Was ist polyphasisches Schlafen?

Wenn man über den Tag verteilt mehr als zwei Schlafphasen hat, nennt man das polyphasisches Schlafen. Bekannt geworden sind polyphasische Schlafmuster durch Selbstberichte, in denen einzelne Personen erfolgreich den Schlaf über den Tag verteilt haben. Das Ziel war meistens, am Tag weniger Zeit mit Schlaf zu verbringen und länger wach zu sein. Die extremste Form ist wahrscheinlich das Schema nach „Uberman“ (Übermensch). Hier wird der Schlaf auf sechs 20-minütige Nickerchen über die 24 Stunden verteilt (also alle vier Stunden ein Nickerchen von 20 Minuten). Die gesamte Schlafdauer beträgt dabei zwei Stunden. In einem spannenden und detailreichen Blog hat Steve Pavlina seine Erfahrungen mit seinem 5,5 Monate andauernden Selbstversuch beschrieben [7]. Während er die ersten Wochen der Adaptation an den neuen Rhythmus in einer Art „Zombie“-Zustand verbracht hatte, fühlte er sich im Laufe der Zeit immer besser adaptiert. Er war wieder wacher und konzentrierter. Er war begeistert über die lange Zeit, die er nun an jedem einzelnen Tag zur Verfügung hatte. Zwischendurch tauchte allerdings immer wieder die Frage auf, was er eigentlich mit der gewonnenen Zeit anfangen sollte. Die Entscheidung zur Rückkehr zum monophasischen Schlaf begründet er ausdrücklich nicht mit gesundheitlichen Problemen oder Müdigkeit. Der Hauptgrund war, dass der Rest der Welt nun mal einen monophasischen Schlafrhythmus hat. Somit verbrachte er während seines Selbstversuchs viel Zeit in der Nacht allein. Auch die strikte Struktur und die kurzen Intervalle zwischen den einzelnen Nickerchen machten es schwierig, Zeit mit Freunden zu verbringen.

Auf der Website der Polyphasischen Gesellschaft werden noch weitere Schlafmuster beschrieben (s. Abb. 3-1). Zusätzlich werden dort Emp-

Abbildung 3-1: Monophasische und polyphasische Schlafrhythmen. Die dunklen Abschnitte geben die Schlafphasen an, die hellen die Wachphasen. Der ganze Kreis symbolisiert die 24 Stunden eines Tages. Die Zahlen geben die Dauer der jeweiligen Schlaf- und Wachphasen an. Die Gesamtschlafzeit beträgt beim Uberman und beim Dymaxion zwei Stunden, bei dieser Version des Everyman sind es ca. 4,5 Stunden Schlaf. Abbildung adaptiert von [8], mit freundlicher Genehmigung.

fehlungen gegeben und Erfahrungen ausgetauscht [8]. So gibt es die Version des „Dymaxion“ (4 mal 30 Minuten Schlaf alle sechs Stunden). Oder die einfacheren Formen des „Everyman“, die z. B. mit einer Hauptschlafphase von 3,5 Stunden zusammen mit dreimal 20 Minuten Mittagsschlaf auskommen. Für den Everyman gibt es auch Versionen mit zwei oder vier Mittagsschlafepisoden. Es wird richtigerweise darauf hingewiesen, dass Schlaf und Schlafbedürfnis sehr individuell sind und jeder selbst ausprobieren muss, ob und in welcher Art polyphasisches Schlafen für ihn sinnvoll ist oder nicht. Für das erfolgreiche Etablieren eines polyphasischen Schlafrhythmus braucht es vor allem eine sehr hohe Motivation und Selbstdisziplin. Und ein flexibler Arbeitsalltag macht es leichter, sich den neuen Schlaf-wach-Rhythmus anzugewöhnen.

Insgesamt scheitern viele bei dem Versuch, über längere Zeit polyphasisch zu schlafen. Martin Dresler vom Donders Institut in Nijmegen hat mir von einer Studie erzählt, bei der er die Phänomene polyphasischen Schlafens wissenschaftlich begleiten wollte. Er fand tatsächlich zehn Freiwillige, die zustimmten, für die nächsten drei Monate polyphasisch zu schlafen. In den ersten Tagen des Experiments zeigte sich ein starker Anstieg der Müdigkeit bei allen Probanden, und die Konzentrationsfähigkeit nahm deutlich ab. Schon nach einigen Tagen brachen mehrere Teilnehmer den Versuch ab. Nach zwei Wochen waren nur noch zwei der zehn Probanden dabei. Einer hielt es fünf Wochen durch, dann gab auch er auf. Für eine Dokumentation eines weiteren gescheiterten Selbstversuchs, siehe [9].

Die Idee eines verkürzten polyphasischen Schlafs scheint für einige Menschen sehr verlockend zu sein. Langfristig realisierbar ist sie aber nur für einen extrem kleinen Teil der Bevölkerung. Auch ist zu vermuten, dass der stark verkürzte Schlaf beim polyphasischen Schlafen zu langfristigen gesundheitlichen Problemen führt. Wissenschaftliche Ergebnisse liegen dazu aber noch nicht vor. Trotzdem zeigen die erfolgreichen Selbstversuche, wie flexibel Schlaf zumindest bei einigen Personen sein kann. Den meisten Menschen würde ich aber empfehlen, bei der monophasischen oder der zweiphasischen Variante zu bleiben.

 
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