Wurde im Mittelalter in zwei getrennten Schlafphasen geschlafen?

Diese Behauptung stammt von dem Historiker Roger Ekirch [3]. Er ist der Überzeugung, dass Menschen im Mittelalter in zwei Phasen schliefen: Aufgrund des fehlenden Lichts am Abend und der harten körperlichen Arbeit am Tage sei es in einigen Bevölkerungsschichten üblich gewesen, zunächst eine etwa fünfstündige Schlafphase bis ca. 1 Uhr nachts zu halten. Dies war der sogenannte „frühe Schlaf“, auf den eine ca. einstündige Wachphase folgte. Um etwa 4 Uhr erfolgte dann eine zweite Schlafphase, die als „später Schlaf“ bezeichnet wurde und ungefähr drei Stunden andauerte. In der dazwischenliegenden Wachphase hätten die Menschen im Bett wach gelegen, meditiert, über Träume nachgedacht oder gebetet. Einige seien auch aufgestanden, hätten Hausarbeiten erledigt oder sogar Nachbarn besucht. Weiterhin gibt es Berichte, nach denen der Sex nach der frühen Schlafphase am besten sei. Nach Ekirch gab es die Bezeichnungen „früher“ und „später Schlaf“ in verschiedenen Sprachen des Mittelalters. Sie seien dann aber nach der Industrialisierung verloren gegangen. Er bezieht sich dabei hauptsächlich auf Schriften, Gedichte oder Lieder.

Interessanterweise berichten auch einige Schlafforscher von Experimenten, in denen Menschen lang anhaltenden Dunkelperioden ausgesetzt waren. Auch hier zeigte sich bei einigen Versuchsteilnehmern spontan ein zweiphasisches Schlafmuster [4]. Dass ein solches aber tatsächlich im Mittelalter verbreitet war, wird von vielen Forschenden im Bereich der zirkadianen Rhythmik angezweifelt. So berichtet der Münchener Forscher Till Roenneberg in seinem Buch „Das Recht auf Schlaf“ von Schlafmessungen bei Naturvölkern ohne Elektrizität [5], Hier sollten wir eigentlich ebenfalls frühen und späten Schlaf erwarten, da künstliche Beleuchtung fehlt. Allerdings zeigen die Schlafmessungen, dass diese Menschen einen monophasischen Nachtschlaf von ca. acht Stunden aufweisen. Die dunkle Zeit am Abend vertreiben sie sich hauptsächlich mit Geschichtenerzählen, Schnitzen, Hausarbeiten oder anderen Dingen. Auch der Autor des kürzlich erschienenen Buchs „Warum wir schlafen“, Albrecht Vorster, kann der Geschichte vom frühen oder späten Schlaf nichts abgewinnen, er hält diese Idee für ein „Spukgespenst der Schlafforschung“ [6]. Sehr wahrscheinlich haben auch im Mittelalter die meisten Menschen eine längere Schlafphase in der Nacht gehabt.

Doch kennen wahrscheinlich auch heute noch einige Menschen die Bedeutung eines frühen und eines späten Schlafs. Gerade ältere Menschen oder Patienten mit einer Insomnie haben häufig nachts eine mehrstündige Schlafphase, und dann liegen sie für einige Zeit wach. Wahrscheinlich bleiben einige von ihnen im Bett liegen und denken nach,

meditieren, beten oder lesen. Wieder andere stehen vielleicht auf und erledigen Hausarbeiten. Möglicherweise gehen sie dann wieder ins Bett und können am Morgen noch einmal ein paar Stunden schlafen. Meine Mutter (sie ist jetzt 73 Jahre alt), berichtet exakt von diesem Schlafmuster. Wenn man nun annimmt, dass es Menschen mit Schlafstörungen oder ältere Menschen mit schlechtem Schlaf auch schon im Mittelalter gab, dann wäre dies eine Erklärung für die Berichte und Anekdoten von frühem und spätem Schlaf. In diesem Sinne wären diese Erwähnungeneinfach ein historischer Hinweis, dass es Schlafstörungen oder altersbedingt veränderte Schlafmuster schon früher gab. Derartige Schlafstörungen traten möglicherweise sogar vermehrt bei Intellektuellen, Kreativen und Dichtern auf, die wiederum überhaupt überlieferte Textpassagen verfassen konnten. Interessanterweise hat Roger Ekirch seinem Kapitel „Die Modernisierung des westlichen Schlafs“ eine Alternativüberschrift hinzugefügt: „Hat Insomnie eine Geschichte?“ Der zweite Titel erklärt die Begriffe „früher“ und „später Schlaf“ viel treffender: Das zweiphasische Schlafmuster war wahrscheinlich auch im Mittelalter kein allgemeines Phänomen, sondern damals wie heute gab es einfach Menschen mit Schlafstörungen.

Trotzdem kann der Glaube, dass acht Stunden Durchschlafen die einzige Form des gesunden Schlafs ist, auch belastend sein. Sehr wahrscheinlich hat die Industrialisierung ebenfalls dazu beigetragen, die Bedeutung des geregelten Schlafs zu erhöhen. Bei der Produktion in den neu entstandenen Fabriken gewann der Tagesrhythmus des Arbeiters an Bedeutung. In dieser Zeit verbreiteten sich auch die (scheinbaren) Vorteile des frühen Aufstehens in Sprichwörtern wie „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ oder „Morgenstund’ hat Gold im Mund“. Sie zeugen von den wirtschaftlichen Vorteilen des produktiven Arbeiters. Ob das frühe Aufstehen aber wirklich für alle Menschen „gesünder“ ist, bleibt zweifelhaft (siehe Frage Was unterscheidet „Lerchen“ und „Eulen“?).

 
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