Stören Seminare und Bücher über die Wichtigkeit des Schlafs den Schlaf?

„Herr Rasch, jetzt habe ich ein Semester lang von Ihnen gehört, wie wichtig Schlaf für uns ist - für unsere Gesundheit, unser Immunsystem, unser Gedächtnis und so vieles mehr. Seitdem ich das alles weiß, habe ich das Gefühl, ich schlafe viel schlechter als vorher.“

Das sagte eine Studentin der Universität Fribourg zu mir, nachdem sie mein Seminar besucht hatte. Auch eine Reporterin fragte mich einmal, ob all diese Berichte über die Wichtigkeit des Schlafs nicht eigentlich eher dazu führen, dass sich die Bevölkerung mehr Sorgen um ihren Schlaf macht und deshalb schlechter schläft.

Das kann tatsächlich sein. Gerade Menschen mit einem gestörten Schlaf wissen meistens sehr genau, dass Schlaf wichtig ist. Sie liegen nachts wach und machen sich Sorgen, was alles passiert, wenn sie nicht schlafen können. Viele haben auch den Eindruck, dass ihr Leben nur dann besser wird, wenn sie endlich wieder schlafen können. Schlaf ist also ohnehin das Wichtigste in ihrem Leben, und das Thema „Schlaf“ kann alles andere überschatten. Wenn diese Menschen auch noch ständig hören und lesen, dass ein schlechter Schlaf mit Fettleibigkeit, Anfälligkeit für Krankheit und der Beeinträchtigung von Gedächtnis und Aufmerksamkeit zusammenhängt, bringt ihnen das herzlich wenig. Im Gegenteil, es kann ihren Druck sogar noch erhöhen.

Es gibt eben immer zwei Seiten einer Medaille: Schlaf ist wichtig, ja -aber man kann auch mit weniger Schlaf überleben. Und sogar erstaunlich gut funktionieren. Manche Patienten sind selber das beste Beispiel dafür: Sie leiden seit Jahren oder sogar Jahrzehnten an Schlafstörungen, und trotzdem sind sie weder körperlich krank noch dick noch dement. Und sie verbringen - je nach Schweregrad der Störung - auch gute und fröhliche Tage. In der Psychotherapie zu Schlafstörungen werden unter anderem falsche Glaubenssätze bearbeitet, wie z. B. „Ich muss acht Stunden durchschlafen, sonst kann ich nicht funktionieren“ (siehe Frage Wie wird eine Insomnie behandelt?). Und zum Teil müssen Personen mit Schlafstörungen auch lernen, ihren gestörten Schlaf zu akzeptieren. Gerade wenn man älter wird, werden die Wachphasen während der Nacht länger. Warum in diesen Phasen nicht einfach ein Buch lesen oder ein Hörbuch hören? Und stattdessen am Morgen noch einmal einschlafen oder später aufstehen? Zumindest nach der Pensionierung kann sich ja jeder den Tag freier einteilen. Und wenn man noch arbeitet: Vielleicht gibt es Teilzeitmodelle oder flexiblere Arbeitszeiten, die mit dem eigenen Schlaf-wach-Rhyth-mus besser vereinbar sind?

Wenn also Bücher über den Schlaf den Schlaf stören, warum schreibe ich dann dieses Buch? Vor allem, weil Schlaf ein Thema ist, das viele interessiert. Gleichzeitig hat auch in der Wissenschaft das Interesse an Schlaf in den letzten Jahren wieder zugenommen. Und Berichte über diese Erkenntnisse sind auch häufiger in den Medien zu finden, allerdings manchmal etwas übertrieben dargestellt. Schlaf erfüllt tatsächlich wichtige Funktionen, dies entspricht auch dem Stand der Wissenschaft. Eine wichtige Botschaft - insbesondere für Menschen, die Schlaf als vertane Zeit ansehen. Gleichzeitig darf Schlafen aber nicht das Wichtigste in unserem Leben werden. Wer dem Thema schon genug oder eher zu viel Zeit einräumt, sollte sich bewusst machen, dass wir auch mit einem schlechteren oder unterbrochenen Schlaf funktionieren können. Gerade einem gesunden Menschen macht eine solche Nacht (oder mehrere Nächte!) mittelfristig nicht viel aus. Nur wenn Schlafstörungen über längere Zeit anhalten, sollte man Hilfe und Beratung in Anspruch nehmen. Solange der Körper sich wieder gut erholen kann, sind ein paar Nächte mit schlechtem Schlaf kein Problem. Schlaf ist wichtig, ja, aber man sollte auch das Wachsein genießen.

 
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