Ist der Chronotyp angeboren?

Der Chronotyp wird meistens über einen Fragebogen erfasst. Dieser erfasst zunächst einmal die aktuellen Bettzeiten der Teilnehmerinnen. Falls jemand einen anderen Job annimmt oder einfach mal ein halbes Jahr eine Auszeit nimmt, können sich die Bettzeiten ändern. Auch wenn man Kinder bekommt, kann sich der eigene Schlaf-wach-Rhythmus durchaus ändern. Genau wie wir unseren Schlaf-wach-Rhythmus verschieben können, wenn wir durch mehrere Zeitzonen nach Amerika fliegen, können wir ihn auch im täglichen Leben an die äußeren Gegebenheiten anpassen. Es reicht also nicht aus, einfach zu behaupten: „Ich bin halt ein Abendtyp, deshalb kann ich morgens nicht zur Schule gehen.“ Unser zirkadianer Rhythmus zeichnet sich ja gerade durch seine Flexibilität und Verschiebbarkeit aus. Der über einen Fragebogen erfasste Chronotyp beschreibt eher einen aktuellen Zustand und sollte nicht als eine überdauernde, unveränderbare Eigenschaft von Personen verstanden werden [14].

Trotzdem wird vermutet, dass ein Teil der Unterschiede zwischen Morgentyp und Abendtyp angeboren ist. So zeigen eineiige Zwillinge meistens denselben Chrontotyp, sind also z. B. beide eher Morgentypen. Bei zweieiigen Zwillingen ist die Ähnlichkeit im Chronotyp weniger groß. Eineiige Zwillinge haben fast identische Gene und sehen deshalb meist sehr ähnlich aus. Zweieiige Zwillinge haben wie alle anderen Geschwister dagegen nur ca. 50 % identische Gene. Wenn bestimmte Eigenschaften bei eineiigen Zwillingen ähnlicher sind als bei zweieiigen Zwillingen, ist dies ein starker Hinweis auf angeborene, genetisch beeinflusste Eigenschaften. Bei Jugendlichen haben eineiige Zwillinge vor allem dann eine hohe Ähnlichkeit in ihren Bettzeiten, wenn diese nicht durch Schule oder Beruf bestimmt werden [16].

Vor allem die Dauer unseres körpereigenen zirkadianen Rhythmus ist wahrscheinlich genetisch bestimmt. Wenn alle äußeren Reize wie Tageslicht, Essenszeiten und soziale Kontakte wegfallen, dann bestimmt allein unsere innere Uhr unseren Schlaf-wach-Rhythmus. Solche Experimente wurden in Höhlen oder Bunkern durchgeführt. Als Pioniere für diese „Bunkerexperimente“ gelten die deutschen Chronobiologen Jürgen Aschoff [17] und Rütger Wever [18]. Einige Personen haben mehrere Wochen unter derartigen Bedingungen gelebt: Sie konnten über künstliches Licht ihren Tagesrhythmus komplett selbst bestimmen, wobei sie keinerlei Anhaltspunkte über die Uhrzeit hatten. Doch obwohl sie alles selbst bestimmen mussten, stellte sich ein deutlicher Schlaf-wach-Rhythmus ein. Dies zeigt deutlich, dass unsere innere Uhr einen Rhythmus vorgibt, auch wenn alle äußeren Vorgaben wegfallen.

In diesen Studien ergaben sich zwischen den Personen auch deutliche Unterschiede in der Länge ihres inneren Rhythmus. Im Durchschnitt ist dieser 24,2 Stunden lang, also etwas länger als 24 Stunden [19]. Die meisten Menschen haben einen solchen „inneren Tag“. Der längste Tag einer Person war in der Studie 24,5 Stunden lang. Nur wenige Teilnehmerinnen hatten eine Dauer von weniger als 24 Stunden. Im Zusammenhang mit Morgen- und Abendtypen wird nun vermutet, dass „Eulen“ eher einen länger als 24 Stunden dauernden zirkadianen Rhythmus haben. Ihr „innerer Tag“ ist zu lang, sie werden abends nicht rechtzeitig müde. Wenn sie könnten, würden sie nach ihrer inneren Uhr jeden Abend später ins Bett gehen. „Lerchen“ haben dagegen eher einen inneren Rhythmus, der 24 Stunden lang ist oder etwas kürzer. Sie werden abends rechtzeitig müde. Falls ihr innerer Tag kürzer ist als 24 Stunden, würden sie sogar jeden Abend etwas früher ins Bett gehen, wenn sie könnten. Um ihren inneren Rhythmus dem 24-Stunden-Tag anzugleichen, müssen sie sich also abends immer etwas länger wach halten, obwohl sie eigentlich schon schlafen könnten.

Der Chronotyp wird somit zu einem Teil von unseren Genen beeinflusst. Bei einigen extremen Abend- und Morgentypen kann es daher schwierig sein, sich anzupassen oder den eigenen Rhythmus zu verschieben. Aber der Chronotyp (also die Präferenz, früher oder später ins Bett zu gehen) und die Länge des inneren Tages (also die Dauer eines Tages der inneren biologischen Uhr) bezeichnen sicherlich nicht genau dasselbe Phänomen. Der Chronotyp wird nämlich vor allem von unseren Gewohnheiten und äußeren Gegebenheiten (Schule, Arbeit, Licht, Bewegung etc.) beeinflusst. Bei den leichten Morgen- vs. Abendtypen sollte es deshalb weniger ein Problem darstellen, vom Frühaufsteher zum Langschläfer zu wechseln und umgekehrt.

 
Quelle
< Zurück   INHALT   Quelle   Weiter >