Zusammenfassung und Diskussion

Ziel dieses Beitrages war es, den Einfluss europaspezifischer Einstellungen auf die Wahlbeteiligung bei Europawahlen zwischen 1979 und 2009 zu analysieren. Die verschiedenen Analysen zeigen eindeutig, dass Unterstützung für Europa und positive Bewertungen der europäischen Integration von Bedeutung für die Erklärung der Wahlbeteiligung bei Europawahlen sind. Während auf der Aggregatebene europafreundlichere Länder ein höheres Beteiligungsniveau bei den Wahlen zum Brüsseler und Straßburger Parlament aufweisen, ergibt sich für die Individualebene, dass Befragte, welche die europäische Integration positiv bewerten, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, sich an Europawahlen zu beteiligen. Dieser Befund bestätigt sich auch, wenn man einen umfassenden Satz an Prädiktoren auf der Individual- und Aggregatebene als Kontrollvariablen mit in die Analysen einschließt. Damit sind die hier präsentierten Ergebnisse im Einklang mit der Mehrheit der Beiträge in diesem Forschungszweig (Blondel et al. 1998; Frognier 2002; Inglehart und Rabier 1979; Mattila 2003; Rabier 1984; Rosema 2007; Roth 2004; Schmitt 1996, S. 146; Steinbrecher et al. 2007, S. 273–283, 285–287; Steinbrecher und Rattinger 2012a; Stockemer 2012).

Unterstützung für die EU ist allerdings nur ein relevanter Prädiktor für die Wahlbeteiligung unter vielen und auch in der Regel nicht der erklärungsstärkste, d. h. weitgehend lässt sich die individuelle Abstinenz bei Europawahlen bzw. niedrigere nationale Beteiligungsraten durch dieselben Faktoren erklären wie die Wahlbeteiligung bei nationalen Parlamentswahlen. Dennoch erscheint es auf der Basis der hier präsentierten Ergebnisse ratsam, Modelle zur Erklärung der Wahlbeteiligung bei Europawahlen um europaspezifische Einflussfaktoren zu ergänzen, also stärker ebenenspezifisch zu denken und zu modellieren.

Ein weiteres eindeutiges Ergebnis der Analysen ist, dass die Bedeutung des EUUnterstützungsindikators, unabhängig von der Zahl und der Art der verwendeten Kontrollvariablen, seit der Europawahl 1989 deutlich geringer als bei den ersten beiden Wahlen 1979 und 1984 ist. Über Gründe für die Bedeutungsabnahme kann an dieser Stelle nur spekuliert werden: Zum einen wird die europäische Ebene von den Bürgern als unwichtiger wahrgenommen als die nationale oder die regionale Ebene (Decker et al. 2013, S. 42) und das trotz einer objektiv gestiegenen Wichtigkeit des Europäischen Parlaments im Untersuchungszeitraum. Möglicherweise scheinen die Bürger gelernt zu haben, dass Europawahlen im Vergleich zu nationalen Parlamentswahlen keine große Bedeutung haben und die Konsequenzen der Wahlergebnisse sich in sehr engen Grenzen halten. So haben weder Integrationsbefürworter noch -gegner einen großen Anreiz, an Europawahlen teilzunehmen. Zum anderen könnten Europaskeptiker in vielen europäischen Ländern bei den Europawahlen seit Ende der 1980er Jahre einen größeren Anreiz gehabt haben, ihre Stimme bei Europawahlen abzugeben, haben sich doch in vielen Ländern europaskeptische oder anti-europäische Parteien im Parteiensystem etabliert. Insofern könnte Gegnerschaft oder Skepsis gegenüber der europäischen Integration bei den zurückliegenden Wahlen zum Europäischen Parlament auch ein explizites Motiv für eine Stimmabgabe gewesen sein. Dies würde erklären, warum der Zustimmungsindikator in den hier präsentierten Analysen relativ gesehen unwichtiger für die Erklärung der Wahlbeteiligung wird.

Hier wäre ein Ansatzpunkt für weiterführende Analysen im Kontext der in diesem Artikel bearbeiteten Fragestellung. Wie in den vorangehenden Abschnitten mehrfach erwähnt, fehlen in den verwendeten Umfragestudien wichtige Prädiktoren der Wahlbeteiligung auf der Individualebene. Daher ist davon auszugehen, dass der Einfluss des hier genutzten europaspezifischen Indikators auf die Wahlbeteiligung überschätzt wird. Zukünftige Europawahlstudien sollten sich darum bemühen, alle Standardprädiktoren der Wahlbeteiligung einzubeziehen und so angemessenere Erklärungsmodelle möglich zu machen.

Hinzu kommt, dass bei der großen Zahl an Befragten in den verwendeten Individualdatensätzen (insbesondere nach der EU-Osterweiterung 2004/2007) jeder nur annähernd starke Effekt in einem globalen Modell für Befragte in allen EU-Ländern hergebrachte statistische Signifikanzkriterien nahezu automatisch erfüllt. Vergleichbare Analysen für die EU-9 (siehe 4.2) wie auf der Länderebene zeigen allerdings (Steinbrecher und Rattinger 2012a), dass auch bei disaggregierter bzw. länderspezifischer Betrachtung in einer Vielzahl von Ländern und Wahljahren signifikante positive Effekte europaspezifischer Einstellungen auf die individuelle Wahlbeteiligung festgestellt werden können. Hier wäre besonders eine langfristige Untersuchung auf der Länderebene gewinnbringend. Denn wie Tabelle 3 zeigt, bewerten die Europäer in allen Ländern über den ganzen Untersuchungszeitraum die Mitgliedschaft des eigenen Landes zwar positiv, allerdings auf sehr unterschiedlichem Niveau. Gegebenenfalls würden sich auf Länderebene wesentlich pointiertere Effekte zeigen, die sich auf europäischer Ebene gegenseitig neutralisieren.

Weiterhin hätten auf der Aggregatebene zusätzliche Prädiktoren in den Modellen berücksichtigt werden können. Verschiedene Beiträge haben die Relevanz ökonomischer Indikatoren für die Erklärung der Wahlbeteiligung bei Europawahlen bestätigen können (z. B. Fauvelle-Aymar und Stegmaier 2008; Flickinger und Studlar 2007; Stockemer 2012). Diese könnten als objektive Indikatoren des Nutzens der EU-Mitgliedschaft besonders gut als Kontrollvariablen des hier verwendeten Mitgliedschaftsindikators dienen.

Beleuchtet man die hier präsentierten Ergebnisse aus einer normativen Perspektive, so müssen sich Befürworter der europäischen Integration wie Vertreter der europäischen Institutionen trotz des niedrigen und über die Zeit gesunkenen Niveaus der Wahlbeteiligung bei Europawahlen zumindest keine Sorgen darüber machen, dass Europaskeptizismus eine wesentliche Ursache der Wahlabstinenz ist. Vielmehr ist dies nur ein Motiv unter vielen. Ob dies angesichts der weiter schwelenden Eurokrise auch weiterhin zutrifft, werden die Europawahl 2014 und weitere empirische Analysen zeigen müssen.

 
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