Inwieweit bestimmen die Gene, wie gut wir Nahrung verarbeiten?

Wenn das Erbgut über unsere Haarfarbe entscheidet und zumindest zum Teil auch über unser Wesen, bestimmt es dann nicht auch mit, wie schnell oder langsam wir Lebensmittel verstoffwechseln? Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass an der „Die Gene sind schuld an Übergewicht“-These einiges dran ist.

„Habe ich vielleicht einfach schlechte Gene?" Diese Frage stellen mir häufig insbesondere übergewichtige Diabetes-Patienten. Zum Teil ja, kann ich dann sagen. Denn die Erbanlagen bestimmen in hohem Maß mit darüber, was wir gern essen, wie wir Nahrung verstoffwechseln und wie schnell wir Hunger bekommen. Zum einen hat uns die Evolution über Jahrhunderttausende hinweg Mechanismen eingeprägt, die unser Essverhalten im Alltag bis heute beeinflussen. Zum anderen regeln Genmutationen unseren Stoffwechsel mit: Eine von diesen sorgt beispielsweise dafür, dass die Körperzellen einiger Menschen mehr Glukose aufnehmen können als die anderer. Da diese jedoch generell nur eine begrenzte Menge Zucker direkt umzusetzen vermögen, bleibt Energie übrig, die der Körper als Fett speichert. Dadurch erhöht sich bei jenen Menschen, die die Mutation aufweisen, das Risiko für Übergewicht.

Daneben gibt es noch ein zweites Prinzip, das auf unser Erbgut einwirkt: die sogenannte Epigenetik. Epigenetische Vorgänge verändern, anders als Mutationen, nicht die Gene selbst. Sondern bestimmen, welche Gene „angeschaltet" sind und welche „ausgeschaltet" - denn nicht in jeder Zelle sind alle Gene aktiv. Dies geschieht etwa mithilfe sogenannter Methylgruppen: Hängen diese organischen Verbindungen in großer Zahl an einem Gen, hat die Zelle keinen Zugang mehr zu allen Informationen. Das Gen wird inaktiv.

Eltern vererben epigenetische Muster

Das Spannende: Epigenetische Veränderungen geben Eltern an ihre Kinder weiter. Immer neue Studien zeigen, dass beispielsweise adipöse Eltern ihren Nachwuchs damit schon im Moment der Zeugung auf Übergewicht programmieren. Und dass Väter, die sich fettreich ernähren, den Kindern beispielsweise ein höheres Risiko für Stoffwechselstörungen mitgeben. Auch die Schwangerschaft beeinflusst das individuelle epigenetische Muster eines Menschen, wie eine Studie zum niederländischen Hungerwinter 1944 eindrücklich belegt. Damals bekamen schwangere Frauen infolge eines Lebensmittel-Embargos der deutschen Besatzung mitunter nur

700 Kalorien am Tag zu essen. Traf der Mangel die Föten im letzten Viertel der Schwangerschaft, kamen die Babys mit dem erwartbar geringeren Geburtsgewicht zur Welt. Musste die Mutter jedoch bereits früh in der Schwangerschaft hungern, stellte sich der Organismus des Nachwuchses epigenetisch auf den Mangel ein - indem er jenes Gen besonders aktivierte, das für die Produktion wachstumsfördernder Moleküle zuständig ist. Dadurch zog der Nachwuchs aus der wenigen verfügbaren Energie besonders viel und kam normalgewichtig zur Welt. Im Laufe des Lebens jedoch wurden diese Menschen überdurchschnittlich häufig dick: Ihr Körper war epigenetisch auf „Mangel" programmiert und setzte jede Nahrung überdurchschnittlich stark um. Dies passte nicht zum Überfluss, den die folgenden Wirtschaftswunderjahre brachten - und sorgte bei den einstigen Mangelbabys mitunter für starkes Übergewicht.

Der Lebensstil beeinflusst genetische Voraussetzungen

Die gute Nachricht: Auch wenn jemand ein ungünstiges epigenetisches Muster mitgegeben bekommen hat, bedeutet dies nicht, dass er etwa zwangsläufig adipös werden muss. Denn viele Gene lassen sich ein Leben lang beeinflussen. So zeigte eine Tierstudie: Regelmäßiges Fasten kann die Aktivität bestimmter Gene so verändern, dass der Organismus Fett eher abbaut als einlagert. Dies schützt vor einem hohen Körperfettanteil sowie dessen Folgeerkrankungen und erhöht damit der Untersuchung zufolge die Lebenserwartung. Auch immer mehr Studien an Menschen weisen darauf hin, dass solche Umprägungen durch den Lebensstil in jedem Alter möglich sind. Und so gehen Wissenschaftler inzwischen davon aus, dass zu 70 bis 80 Prozent unsere (Ernährungs-)Gewohnheiten darüber entscheiden, ob ein Gen „angeknipst" wird oder nicht.

Achtung! Verschiedene Anbieter locken mit maßgeschneiderten Diäten auf der Basis genetischer Analysen zum Stoffwechseltyp. Aus meiner Sicht ist dies ist reine Scharlatanerie!

 
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