Wie sinnvoll ist personalisierte Ernährung?

Eine Speichelprobe einschicken und anschließend eine individuelle Liste mit Lebensmitteln bekommen, die einen schlank und gesund halten: Genau das verspricht das Konzept der „Personalised Nutrition". Warum es auf einer richtigen Erkenntnis beruht, aber dennoch nicht zu empfehlen ist...

Individualisierung ist einer DER Trends unserer Gesellschaft, auch vor der Medizin macht sie nicht halt. Gut so! Denn die Forschung offenbart zum Beispiel immer stärker, dass Medikamente unterschiedlich wirken, je nachdem ob ein Mann oder eine Frau sie nimmt. Und auch die Ernährungstherapie bezieht geschlechtsspezifische Unterschiede zunehmend ein. Das Konzept der „personalisierten Ernährung" treibt das Ganze jedoch auf die Spitze und damit ein gutes Stück zu weit!

Darauf beruht die personalisierte Ernährung

Jeder von uns verstoffwechselt Nahrung unterschiedlich: Beispielsweise reagiert der Blutzucker einiger weniger Menschen nach einer Scheibe Vollkornbrot stärker als nach Weißmehltoast. Andere erleben rasante Blutzuckeranstiege nach Eiweißreichem wie Nüssen, obwohl die Kurve dabei im Normalfall flach bleibt. Es ist wie bei Medikamenten: 95 Prozent der Menschen vertragen ein Antibiotikum gut, die anderen leiden an starken Nebenwirkungen. Die Ursachen für Unterschiede im Stoffwechsel liegen in den Genen und in sogenannten epigenetischen Modulatoren: Inhaltsstoffen der Nahrung etwa, die die Aktivität unserer Gene steuern und damit auch unseren Stoffwechsel beeinflussen, beispielsweise über das Mikrobiom. Aus all diesen Beobachtungen haben verschiedene Unternehmen nun ein Geschäftsmodell abgeleitet. Ihr Versprechen: Wer seine DNA oder seine Darmflora analysieren lässt, erhält verborgene Informationen zu seinem Stoffwechsel. Und erfährt so ganz individuell, was er essen sollte, um erfolgreich Gewicht zu verlieren und gesund zu leben.

Was das große Problem dabei ist

In der Theorie klingt das Konzept schlüssig. In der Praxis aber ist es verfrüht und fahrlässig, beim jetzigen Stand der Forschung aus allgemeinen Beobachtungen konkrete Ernährungsempfehlungen abzuleiten. Ein Beispiel sind die „Stoffwechseltypen": Ein DNA-Test soll zeigen können, ob jemand etwa zu den Jägern" gehört, also Eiweißreiches wie Fleisch besonders gut verstoffwechselt, oder aber als „Sammler" eher die Kohlenhydrate, feder seriöse Wissenschaftler, der zur

Beziehung zwischen Genom, Ernährung und Gesundheit forscht, würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Denn im Moment sucht die Wissenschaft noch nach Regelmäßigkeiten in den Auffälligkeiten unseres Stoffwechsels und nach Gründen, die diese erklären. Erst wenn sie gefunden sind - und das wird noch einige Jahre dauern -, lassen sich tatsächlich Ernährungstypen bestimmen und personalisierte Ernährungstipps ableiten.

DNA-Konzept verliert den Genuss aus dem Blick

Hinzu kommt: Die Gene verraten möglicherweise, warum der eine leichter Bauchfett ansetzt als der andere, nicht aber, was uns schmeckt! Und so erhalten Menschen, die ihre DNA analysieren lassen, eine schnöde Lebensmittelliste, unabhängig von den persönlichen Vorlieben. Da erfährt dann im Zweifelsfall der Nudelfan, dass er möglichst nur noch Omeletts essen sollte, und der übergewichtige Zuckerkranke erhält den Rat, mehr Getreide und Obst zu sich zu nehmen, obwohl genau der hohe Kohlenhydrat- und Fruktose-Konsum am Anfang von Adipositas und Diabetes stand. Kurzum: Personalisierte Ernährung ist aktuell nichts als eine teure Diät - und damit wirkungsloser Humbug!

Was Sie wirklich weiterbringt: Ein Blutbild beim Arzt oder

Ernährungsmediziner ist die seriösere und günstigere

Möglichkeit, mehr über seine individuelle Nährstoffversorgung zu erfahren. Außerdem kennt der Arzt Vorerkrankungen des Patienten: So kann er im Befundgespräch wirklich individuelle Strategien für eine optimierte Ernährung entwickeln. Mithilfe einer Ernährungstherapie kann der Patient diese dann anpassen und sich bei der Umsetzung coachen lassen. Unterstützung erhalten Sie in den Schwerpunktpraxen für Ernährungsmedizin, zu finden unter www.bdem.de.

 
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