Frauen und Religiosität in der Postmoderne

Gender-Prozesse finden selbstverständlich auch und gerade im Bereich der Religiosität bzw. Spiritualität statt und bilden mächtige geschlechtsspezifische, die Sozialisation prägende Instanzen. Theresa Wobbe vertritt die Ansicht, dass

„bereits in der frühen Kindheit ( ) die Zeichen und Praktiken religiöser Bildung mit denen der Geschlechterdifferenz verknüpft [werden; Erg. d. .d. Verf.]. Im familiären Kontext sind nach wie vor überwiegend Frauen die Vermittlerinnen der elementaren Formen religiöser Kommunikation. Das Kennen lernen religiöser Zeichen und Praktiken in der Sozialisation ist eng mit den ersten Schritten in die Welt der Sprache, des Erlernens sozialer Verhaltensweisen und der Personwerdung selbst verwoben“ ist (Wobbe, 2008, S. 69).

Von den Frauen wird erwartet, dass sie sich zum einen den herrschenden Normen und Werten der jeweiligen religiösen Orientierung entsprechend, auch vorbildhaft, verhalten und zum anderen die tradierte Lehre vermitteln sollen.

Frauen stehen damit an einer Schnittstelle, in der sich ihre eigene Verhaftung in bestehenden Geschlechterrollen zeigt, in der sie aber auch Möglichkeiten der Veränderung haben, was bedeutet, autonomer zu werden und mehr Eigenverantwortung zu übernehmen und somit auch im religiösen Kontext Einfluss zu übernehmen und diesen kritisch zu hinterfragen. Theresa Wobbe konstatiert, dass sich die geschlechtsspezifischen Rollen in Religionen begonnen haben zu verändern. Sie stellt weiterhin fest:

„der Ort von religiösen Frauen [ ] hat sich historisch gewandelt, und dadurch ist die männliche Zentralperspektive in der Religion wie auch zwischen den Religionen mit ihrem Bildungskanon erklärungsbedürftig geworden. Als Laien werden Frauen gleichberechtigte Mitglieder religiöser Organisationen, als Expertinnen haben sie Zugang zu religiösen Ämtern. Auf diese Weise erlangen einige von ihnen religiöse Autorität und nehmen neue Definitionen des religiösen Symbolsystems vor [ ]. Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, die gegenwärtigen Umbrüche als Herausforderung für die Lebensund Zukunftschancen der Gesellschaft wahrzunehmen, um unseren Blick für die kulturellen Ressourcen einer heterogenen Gesellschaft zu schärfen“ (ebd., S. 74f).

Birgit Heller bestätigt diese Sichtweise insbesondere für die Entwicklungen im (westlichen) Buddhismus.

„Nicht zuletzt durch die wachsende Zahl westlicher Buddhistinnen ist die Rolle von Frauen in den buddhistischen Traditionen zu einem wichtigen Thema geworden. Westliche Frauen revidieren buddhistische Traditionen aus kritisch feministischer Perspektive“ (Heller, 2010, S. 716).

Mit den für diese Studie ausgewählten Interviewpartnerinnen konnten weibliche religiöse Autoritäten zu Wort kommen und ihren Lebensweg und ihre Selbstund Weltwahrnehmung darstellen. Herauszuarbeiten gilt es, inwieweit sie, sozusagen als Vorreiterinnen dieser beschriebenen neuen Entwicklung, in welcher Frauen ihr Verständnis von Religiosität in einer selbstbewussten Position präsentieren, dies beschreiben und bewerten und damit Bezugspunkte geben für Wege, die Gleichberechtigung auch im Religiösen weiter zu fördern und anzuregen.

Exkurs zum Verständnis interreligiöser Kompetenz

Durch die zunehmende Globalisierung wird die Kompetenz zum interkulturellen Dialog der Menschen dringlicher. Interkulturelle Kompetenz ist ein Schlüsselfaktor zur Entwicklung eines friedund respektvollen gemeinsamen Lebens weltweit. Die Auseinandersetzung mit dem Buddhismus, wie sie die Protagonistinnen der narrativen Interviews in diesem Forschungsprojekt führen, der in unserer Kultur, wenn auch nicht ganz neu, so doch nur von einer kleinen Minderheit gepflegt wird, verlangt die bzw. führt im besten Fall zur Entwicklung der Fähigkeit zum interkulturellen Denken und zum entsprechenden Handeln. Der Fokus liegt in diesem Exkurs auf dem interreligiösen Dialog, der ein wesentlicher Bereich der gesamten Interkulturalität bildet. Interkultureller Dialog wird von der UNESCO wie folgt beschrieben:

