Zur Bedeutung des Geschlechts in der Identitätsentwicklung

Geschlechtsspezifische Identitätsentwicklung gründet in unserer postmodernen europäischen Kultur auf der Vorstellung, dass es zwei Geschlechter gibt [1], das weibliche und das männliche Geschlecht. Da es in der alltäglichen Realität keine Trennung zwischen biologisch-anatomischem und psycho-sozialem Geschlecht gibt, bedeutet dies eine Kultur, in der es Rollenzuschreibungen für die Geschlechter gibt, spezielle biologische Attribute und Schablonen, Hierarchien, Wertigkeiten und Normierungen, die Einfluss auf die Identitätsentwicklung nehmen. Gisela Steins arbeitet zur geschlechtsspezifischen Identitätsentwicklung folgende fünf grundlegende Prozesse heraus, die in der genannten Reihenfolge stattfinden bzw. aufeinander aufbauen:

„1. Geschlecht als erste Kategorie der Selbsterkenntnis

2. Geschlecht als erstes zentrales Merkmal der Fremderkennung

3. Geschlechtshomogene Spielgruppen

4. Entstehung geschlechtsspezifischer Subwelten

5. Training eines eingeschränkten Verhaltensrepertoires“ (Steins, 2008, S. 53).

Diese Prozessbeschreibungen zeigen m. E. eindrücklich, wie die in unserer Kultur herrschende polare und hierarchische Zwei-Geschlechter-Gesellschaft entsteht und aufrechterhalten wird. Die strukturelle Kategorie des Geschlechts ist zentral im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit Identitätsentwicklung von Menschen. Dabei ist sie ebenso wenig unbewegt bzw. unbeweglich wie der gesamte Prozess der lebenslangen Identitätsentwicklung, auch wenn dies von vielen Menschen insbesondere im alltäglichen Leben so wahrgenommen wird. Helga Bilden ordnet der Geschlechtsidentität drei Komponenten zu: 1. Die (Selbst-) Zuordnung zu einer der beiden Geschlechterkategorien (Sex), mit der sich ein Großteil der Menschen in unserer Kultur identifizieren und auf denen auch die Gesellschaft aufgebaut ist. Bilden bezeichnet dies kritisch als „Hetero-Norm“ (Bilden, 2006, S. 54). Die Zuordnung zu einem Geschlecht bedeutet insbesondere die Identifizierung mit einem biologischen Geschlecht. Diese bleibt über die gesamte Lebensspanne bei den meisten Menschen gleich und ist in der Regel auch eindeutig bzw. „stellt immer noch die nicht weiter explizierte Selbstverständlichkeit dar“ (ebd.), die nicht hinterfragt wird. 2. Die Identifikation mit den entsprechenden bestehenden Geschlechternormen und –idealen (Gender) und 3. die sexuelle Orientierung (vgl. Bilden, 2006, S. 50).

Um die Bedeutung von Geschlecht besser verstehen zu lernen, schlägt Barbara Rendtorff einen Zugang vor, der sowohl die intrapsychische Perspektive als auch die gesellschaftliche Ebene berücksichtigt und beide in wechselseitiger Abhängigkeit aufeinander bezieht. Die individuelle Perspektive betrachtet sie von einer psychoanalytisch geprägten Sicht. Der gesellschaftlichen Ebene nähert sie sich soziologisch. Rendtorff unterscheidet weiterhin zwischen dem individuellen geschlechtlichen Körper, dem imaginären Gesellschaftskörper und dem politischen Körper (Rendtorff, 2006, S. 92 und 97ff).

Den individuellen geschlechtlichen Körper beschreibt Rendtorff aufgespalten in männlich und weiblich. Männlich stehe hier für aktiv und abgegrenzt, penetrierend und drängend. Weiblich stehe für passiv, aufnehmend, umschließend und genießend. Außerdem greift die Autorin die klassische psychoanalytische Sicht auf, dass es eine Orientierung an dem körperlich sichtbaren männlichen Penis gebe, der wiederum dem Weiblichen fehle, d.h. das Weibliche ist nicht vollkommen oder vollwertig wie das Männliche bzw. durch das Fehlende drückt sich in entsprechenden nicht vorhandenen Begriffen des weiblichen Genitales aus, dass es sich dabei möglicherweise um etwas tabuisiert Böses handele, das nicht einmal in Worte gefasst werden dürfe. Zumindest fehlt durch einen entsprechenden Begriff die Bedeutung, die Wichtigkeit, wie sie dem männlichen Penis gegeben wird.

