Identität und autobiographisches Erzählen

„Verbinden wir aber verschiedene Erinnerungen, wird uns deutlich, dass im Netz der Erinnerungen die Essenz unseres Lebens erfahrbar ist, unsere Identität wird sichtbar“ (Kast, 2010, S.9).

Durch das Erzählen der eigenen Biographie wird die eigene Identität versichert. Die Auswahl dessen, was erinnert und erzählt wird, erfolgt unter Berück-

sichtigung verschiedener Faktoren. Ein wesentlicher Faktor ist das Empfinden einer Sinnhaftigkeit der Lebensgeschichte für die Erzählende in der aktuellen Situation. Diese entsteht durch Lebensthemen, die bedeutsam für die erzählende Person sind, die ihren Selbstwert stabilisieren, die Kontinuität auf der Grundlage der stetigen Veränderungen im Lebensprozess erzeugen. Im Laufe des gesamten Lebens gibt es mehrere sogenannte „identitätsrelevante Lebensübergänge (ebd.,

S. 160), die Brüche in die Kontinuität des Lebens bringen und damit identitätsverändernd wirken.24 Über diese Identitätsveränderungen hinweg gibt es sogenannte „Kernepisoden“ (ebd., S. 147), die sozusagen zeitüberdauernd als Grundgeschichten wieder und wieder erzählt werden und damit quasi das Gerüst der Autobiographie bilden. Auch sie können sich leicht in der Erinnerung und dadurch nachfolgend in der Erzählung verändern, aber das Grundsätzliche an diesen Geschichten bleibt gleich. Hier ist die Eigenaktivität und Eigenwirksamkeit relevant, die die Erzählende für sich durch ihre Erzählung wahrnehmen muss.

Straus sieht als das Wesentliche an den Kernnarrationen, dass sie kommunikativen Charakter haben, und zwar zum einen in Richtung der eigenen Person im Verständnis einer Selbstvergewisserung und zum anderen in Richtung signifikanter Anderer. Inhaltlich geht es dabei um die Herstellung und Vermittlung eines „kommunizierbaren Sinns“ (Straus, 2008. o. S.). Straus ist der Ansicht, dass Kernnarrationen „Fundstellen des Gelingens oder Misslingens von Zugehörigkeit“ (ebd.) enthalten. Allerdings, so die These des Autors, sei das Ausmaß der Identifizierung mit „kollektiven Gebilden“ (ebd.) deutlich zurückgegangen und damit einhergehend ebenfalls „kollektive Selbstbeschreibungen“ (ebd.).

Durch die „Struktur des Erzähltextes“ (Engelhardt, 1990, S. 198) kann herausgearbeitet werden, nach welchem inneren Verständnis oder nach welchen Mustern die Identität entwickelt wird. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, in welcher gesellschaftlichen Situation und Einbettung die erzählende Person sich befindet.

Somit enthalten Lebensgeschichten, die immer das eigene Werden der Identität rückblickend aus dem gegenwärtigen Moment nachvollziehen, durch die Informationen zu sozialen Kontexten, in denen sich der (in den Fällen in dieser Arbeit) erzählende Mensch bewegt bzw. bewegt hat, ebenso Informationen zur qualitativen Entwicklung der Identität.

 
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