Was sind Klarträume?

Klarträume sind Träume, in denen mir „klar“ wird, dass ich träume. Sie werden auch luzide Träume genannt (lateinisch: Licht bzw. klar). In den „normalen“ Träumen wissen wir nicht, dass wir träumen. Wir sind dem Traumgeschehen ausgeliefert und machen, so gut es geht, mit. Wenn mir aber plötzlich bewusst wird, dass ich mich gerade in einem Traum befinde, verändert sich dieses „Ausgeliefertsein“ schlagartig. Auf einmal kann ich die Handlung steuern und vorgeben. Es ergeben sich plötzlich unbegrenzte Möglichkeiten. Ich kann selbst bestimmen, was als Nächstes passieren soll. Leider hatte ich erst zwei Klarträume in meinem Leben, und beide waren sehr kurz. Einen erlebte ich so:

„Ich stehe bei einem Fest von einem Tisch auf. Es stehen viele Tische herum, es sind viele Leute da. Ich versuche mir einen Weg durch die Menschenmenge zu bahnen. Ich bemerke, dass ich nur Socken anhabe, meine Wanderschuhe habe ich beim Tisch gelassen. Ich gehe zum Tisch zurück, um meine Schuhe zu holen. Sie sind weg. Ich denke: ,Das kann nicht sein, ich war nur ganz kurz weg, ich weiß, dass sie hier standen.' Plötzlich kommt mir der Gedanke, dass dies ein Traum sein könnte. Ich schaue mich um, und versuche in die Luft zu hüpfen. Ich schwebe leicht. Ich denke: ,Wow, das ist tatsächlich ein Traum.' Ich springe in die Luft und schieße nach oben, vorbei an den Häusern, hoch in Richtung der Sterne. Ich sehe die Sterne auf mich zukommen. Dann wache ich auf“

Nach einer Umfrage der Traumforscher Michael Schredl und Daniel Erlacher aus dem Jahr 2011 in Deutschland hatten ca. die Hälfte der Befragten bereits irgendwann einmal Erfahrungen mit Klarträumen gemacht [107]. Ca. 5 % der Befragten gaben an, mindestens einmal in der Woche einen Klartraum zu haben. Personen mit häufigen Klarträumen können zum Teil die Geschehnisse in diesen Träumen so gut steuern, dass Forscher bei diesen Menschen Klarträume wissenschaftlich untersuchen. So können die Träumenden ein vorher verabredetes Zeichen geben, wenn ihnen bewusst wird, dass sie träumen. Meistens besteht dieses Zeichen aus einer bestimmten Abfolge von Augenbewegungen: nach links schauen, dann nach rechts, dann wieder nach links und nach rechts (LRLR). Im Schlaflabor können Forscherinnen dieses Muster an Augenbewegungen sehr gut entdecken, weil es sich eindeutig von den anderen Augenbewegungen im Schlaf abhebt. Dann können die Klarträumer eine verabredete Tätigkeit im Traum ausüben, z.B. Kniebeugen oder Liegestützen machen. Interessanterweise steigt dabei auch der gemessene Herzschlag leicht an [108].

Allerdings gelingt es selbst erfahrenen Klarträumern nicht immer, die Dinge im Klartraum umzusetzen, die sie sich vorgenommen haben [109]. In ca. 60 % der Klarträume führen die Träumenden etwas aktiv aus. Beliebt ist es, im Klartraum zu fliegen oder andere Personen im Traum anzusprechen. Leider antworten diese nicht immer. In den restlichen Klarträumen greifen die Träumer nicht in das Traumgeschehen ein, sondern lassen den Traum einfach aus Interesse weiter ablaufen. Den meisten Klarträumern geht es darum, Spaß zu haben. Viele nutzen Klarträume auch, um Ängste zu bewältigen. Gerade wenn Träume stark negativ gefärbt oder sogar bedrohlich sind, ist die Erkenntnis „Dies ist nur ein Traum“ sehr wichtig. Denn auf einmal ist das Traum-Ich nicht mehr ausgeliefert, sondern kann eingreifen, den Traum verändern, das Monster in Zuckerwatte verwandeln, einfach wegfliegen und vieles mehr. Deshalb kann die Methode des Klartraums auch bei Albträumen eine interessante Alternative sein.

Es gibt noch weitere interessante Anwendungsgebiete des Klartraums: So lassen sich bestimmte Sportbewegungen (z. B. im Skilaufen, Leichtathletik etc.) im Klartraum üben, und dies führt nach anekdotischen Berichten tatsächlich zu einer Verbesserung [95]. Auch wissenschaftliche Studien zeigen eine Verbesserung durch Training im Klartraum: So wurde das Werfen einer Münze in eine zwei Meter entfernte Kaffeetasse durch Klartraumtraining besser [110]. Die Leistung im Dartwerfen profitierte ebenfalls vom Training im Klartraum, allerdings nur, wenn die

Träumenden nicht zu stark durch andere Geschehnisse im Traum abgelenkt wurden [111].

Wie lässt sich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ich einen Klartraum habe? Am ehesten durch Übung und eine hohe Motivation. Man sollte sich vor allem vornehmen, einen Klartraum zu haben. Man kann sich auch häufig während des Tages folgende Frage stellen: Träume ich oder bin ich wach? Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass man sich diese Frage auch im Traum stellt. Gut funktioniert es auch, sich beim Erwachen an den letzten Traum zu erinnern und bestimmte Elemente daraus an den Wunsch zu knüpfen, beim nächsten Mal den Traum als solchen zu erkennen. Also wenn ich gerade von einer Prüfung geträumt habe, bei der ich wieder zu spät komme, dann nehme ich mir vor, bei der nächsten Situation dieser Art zu denken: Ist das ein Traum? Besonders gut scheint diese Technik zu funktionieren, wenn man frühmorgens aufwacht, und dann wieder schlafen geht. Nach dem Traumforscher Daniel Erlacher erlangen mit dieser Methode auch unerfahrene Klarträumer im Schlaflabor öfter einen Klartraum (siehe [95] für ausführlichere Informationen).

 
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