Können wir lernen, nur mit einer Hälfte unseres Gehirns zu schlafen?

Das wäre doch tatsächlich ein Wunschtraum: Gleichzeitig wach sein und schlafen. Doch wollen wir das wirklich? Wer weiß, wie sich das anfühlt. Es gibt aber sicher Situationen, in denen wir das gerne hätten, als Wissenschaftler vielleicht vor allem bei langweiligen sozialen Veranstaltungen, Konferenzen und wissenschaftlichen Vorträgen [117]. Wäre doch praktisch, wenn bei dieser Gelegenheit eine Seite unseres Gehirns schlafen könnte, während die andere noch leicht dösend zuhört. Allerdings werden wir Menschen das in dieser Form wohl nie lernen.

Trotzdem gibt es Hinweise, dass manchmal bei Menschen zumindest eine Hirnhälfte tiefer schläft als die andere. Meistens ist es die rechte Hirnhälfte, die stärkere Tiefschlafwellen zeigt als die linke. Die linke Hirnhälfte ist also etwas wacher, während wir schlafen. Man könnte sich vorstellen, dass wir dadurch etwas leichter aus dem Schlaf aufwachen, falls uns „Gefahr“ drohen sollte. Gleichzeitig profitiert die rechte Hirnhälfte von einem tieferen Schlaf. Nach einer amerikanischen Studie schläft die linke Hirnhälfte besonders dann weniger tief, wenn wir in einer neuen, unbekannten Umgebung schlafen [119]. Vor allem in der ersten Nacht in einem Hotelzimmer oder im Schlaflabor brauchen wir meistens etwas länger, um einzuschlafen, wir schlafen generell weniger tief und wachen häufiger auf. In der Schlafforschung nennt man dies den First-Night-Effect (englisch: Erste-Nacht Effekt) [120]. Die leichte Verschlechterung des Schlafs kann sogar länger als eine Nacht andau-em. Zusätzlich zu diesem schlechteren Schlaf schläft in einer unbekannten Umgebung die linke Hirnhälfte weniger tief. Vielleicht könnte dies erklären, warum wir uns in dieser Eingewöhnungsphase weniger ausgeruht fühlen, als wenn wir in der gewohnten Umgebung zu Hause schlafen. Dies wäre ein wirklich ausgeklügelter Mechanismus für unseren Schlaf: Wenn wir eine Schlafumgebung als unbekannt und potenziell gefährlich einstufen, dann passt die linke Hirnhälfte mehr auf und schläft weniger tief. Erst wenn wir durch mehrmaliges Schlafen gelernt haben, dass die Umgebung sicher ist, schläft auch unsere linke Hirnhälfte tief und fest. Allerdings sind die Forschungsergebnisse zu diesem Thema keineswegs eindeutig [117]. Es braucht sicherlich weitere Studien.

 
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