Wann ist der Jetlag stärker: bei einem Flug nach Osten oder nach Westen?

Die meisten Menschen finden die Zeitumstellung nach einem Flug nach Osten schwieriger als nach einem Flug nach Westen. Es gibt Schätzungen, dass sich unsere innere Uhr pro Tag um ca. 90 Minuten anpassen kann, wenn wir nach Westen fliegen. Bei einem Flug nach Osten sind es dagegen nur ungefähr 60 Minuten pro Tag [51]. Bei zehn Stunden Zeitverschiebung (z. B. nach einem Flug nach Westen von Zürich nach Chicago) brauchen wir also sechs bis sieben Tage, damit sich unser innerer Rhythmus angepasst hat. Bei der gleichen Zeitverschiebung nach Osten (also bei einem Flug von Zürich nach Peking) brauchen wir ungefähr zehn Tage. Dies sind natürlich wieder nur Durchschnittswerte, die wirkliche Anpassungsdauer ist individuell sehr unterschiedlich. Doch warum ist eine Zeitumstellung bei einem Flug nach Ostern schwieriger als nach Westen?

Angenommen, wir fliegen morgens um 8 Uhr von Zürich nach Peking. Nach ca. zehn Stunden kommen wir an, d.h. wir sind um 18 Uhr Schweizer Zeit da. Nach der lokalen Zeit in Peking ist es aber schon 1 Uhr nachts. Wir müssten also direkt schlafen gehen. Um uns der neuen Zeitzone anzupassen, müssen wir unseren „inneren Tag“ verkürzen, also unsere innere Uhr früher stellen. Da aber viele Menschen eher „Eulen“ sind, sowieso einen längeren körpereigenen „Tag“ haben und dadurch natürlicherweise eher später als früher ins Bett gehen, fällt die Zeitumstellung nach einem Flug nach Osten schwer. „Lerchen“ sollte diese Flugrichtung in der Anpassung eher leichter fallen. Zusätzlich kommt hinzu, dass es generell schwerer ist, auf Kommando schlafen zu gehen, als trotz Müdigkeit wach zu bleiben.

Umgekehrt sieht es bei einem Flug von Zürich nach Chicago aus. Der Einfachheit halber nehmen wir wieder an, wir fliegen um 8 Uhr morgens in Zürich los und kommen zehn Stunden später an. Dann sind wir wieder um 18 Uhr Schweizer Zeit da. Allerdings ist es in Chicago bei der Ankunft erst 11 Uhr vormittags. Das heißt, wir müssen unseren „inneren Tag“ verlängern und länger wach bleiben, um uns an den neuen Rhythmus anzupassen. „Eulen“ fällt dies leichter, da sie sowieso gerne länger wach bleiben. Starken Morgentypen („Lerchen“) sollte die Zeitumstellung dagegen schwerer fallen, wenn sie nach Westen fliegen.

Allerdings gibt es auch viele andere Faktoren, die die Stärke des Jetlags beeinflussen. Zunächst ist da die Anzahl an überflogenen Zeitzonen: Je mehr Zeitzonen überflogen werden, desto schwieriger ist die Anpassung und umso größer der Jetlag (es sei denn, wir überfliegen mehr als zwölf Zeitzonen, dann wird die Anpassung natürlich wieder leichter). Es kommt auch noch dazu, wie stabil der eigene Rhythmus überhaupt im Heimatland war. Und die Flugreise an sich scheint auch noch einen Teil beizutragen. Man sitzt stundenlang auf einem unbequemen Sitz, kann vielleicht nicht richtig schlafen, bekommt zu seltsamen Zeiten Essen usw. Es wird vermutet, dass einige Symptome von Jetlag (z. B. Reisemüdigkeit) auch ohne das Überfliegen von Zeitzonen auftreten können, also z. B. durch einen mehrstündigen Flug von Zürich nach Südafrika, das sich in der gleichen Zeitzone wie die Schweiz befindet [22]. Allerdings sollte die Reisemüdigkeit nach ein bis zwei Tagen wieder abnehmen, während der Jetlag bei einigen Personen mehrere Tage oder sogar eine oder zwei Wochen anhalten kann.

Die Unterschiede zwischen dem Jetlag nach einem West- vs. Ostflug wirken sich auch nachweisbar auf Sportwettkämpfe aus. Gerade in großen Ländern mit mehreren Zeitzonen wie den USA oder Australien müssen Sportler auch in ihren nationalen Sportligen ständig fliegen, um zu den Austragungsorten zu gelangen. Im amerikanischen Baseball wurde an über 1OOO Spielen untersucht, welche Chance das Home-Team hat, wenn das gegnerische Team Zeitzonen überqueren musste [52]. Wenn der Gegner keine längere Reise machen musste, hatte die Heimmannschäft einen kleinen Vorteil, zu gewinnen: Sie gewann 54% der Spiele (bei 50% hätten beide Mannschaften die gleiche Chance, zu gewinnen). Bei einem Westflug der gegnerischen Mannschaft über mehrere Zeitzonen erhöhte sich die Chance, zu gewinnen, leicht auf 56%. Bei einem Ostflug der Gegner stieg die Gewinnchance sogar auf 63 %. Eine weitere Studie hat alle amerikanischen Baseballspiele zwischen den Jahren 1992 und 2011 untersucht [53]. Die Ergebnisse bestätigen, dass die Sportler schlechter spielten, wenn sie über mehrere Zeitzonen nach Osten reisen mussten. Für Baseballexperten: Insbesondere ließen sie dann mehrere Home Runs des Gegners zu. Bei Flügen nach Westen zeigte sich ein solcher Nachteil nicht. Auch die Leistung von Sprintern ist schlechter nach Ost-im Vergleich zu Westflügen [54]. Aufgrund dieser und anderer ähnlicher Befunde wird Sportlern und Athleten vor Wettkämpfen empfohlen, lange Flugreisen mehrere Tage vor den Wettkämpfen durchzuführen, um Nachteile durch Jetlag zu vermeiden [55].

 
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