„Interkultureller Dialog ist weitgehend abhängig von interkulturellen Kompetenzen, die als Gesamtheit der Fähigkeiten definiert werden können, derer es bedarf, um angemessen mit Menschen umzugehen, die anders sind als wir selbst. Diese Fähigkeiten sind in erster Linie kommunikativer Art. Es geht jedoch auch darum, unsere Sichtweisen und unser Verständnis der Welt neu zu konfigurieren; sind es doch nicht so sehr Kulturen als vielmehr Personen – Individuen und Gruppen mit ihrer Vielschichtigkeit und unterschiedlichem Zugehörigkeitsgefühl – die am Prozess des Dialogs teilnehmen“ (Deutsche UNESCO-Kommission e.V., 2009, S. 9)

Bezogen auf den interreligiösen Dialog und dessen Bedeutung in der Gegenwart und für die Zukunft, wird zum einen die hohe Signifikanz dieser Kompetenz und zum anderen die Einbindung bisher benachteiligte Gruppen, zu denen auch Frauen zählen, betont.

„Der Schlüssel zum erfolgreichen interkulturellen und interreligiösen Dialog liegt in der Anerkennung der gleichen Würde aller Teilnehmer. Dies setzt Anerkennung und Respekt für diverse Formen von Wissen und ihre entsprechenden Ausdrucksweisen, Bräuche und Traditionen der Beteiligten, und das Bemühen voraus, einen kulturneutralen Kontext für den Dialog zu schaffen, der es Gemeinschaften ermöglicht, sich frei auszudrücken. Das trifft vor allem auf den interreligiösen Dialog zu. Dieser stellt eine entscheidende Dimension der internationalen Verständigung und damit der Konfliktlösung dar. Neben dem institutionellen Austausch zwischen Vertretern von Behörden oder des öffentlichen Lebens sollte interreligiöser Dialog, de darauf abzielt, verschiedene Sichtweisen in Übereinklang zu bringen, versuchen, alle erdenklichen Arten des Austauschs einzubeziehen, wie zum Beispiel auch durch informelle lokale und Gemeinschaftsnetzwerke, sowie neue Gesprächspartner einzubinden, vor allem indigene Bevölkerungsgruppen, Frauen und Jugendliche“ (ebd., S. 10).

Es gibt zunehmend Gruppierungen, in denen sich Menschen zusammen finden, die sowohl persönlich geistig-religiös verortet als auch politisch interessiert sind, in denen es um die Förderung interreligiöser Kompetenz mit entsprechenden Bildungsangeboten geht. Hier kommen Menschen unterschiedlicher Altersgruppen, oft junge, gut gebildete Menschen zusammen. In Südbayern gibt es z.B. den Verein ‚OCCURSO e.V.', dessen Zweck im Sinne einer „Förderung und Erforschung interreligiöser und interkultureller Begegnung und Bildung“ verstanden wird. „Der Satzungszweck wird verwirklicht insbesondere durch die Durchführung von Forschungsprojekten, Dialoginitiativen, Bildungsmaßnahmen und Beratung von Menschen im interreligiösenund interkulturellen Lebensfeld” [1].

Im Kontext der von Willigis Jäger beschriebenen Vision einer ‚west-östlichen Weisheit' – dies ist sicher nur ein Beispiel von vielen – wird interreligiöse Kompetenz praktisch gelebt durch eine entsprechend ausgerichtete Spiritualität. Zeitgemäße, integrale Spiritualität, so Jäger, knüpfe an die mystischen Wege des Ostens und des Westens an und stelle das ‚Hier und Jetzt' in den Mittelpunkt (vgl. Jäger, 2007a, S. 104). In diesem Konzept von Spiritualität, das sich jenseits von konfessionsgebundener Religiosität bewegt, grenzt sich Jäger in der Weise von konventionellen religiösen Wegen ab, dass diese im Gegensatz zu der von ihm postulierten spirituellen Ausrichtung „innere Befreiung von der Welt durch die Löslösung vom Diesseitigen zu erreichen versuchen und das Eigentliche ins Jenseits verlegen“ (ebd., S. 104). Jäger vertritt hiermit eine Ausrichtung, die auch bei den Biographieträgerinnen, die ich für die Einzelfallanalysen ausgewählt habe, zu finden ist: nämlich die Verantwortung für das Leben in der Gegenwart so umfassen wie möglich zu übernehmen.

  • [1] Satzung des Vereins, einzusehen unter occurso.de/OCCURSOSatzung.pdf (abgefragt am 23.04.2013).
 
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