawahlen und ihre relative Bedeutung. (Quelle: EB 12, 22, 31A, 41-1, EES 1999,

2004, 2009)

Basismodell

1979

1984

1989

1994

1999

2004

2009

Durchschnittlicher marginaler Effekt

13,3

12,6

6,2

4,6

7,5

7,5

7,7

Rangplatz

2

2

2

3

2

2

2

Maximalmodell

Durchschnittlicher marginaler Effekt

13,3

12,1

5,3

3,6

5,4

6,0

5,6

Rangplatz

2

3

3

6

5

4

5

Maximalmodell incl. Aggregatvariablen

Durchschnittlicher marginaler Effekt

7,6

8,7

2,9

2,6

2,8

4,6

3,9

Rangplatz

4

7

7

7

8

9

9

Die Berechnungen basieren auf den Modellen in den Tab. 5–7. Durchschnittliche marginale Effekte in Prozent. Auf die Darstellung der durchschnittlichen marginalen Effekte der übrigen Variablen wird verzichtet

nahme) für diese neun Länder lediglich um maximal einen Prozentpunkt von den Werten in Tabelle 8 ab (tabellarisch nicht ausgewiesen). Dieser Vergleich zeigt, dass Kompositionseffekte nicht die Ursache für den deutlich geringeren Erklärungsbeitrag des Unterstützungsindikators seit 1989 sein können, sondern dass es allgemeine Trends oder Periodeneffekte geben muss – genau ist das aber mit dem hier gewählten Analysedesign nicht zu identifizieren.

  • [1] Die Analysen werden für alle zum jeweiligen Zeitpunkt in der EU befindlichen Mitgliedsstaaten berechnet. Veränderungen in der Bedeutung europaspezifischer Einstellungen für die Wahlbeteiligung bei Europawahlen über die Zeit hinweg könnten daher schon durch die unterschiedliche Zusammensetzung der Länder in den einzelnen Wahljahren entstehen. Um zwischen Kompositions- und Periodeneffekten zu unterscheiden, wurden zusätzlich getrennte Analysen für die neun Mitgliedsländer der EU zum Zeitpunkt der ersten Direktwahl 1979 berechnet. Diese Ergebnisse zeigen sowohl für die unstandardisierten logistischen Regressionskoeffizienten wie für die durchschnittlichen marginalen Effekte geringfügige und unsystematische Unterschiede, so dass auf eine separate Darstellung dieser Analyseergebnisse verzichtet wird. Die Ergebnisse sind vom Autor auf Nachfrage erhältlic
 
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