Religiosität und Narrativität

Die Kompetenzen, die der Bildung der narrativen Identität zugrunde liegen, sind für einen religiösen Menschen von besonderer Bedeutung. Denn religiöse Bildung bedarf der „Fähigkeit zur erzählerischen Vorstellungskraft, also mit Symbolen und Erzählungen, Dichtung und Literatur, Ritualen und Mythen, mit kulturellen und künstlerischen Wirklichkeiten umgehen zu können, …“ (Sedmak, 2008, S. 159). Diesem Aspekt begegnen wir in ausgeprägter Form in der Lebensgeschichte von Anna Paul, einer der Protagonistinnen, die ich für die Einzelfallanalyse ausgewählt habe, wieder. Kast konstatiert:

„der Zugang zur religiösen Biographie fällt Vielen schwer: zumindest, wenn sie mit Anderen darüber sprechen müssten. Es scheint in der heutigen Zeit leichter zu sein, sich über die Sexualität auszutauschen als über das, was wir ›glauben‹, über das, was uns letztlich trägt“ (Kast, 2010, S. 107).

D.h. einerseits ist die Fähigkeit zu verbalisieren für die Entwicklung einer religiösen Identität von hoher Bedeutung, andererseits fällt es hier besonders schwer, überhaupt Worte für das eigene Erleben und Empfinden zu finden bzw. diese auch auszusprechen.

Sinn und Stimmigkeit – die Ausrichtung des Lebens nach einem Kohärenzgefühl

Wie bereits angesprochen, ist eine wesentliche Intention in der narrativen autobiographischen Darstellung die Erzeugung von Sinnhaftigkeit eines Menschen für sein eigenes Leben [1]. Das, was ein Mensch in seinem Leben als Sinn empfindet, kann sich durchaus verändern, z.B. durch mittlerweile vollzogene Reifungsprozesse im Rahmen der natürlichen Lebensphasen oder durch das Erfahren und Bewältigen von kritischen Lebensereignissen. Sinn muss jederzeit aktiv hergestellt werden. Sinn ist immer individuell und ein Faktor psychischer Gesundheit. Eine Ausnahme bildet die Kindheit, in der der junge Mensch, wenn er oder sie eine ‚good enough' Entwicklung durchläuft, mit einer Art natürlichen Unschuld ausgestattet ist, innerhalb derer das Leben selbstverständlich als sinnvoll empfunden wird. [2]

Kraus und Höfer sehen den sense of coherence (vgl. Antonovsky, 1997) als eines von zwei Konstrukten (das zweite ist ein positives Selbstgefühl), um mit den ambivalenten und unübersichtlichen Anforderungen der postmodernen Gesellschaft „souverän umgehen zu können“ (Kraus / Höfer, 1999, S. 301). Sie bevorzugen einen prozessualen Kohärenzbegriff, der nicht z.B. stetige Wertvorstellungen eines Menschen in den Vordergrund stellt, sondern integriert, dass sich Einstellungen ändern können. Das Entscheidende ist, dass das Individuum die Veränderungen und die veränderten Inhalte für sich als stimmig erlebt. Bezogen auf soziale Netzwerke, die, wie bereits ausgeführt, grundlegend für die Identitätsentwicklung sind, bedeutet dies, dass die Netzwerke sich als den Veränderungen anschließend erweisen und diese wohlwollend und anerkennend verarbeiten (vgl. Kraus, 2008, o. S.).

Aaron Antonowsky hat im Rahmen seines Salutogenese-Ansatzes den Begriff der Kohärenz, der so viel bedeutet wie Sinn und Stimmigkeit oder auch Sinn als Stimmigkeit, differenziert beleuchtet und versucht zu erklären. Da es im empirischen Teil ebenfalls um die Frage des Herstellens von Sinn und Sinnhaftigkeit im Zusammenhang mit der Bewältigung von kritischen Lebensereignissen der Biographieträgerinnen geht, möchte ich als theoretische Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem empirischen Material Antonovskys Kohärenzverständnis vorstellen.

  • [1] Der Psychologe Viktor E. Frankl hat durch seine eigenen Erfahrungen im Konzentrationslager, wo er täglich darum ringen musste, wie er diese schrecklichen Qualen, denen er dort ausgesetzt war, überleben kann, ein psychotherapeutisches Verfahren entwickelt, das als wesentlich für die psychische Gesundheit die Beantwortung der Sinnfrage, ansieht (u.a. Frankl, Viktor E. (2008): Trotzdem ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. 29. Auflage. München)
  • [2] Ausnahmen gibt es hier, z.B. wenn ein Kind traumatischen Erfahrungen ausgesetzt ist oder anderen schwerwiegenden psychischen Belastungen oder Erfahrungen z.B. durch eine lebensbedrohliche Erkrankung eines signifikanten Anderen oder durch eigene Deprivation. Die Anzahl der Kinder, die psychisch erkranken, steigt leider. Insbesondere bei nichtdiagnostizierten Depressionen bei Kindern liegt eine hohe Dunkelziffer vor. Oder es werden Fehldiagnosen gestellt, z.B. kommt es häufig vor, dass nicht erkannt wird, dass sich hinter Symptomen, die dem Spektrum der Aufmerksamkeitsstörungen mit oder ohne Hyperaktivität zugeordnet werden, depressive Entwicklungen verbergen (vgl. kjp.med.uni-muenchen.de/forschung/depression1.php; kjp.med.uni-muenchen.de/forschung/leitl_depr.php; abgefragt am 09.05.2014)
 
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