Der Lebenszyklus in der Postmoderne

Friedrich Schweitzer beschreibt für die Postmoderne grundlegende Veränderungen im gesamten Lebenszyklus einschließlich der Herausbildung neuer Lebensphasen.

Die Auseinandersetzung mit der Kindheit ergibt, dass sich im Vergleich mit der Beschreibung der Kindheit in der Moderne insbesondere die Themen Sicherheit, Kontinuität und Halt durch die Herkunftsfamilie in Richtung Belastungen und Übergänge verschoben haben, denen das Kind ausgesetzt ist, und dass ihm eine stabile Grundlage aufgrund eines fehlenden entsprechenden Zuhauses verwehrt bleibt. Die Adoleszenz ist lt. Schweitzer in der Postmoderne gekennzeichnet von Erfahrungen mit „pluralen Identitäten“ (Schweitzer, 2003, S. 167). Diese stellen deutlich andere Anforderungen an die Jugendlichen wie sie im Lebenszyklus der Moderne von Erikson formuliert werden, in dessen Konzept es in dieser Lebensphase um die Herausbildung der eigenen Identität ging. Eine neue Lebensphase wird im Anschluss an die Adoleszenz beschrieben, die sogenannte „Postadoleszenz“ (ebd., S. 69ff) oder „emerging adulthood“ (Seiffge-Krenke, 2012, S. 11). Damit verschiebt sich die zuvor der Adoleszenz zugeordnete Identitätskrise in die Postadoleszenz. Die jungen Menschen verbleiben länger im Elternhaus, schließen später Berufsausbildung bzw. Studium ab und beginnen somit ebenfalls später mit der Berufstätigkeit.

Die Experimentierphase mit Partnerschaft verlängert sich und verbindliche Lebenspartnerschaften, ob mit oder ohne Trauschein, sowie Elternschaft, werden ebenfalls in einem späteren Lebensalter realisiert. [1] Eine Begründung für diese Entwicklung ist die zunehmende Zukunftsangst (vgl. ebd., S. 13). Schweitzer sieht in dieser dem Erwachsenenalter vorgelagerten Phase Entwicklungsaufgaben im Bereich der „Glaubensentwicklung und der religiösen Bindung und Entfremdung“ (Schweitzer, 2003, S. 167). Dies korrespondiert mit der allgemeinen Identitätsdiffusion, die der Postadoleszenz zugeschrieben wird.

Die der Moderne idealtypisch zugeschriebenen linearen Entwicklungen des Erwachsenenalters mit Qualitäten wie Autonomie, Rationalität und zunehmendem Erfolg sind in Frage gestellt. Das waren sie zwar bereits in der Moderne durch feministische Kritik und Sichtweisen, die herausarbeiteten, dass Menschen niemals komplett autonom sind und Bindung als Grundlage für eine stabile Persönlichkeit und Identität benötigen. In der Postmoderne jedoch geht es um das grundlegende Infrage stellen jeglicher Selbstverständlichkeit, insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden Veränderungen durch die Globalisierung und hier speziell durch die Ökonomie. Für Deutschland stellen die Felder Wandel der Arbeit, Krise von Ehe und Familie, der Einfluss der Medien und die religiöse Situation besondere Herausforderungen an die Menschen im sogenannten Erwachsenenalter (vgl. ebd., S. 121f).

Für das Alter hat Friedrich Schweitzer eine weitere neue Phase im Lebenszyklus der Menschen herausgestellt: im ‚dritten Alter' geht es um die Menschen, die aus dem Arbeitsprozess herausgetreten sind, die in der Regel keine Kinder mehr versorgen müssen und die nun Zeit haben für all die Dinge, die in der aktiven Arbeitsphase zu kurz kamen. Oftmals haben Menschen der Altersspanne zwischen ca. 60 und 75 Jahren ein nochmals aktualisiertes bzw. erhöhtes Bildungsbedürfnis. Es gibt zunehmend Bildungsreisen, Angebote von außerschulischen Bildungsträgern oder auch universitäre Angebote, die sich an diese Altersgruppe richten.

Der letzte Lebensabschnitt, das ‚hohe Alter' genannt, ist die Phase, in der es eher schon um den Rückzug aus dem aktiven Leben geht, Pflegeund Versorgungsbedürftigkeit eintritt, körperliche Krankheiten und Schwächen deutlich zunehmen und nun spätestens die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit und dem nahenden Tod beginnt.

  • [1] Von den 25jährigen Deutschen lebten 2009 z.B. noch jede/r Dritte bei den Eltern und nur 8% waren verheiratet (im Vergleich waren 1950 bereits 50% mit 24 Jahren verheiratet). Zugleich haben 17% gearbeitet, 40% waren in der Lehre und 43% im Studium. (vgl. Seiffge-Krenke, 2012, S. 12f).
 
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