Der Einfluss der Interviewsituation auf die narrative Rekonstruktion der Biographie

Die Biographieträgerin entwickelt die Erzählung ihrer Lebensgeschichte in Beziehung zu ihrer Interviewpartnerin. Auch wenn es keine weitere Beziehung zwischen Interviewerin und Interviewten gibt als die, die sich durch die Kontaktaufnahme für das Interview entwickelt, das im Interesse der Forschungsarbeit geführt werden soll, hat diese und natürlich die Person der Interviewerin für die autobiographische Erzählung eine Bedeutung und einen Einfluss auf die sich entfaltende Erzählung. Die Erzählerin schenkt der Interviewerin ihr Vertrauen. Im günstigen Fall gelingt es der Interviewerin dieses Vertrauen durch ihr Beziehungsangebot zu halten und zu vertiefen. Im ungünstigen Fall wird sie dem Vertrauensvorschuss nicht gerecht und das Vertrauen möglicherweise zerstört. Insofern ist die Haltung der Interviewerin in dieser Situation von grundlegender Bedeutung für eine vertrauensbildende bzw. -fördernde Atmosphäre. Vertrauensfördernd kann die Würdigung des Vertrauens und der Lebensgeschichte in einer Haltung sein, die tiefe Akzeptanz für die Person der Biographieträgerin und ihre Erzählung enthält. Wichtig ist hier auch, dass das Erzählen von Lebensgeschichten nicht auf eine vermeintlich objektive Wahrheit und Überprüfbarkeit der Fakten reduziert wird. Autobiographisches Erinnern und Erzählen zeichnet sich aus durch Prozesshaftigkeit und im Erzählen von für die Erzählenden im gegenwärtigen Moment wesentlichen Episoden, die für sie auch durch die Beziehung zur Interviewerin Relevanz bekommen und die sie im Erzählmoment erinnert. Die Erzählerin will eine für sie stimmige, in der Lebensbewältigung Kompetenz zeigende Geschichte erzählen, von der sie ebenso glaubt, dass sie damit das Interesse der Interviewerin weckt und fesselt. Dies sind sicher keine Prozesse, die bewusst ablaufen. Da, wenn Menschen ihre Lebensgeschichte oder Episoden aus ihrer Lebensgeschichte erzählen oder aufschreiben, sie immer auch vor ihrem inneren Auge eine oder einen Adressaten haben, an die oder den sie das Erzählte richten, wird die Erzählung lebendiger durch die Präsenz eines Gegenüber (vgl. Kast, 2003, S. 132ff.).

 
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