Rendtorff vertritt die Ansicht, dass die Atmosphäre, die mit männlich und weiblich, wie oben beschrieben, von Beginn an einem Baby, wohl auch schon einem Ungeborenen, sofern das biologische Geschlecht bekannt ist, durch die Umwelt, insbesondere durch die Eltern vermittelt wird. [2]

Den „imaginären Gesellschaftskörper“ (ebd., S. 98f) beschreibt Rendtorff als eine Erweiterung des individuellen geschlechtlichen Körpers auf „gesellschaftliche Aufgaben, Räume und Handlungsräume“ (ebd., S. 99), d.h. es geht um die Bereiche Familie und Erwerbsarbeit verstanden als „gesellschaftliche Organisation des Geschlechterverhältnisses“ (ebd., S. 98). In ihrer Argumentation findet sich auf dieser Ebene eine (weitere) Spaltung, die dadurch entsteht, dass Familienarbeit im weitesten Sinn in unserer (mitteleuropäischen) Gesellschaft nicht als Kulturleistung anerkannt, sondern als Privatangelegenheit bewertet wird. Die somit konstruierte Spaltung zwischen Familie und Arbeit führt in der Folge dazu, dass weibliches und männliches Geschlecht als Mutter und Mann definiert werden, aufgrund der Zuschreibungen und Verantwortlichkeiten in den beiden Feldern. Dies wiederum führt zu einem Verhältnis zwischen den Geschlechtern als „gesellschaftliches Paar“ (ebd.), das Konflikte und Unvereinbarkeiten aufwirft: Es handelt sich um eine inzestuöse Beziehung, der Mann taucht eher als Sohn auf, die Vaterfunktion verschwindet, die Frau ist zudem einer weiteren Spaltung ausgesetzt: die einer entsexualisierten Mutter und einer sexuellen Frau, die aufgrund der fehlenden Mutterschaft jung ist, Verführerin oder sogar Prostituierte. Rendtorff ist der Ansicht, dass der mütterliche Aspekt nicht beunruhigend sei, weil asexuell (vgl. ebd., S. 99). Die sexuelle jugendliche Frau sei ein aufwertendes Attribut des erfolgreichen Mannes und ein Sinnbild für ewige Jugend. Sie argumentiert weiterhin, dass die sichtbar werdende Auflösung der Spaltung des weiblichen Aspekts oberflächlich sei. Junge Frauen müssen nach wie vor zwischen Familie und Karriere wählen, auch wenn dies im Rahmen „politisch korrekter Rede“ (ebd., S. 99) negiert werde. Die stereotypen Zuschreibungen von Weiblichkeit gelten nach wie vor; die Medien (re)präsentieren diese eindrücklich. Mit dieser Wahl wird zwangsläufig die Entscheidung als desexualisierter Mutter oder sexualisierter Frau getroffen, anstatt je nach Gusto Aspekte beider Qualitäten leben zu können.

Den „politischen Körper“ (ebd., S. 99f) versteht Rendtorff als einen historisch gewachsenen Körper, in dem es um die Aufspaltung in einen öffentlichen männlich besetzten Raum geht, der mit Politik, freiem besitzendem Bürgertum und dem Aspekt des Kriegers mit Stärke, Mut, Tapferkeit und Tugend belegt ist. Den Gegenpart bildet der private, häusliche weiblich besetzte Raum, der als schwach, weich, zu schützend, potentiell in der Opferrolle bewertet wird.

  • [1] D.h. nicht, dass es in dieser Vorstellung nicht auch andere Geschlechter gäbe, die allerdings an den beiden `naturgemäß normalen´ Geschlechtern mit speziellen Kriterien orientiert sind und als abweichend beurteilt werden
  • [2] Ich würde schon zustimmen, dass gesellschaftlich grundsätzlich diese Art von Vergeschlechtlichung mit ihrer Aufspaltung im Kern als eine machtvolle strukturelle Komponente in unserer Gesellschaft wirkt; über die beiden Geschlechter männlich und weiblich hinaus gibt es noch viele(s) mehr. Indem die Autorin diese Vielfalt nicht thematisiert, führt sie m. E. die einhergehenden Abwertung und Diskriminierung anders (als in der benannten Dualität) empfindender und lebender Menschen fort
 
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